Am Mittwochabend hat Schalkes U19-Trainer Norbert Elgert beim Talk „90 Minuten – ein Abend unter Schalkern“ in der Arena tiefe persönliche Einblicke in sein Leben gegeben. 

Schalke 04

Norbert Elgert gewährt tiefe Einblicke in sein Leben

Stefan Bunse
30. Mai 2019, 15:51 Uhr

Foto: Stefan Bunse

Am Mittwochabend hat Schalkes U19-Trainer Norbert Elgert beim Talk „90 Minuten – ein Abend unter Schalkern“ in der Arena tiefe persönliche Einblicke in sein Leben gegeben. 

Bergmannstraße 59, 5. Stock, Gelsenkirchen-Ückendorf. Die Toilette steht auf dem Gang. Wenn Waschtag ist, steigt zunächst Elgerts Vater, der Schornsteinfeger ist, in die Badewanne, danach die Kinder – natürlich ins selbe Wasser. So ist Norbert Elgert in frühester Kindheit aufgewachsen. 
 
Diese Verhältnisse, die Alkoholabhängigkeit seines Vaters und eine eigene schwere Nierenerkrankung haben den 62-jährigen geprägt. Zusammengefasst hat er sein Leben in der beeindruckenden Autobiografie „Gib alles – nur nie auf! Die Erfolgsstrategien vom Trainer der Weltstars“, die im April im Ariston Verlag erschienen ist. 

Bei einem unterhaltsamen – von Jörg Seveneik moderierten - Abend vor 100 Gästen im Hospitality-Bereich „Tibulsky“ – verriet Elgert, warum er sich noch heute manchmal ohnmächtig fühlt. Wie damals, wenn sein Vater angetrunken nach Hause kam und er Angst um seine Mutter hatte und er sich machtlos der Situation ausgesetzt sah. Elgert: „Noch heute schnürt mir das mit derselben Wucht wie damals den Hals zu, wenn ich am Spielfeldrand stehe und meiner Mannschaft nicht mehr helfen kann. Dann holt mich das Gefühl von früher wieder ein.“ 

Bereits damals war ihm klar, dass er einiges in seinem Leben anders machen würde. Das Prinzip steht noch heute. In der Familie wie im Fußball. „Ich versuche Vorbild zu sein. Für uns Trainer ist das ein ganz wichtiges Führungsprinzip. Führen durch eigenes Beispiel. Es ist wichtig, dass du vorrangehst, dass du danach lebst. Du kannst nicht Wasser predigen und Schnaps trinken“, sagte Elgert.

Schalke-Trainer Elgert kämpfte sich nach Nierenerkrankung zurück

Ein Besessener sei er schon immer gewesen. Als ihm Ärzte wegen einer angeborenen – aber spät diagnostizierten - Nierenerkrankung prophezeiten, dass er niemals wieder Profifußball würde spielen können, kämpfte er sich trotzdem wieder heran – und spielte anschließend noch vier Jahre beim S04. Seit 40 Jahren immer an seiner Seite: Ehefrau Conny, die auch bei jedem Spiel der U19 als moralische Unterstützung dabei ist. Eine große Liebe bis heute. Sie hat sich auch für ihn ins Fußballtor gestellt, wenn Elgert Zusatzschichten schob und keinen anderen Trainingspartner gefunden hat. „Ich wollte morgens trainieren. Die Kollegen haben alle gearbeitet. Ich war in der Reha und wollte wieder gesund werden. Und Conny hat sich dann im strömenden Regen ins Tor gestellt und ich habe da drauf gepflastert“, erzählte Elgert.

In beeindruckender Weise verdeutlichte Elgerts Tochter Jenny, wie er sie mental auf einen Neuseeland-Abenteuer vorbereitet hat, obwohl er eigentlich gar nicht wollte, dass sie dorthin fährt. „Aber als es los ging, war ich genauso fit, wie seine Deutschen Meister.“ Und sie verriet, dass Elgert gefühlt 5.000 Bücher im Schrank habe. „Wir lernen nur von anderen“ bestätigte Elgert, dass er sich viel Wissen angelesen habe. „Es gibt immer Vorbilder, von denen