Schalke-Manager Horst Heldt hat aktuell viele Baustellen.

S04-Manager Heldt

"Legen die Champions League nicht ad acta"

20. Juli 2015, 12:38 Uhr
Foto: Elmar Redemann

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Schalke-Manager Horst Heldt hat aktuell viele Baustellen.

Für ihn war vor allem die Mitgliederversammlung vor drei Wochen ein Befreiungsschlag. Doch der Druck auf den Sportvorstand ist weiterhin enorm. Zuletzt kursierten Berichte, dass Heldt auf Schalke in der Vergangenheit bereits zur Disposition gestanden haben soll. Auch der geplante personelle Umbau ist noch längst nicht vollzogen. RevierSport sprach mit Heldt über diese Herausforderung sowie die reduzierten Ansprüche bei den Königsblauen und den neuen Sportlichen Beirat.

Horst Heldt, wie fällt Ihre Bilanz des Trainingslagers und der ersten Hälfte der Saisonvorbereitung aus?
Das Wichtigste war, dass jeder möglichst viele Trainingseinheiten mitgemacht hat und wir verletzungsfrei aus dem Trainingslager herausgegangen sind. Wir sind sehr gut durchgekommen. Außer Matija Nastasic, der wegen Achillessehnenproblemen pausiert hat, fällt mir kein Spieler ein, der mal eine Einheit auslassen musste. Das steht ganz oben, denn es ging darum, die Grundlagen für die Saison zu schaffen. Jeder hat voll mitgezogen, die Mannschaft hat sehr intensiv und gut gearbeitet. Da waren viele Sachen dabei, die Spaß gemacht haben. Aber auch bei den Dingen, die keinen Spaß gemacht haben, haben die Spieler voll mitgezogen und sich gequält. Das wird ihnen und uns in der Saison helfen. Auch mit den Bedingungen konnten wir sehr zufrieden sein. Es war ein gut gelungenes Trainingslager.

Trainer André Breitenreiter hat erklärt, dass das erste Etappenziel erreicht sei, da die Mannschaft zu einer Einheit geworden ist. Haben Sie einen ähnlichen Eindruck?
Ja, auf jeden Fall. Es gibt immer kleine Beispiele, die einem das zu erkennen geben, die nicht jeder auf den ersten Blick bemerkt. Wenn man aber zehn Tage auf engstem Raum von früh bis spät zusammen ist, dann ist es eigentlich nicht ungewöhnlich, dass man sich irgendwann auf die Nerven geht. Das war jedoch nicht der Fall. Es ist einfach schön zu erkennen, dass die Mannschaft über ihre Pflichttermine hinaus viel zusammen war und viel miteinander geredet hat. Das sind einfach gute Zeichen. Der Eindruck ist einfach, dass die Mannschaft sich gegenseitig unterstützt. Es ist spürbar, dass jeder gewillt ist, von Anfang an seinen Teil dazu beizutragen, dass wir besser agieren als in der letzten Saison. Die Spieler sind sehr fokussiert und konzentriert bei dem, was sie tun. Aber der Spaß hat uns sicherlich über die letzten Tage getragen.

Der Trainer verkörpert diese Entwicklung in erster Linie. Sind Sie froh oder sogar erleichtert, dass diese Personalie eine gewisse Euphorie ausgelöst hat?
Eigentlich war schon in den ersten Gesprächen klar, dass es funktionieren kann, denn André Breitenreiter ist kein Typ, der sich verstellt. So wie er sich als Trainer und Mensch am Anfang präsentierte, ist er dann auch weiterhin aufgetreten.

Sie haben bei ihm also sofort ein gutes Gefühl gehabt?
Es ist immer ein guter Indikator, wenn man sich an seine Zeit als Spieler zurückerinnert und sagen würde: „Ja, unter diesem Trainer könnte ich mir gut vorstellen, Spieler zu sein.“ Ich habe viele gute Trainer gehabt, aber auch solche, bei denen es nicht so passte. So bekommt man schon ein gutes Bild davon, welchen Trainer man sich wünscht. Das kann hilfreich sein, wenn es darum geht, sich für einen Trainer zu entscheiden. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, unter André Breitenreiter Spieler sein zu wollen. Er deckt vieles ab von dem, was man als Spieler braucht. Das war in den Gesprächen schnell zu erkennen und hat sich bisher voll bestätigt. Ich gebe aber gerne den Hinweis, dass wir noch ganz am Anfang sind und uns nicht nur mit der bisher gelungenen Vorbereitung zufrieden geben werden. Das was bisher war, war nur die Grundlage dafür, dass sich in der Saison etwas ändert. Das ist erfreulich, aber wir müssen jetzt weitermachen und dürfen nicht nachlassen. Natürlich ist der Anteil des neuen Trainers und seines Teams an dieser Entwicklung riesengroß. Sie verkörpern diesen Geist, aber es würde nichts nützen, wenn es an den Spielern abprallen würde. Die Mannschaft jedoch nimmt es auf, sie hören gut zu, verfolgen die Anweisungen des Trainers. Man merkt, dass sich die Jungs viel vorgenommen haben.

Erfolg möchte man auf Schalke aber ab sofort nicht mehr oder zumindest nicht in erster Linie am Tabellenplatz festmachen. Einige Spieler hingegen reden offen von der Qualifikation für Champions League als ihrem Ziel. Ist das ein Widerspruch?
Der Ehrgeiz, das Maximale herauszuholen, ist nach wie vor vorhanden, das wird sich im Wesen eines Fußballers auch nie ändern. Von der Grundsatzidee, anders auftreten zu wollen, werden wir uns nicht abbringen lassen. Trotzdem behalten wir den Ehrgeiz bei, das Maximale zu erreichen. Wir haben vor Einiges zu verändern und es wird auch mal holprig sein. Dies alles wird aber eine gewisse Zeit brauchen. Heutzutage wird eben oft doch nur nach dem Punktestand und Tabellenplatz abgerechnet. Daher rührt vielleicht auch eine gewisse Skepsis, dass wir die Saison nun nach anderen Maßstäben bewerten wollen. Wir als Vereinsführung und Cheftrainer haben aber das klare Ziel vor Augen, dass wir den Schwerpunkt auf besseren und anderen Fußball legen. Das beinhaltet eventuell am Ende dann ja auch, dass wir erfolgreicher Fußball spielen.

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Droht aber nicht der Abgang von Leistungsträgern, wenn bestimmte Ziele, namentlich die Champions-League-Qualifikation, verpasst werden?
Wir legen die Champions League ja nicht ad acta, sie bleibt für viele Mannschaften in der Liga ein lohnendes Ziel. Ich denke aber, dass es ganz wichtig ist, erstmal etwas anderes zu vermitteln, weil es notwendig ist. Deshalb werden wir weiterhin den Fokus darauf legen, dass wir anders auftreten wollen. Natürlich sind die Spieler erfolgshungrig. In den letzten Jahren wurden wir mit Champions-League-Teilnahmen verwöhnt und Schalke bleibt ein Klub, der auch um diese Ziele kämpft und fightet. Diese Wörter sind aber die Grundlage, um überhaupt wieder in solche Regionen vorstoßen zu können. Mit dieser Basis müssen wir anfangen, um dann vielleicht auch wieder andere Ziele ausgeben zu können. Jetzt sind die Grundtugenden gefragt, die den Verein auch früher ausgezeichnet haben. Daran lassen wir uns messen.

Sie müssen sich auch an Ihren Personalentscheidungen messen lassen. Geraten Sie bei der Kaderplanung zunehmend unter Zeitdruck?
Wie jeder Manager möchte auch ich meine Personalien so schnell wie möglich abarbeiten. Das ist die Wunschvorstellung, die machbare Umsetzung ist das Andere. Dazu gehört nicht nur der Manager von Schalke 04 oder der Verein Schalke 04, sondern auch noch andere Parteien. Damit ein Transfer am Ende klappt, müssen alle Parteien zufrieden sein. Es muss eine Win-win-Situation entstehen, so wie im Falle von Kyriakos Papadopolous. Sowohl auf der Abgangs- als auch auf der Zugangsseite laufen die Planungen auf Hochtouren. Es macht aber auch keinen Sinn, jetzt irgendwelche Konstellationen öffentlich durchzusprechen. Nach dem Motto: Das sind unsere Kandidaten. Am Ende ist es sinnvoll über ein Geschäft zu reden, wenn es abgeschlossen ist.

Über die möglichen Wechsel von Sidney Sam und Felipe Santana wurde allerdings im Vorfeld durchaus geredet.
Wir haben viel Vorarbeit geleistet im Fall von Santana. Wir waren uns einig mit Köln, wir waren uns einig mit dem Spieler, aber dann ist es erstmal an einem Muskelfaserriss gescheitert. Aber jetzt befindet sich der Spieler wieder auf sehr gutem Weg, also tut sich vielleicht zeitnah wieder eine neue Konstellation auf. Es macht keinen Sinn, von Tatsachen zu sprechen, die nicht vollendet sind. Wir haben genügend Zeit, um unsere Ideen umzusetzen. Dabei gilt es, nicht nervös zu werden. Es funktioniert in der Realität numal nicht wie in einem Managerspiel. Wenn den Spieler da am Ende keiner kauft, dann nimmt ihn der Computer (lacht).

Dass am Ende ein, zwei oder sogar drei Spieler, die nur noch auf dem Papier zum Kader gehören, auf der Tribüne sitzen, befürchten Sie nicht?
Die Situation, dass ein Spieler auf der Tribüne sitzt, will weder der Spieler, noch der Verein. Es gibt wenige Ausnahmen in der Fußballgeschichte, wo das mal anders war. Normalerweise wird immer eine andere Lösung gefunden. Auszuschließen ist so etwas nie, aber am Ende sind alle Seiten gewillt, eine andere Lösung zu finden.

Gibt es eigentlich eine Schmerzgrenze bei Transfers? Sind die kolportierten 17 Millionen Euro Ablöse für Xherdan Shaqiri für Schalke beispielsweise wirklich denkbar?
Transfers einer bestimmten Größenordnung sind tatsächlich ausgeschlossen, da wir Einkäufe einer bestimmten Dimension weder für sinnvoll halten, noch dazu in der Lage sind. Aus wirtschaftlichen Gründen gibt es eine Schmerzgrenze. Auf der Verkaufsseite gibt es natürlich keine Grenze nach oben, da sind wir offen (lacht). Der Fußball entwickelt sich ja immer weiter, wir reden sehr viel über die Fernsehgelder, die in England gezahlt werden, die den Markt beeinflussen. Da muss man eine Grundsatzentscheidung treffen: Will man als Verein weiterhin international vertreten sein oder verfolgt man andere Ziele? Wirtschaftlich ist es sinnvoll, international zu spielen, denn diese Vereine werden von der Entwicklung profitieren. Dann muss man wiederum jedoch auch bereit sein, etwas zu investieren und ein gewisses, bedingtes Risiko einzugehen. Das ist ein schmaler Grat, aber diese Balance zwischen Risiko und Vernunft hat Schalke 04 in den zurückliegenden zehn Jahren meistens sehr gut hinbekommen, wie ich finde. Dieser Spagat wird auch weiterhin zu meistern sein.

Kann sich Schalke einen „Rückfall“ ins Bundesliga-Mittelmaß überhaupt leisten?
Wenn wir uns in den letzten Jahren nicht dauerhaft für den internationalen Wettbewerb qualifiziert hätten, hätten wir nicht so viele Finanzverbindlichkeiten abbauen können und wären nicht in der Lage gewesen, jetzt nicht nur in Beine, sondern auch wieder in Steine zu investieren. Das sind enorme Fortschritte für den Verein. Deshalb ist das Ziel in den nächsten Jahren so oft wie möglich, international zu spielen, auch der richtige Weg für diesen großen Traditionsverein Schalke 04.

Julian Draxler gehört bei uns mit 21 Jahren zu den ‚Alten‘, wenn Jung gegen Alt spielt.
Horst Heldt über Schalkes „Jugendwahn“

Transfers haben aber auch eine gewisse Signalwirkung, nicht zuletzt gegenüber den Mitgliedern und Fans. Hohe Ablösen wären beim eingeschlagenen Konsolidierungskurs schwer vermittelbar, oder? Beeinflussen solche Gedanken die Arbeit eines Managers?
In den Überlegungen bei Transferentscheidungen gibt es ganz viele Komponenten, die man miteinbeziehen muss. Am Ende wägt man alles gegeneinander ab. Im letzten Jahr war Schalke bei den Transferausgaben an 14. Stelle. 13 Vereine haben also mehr investiert. Wir waren so gesehen recht „sparsam“. Am Ende war jedoch eine latente Unzufriedenheit da. Was sich Vorstand und Aufsichtsrat immer auf die Fahne geschrieben haben, ist, dass wir die Zukunft des Vereins nicht aufs Spiel setzen. Das ist seit Jahren unser Credo. Das haben wir in den letzten Jahren exzellent hinbekommen. Meines Wissens gab es auch andere Zeiten auf Schalke, von denen sind wir jedoch weit entfernt. Es kann aber auch mal sinnvoll sein, Ablösesummen in zweistelliger Millionenhöhe zu zahlen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben, erst recht, wenn man dazu auch in der Lage ist. Sicherlich werden wir aber auch keine außergewöhnlich hohen Summen bezahlen.

Ein Thema auf Schalke ist die Altersstruktur im Kader. Braucht die Mannschaft mehr Erfahrung, so wie Kapitän Benedikt Höwedes angedeutet hat?
Ich bin auch der Überzeugung, dass die Mischung alt/jung stimmen muss. Es ist schon bemerkenswert, dass Julian Draxler bei uns mit 21 Jahren zu den „Alten“ gehört, wenn bei uns Jung gegen Alt spielt. Wir sind schon sehr jung unterwegs. Unsere Bemühungen werden dahin gehen, vielleicht auch den ein oder anderen Spieler hinzuzunehmen, der Erfahrung mitbringt. Nicht unbedingt „spielerische“ Erfahrung, die bringt Julian Draxler auch mit. Was wir eher brauchen, ist Reife und Persönlichkeit, die etwas ältere Spieler besitzen. Zwischen einem 20-jährigen und einen 30-jährigen Fußballer liegen oftmals Welten. Mit jungen, talentierten Spielern sind wir hingegen extrem gut ausgestattet.

Ab sofort schaut Ihnen der Sportbeirat auf die Finger. Oder wie sehen Sie die Aufgabe des neuen Gremiums, das in Velden erstmals tagte?
Ich bin immer überzeugt davon, dass man im Team arbeiten sollte. Wir im Vorstand und Aufsichtsrat empfinden es als große Unterstützung, dass man sich mit Leuten austauschen kann, die eine Meinung vertreten können, weil sie viel von dem Metier verstehen, das wir zu verantworten haben. In Velden haben wir über unsere Ideen und wie sie sich umsetzen lassen und darüber, wie wir welchen Spieler sehen, gesprochen. Es ist angenehm und interessant, was von außen noch an Input hinzukommt, was noch mit einfließt. Es gibt auch Sicherheit, wenn solch ein erfahrener Mann wie Huub Stevens seinen Zuspruch zu vorhandenen Ideen gibt. Nicht zuletzt macht dieser Austausch auch Spaß, deshalb werden wir das auch regelmäßig fortführen, ohne dass es festgestanzte Termine geben muss. Für uns ist es eine tolle Unterstützung und wir werden sehen, dass wir uns rund um das Spiel gegen Twente Enschede wieder treffen und unsere Meinung austauschen. Es bleibt aber dabei, dass der Vorstand die Entscheidungen für das operative Geschäft trifft.

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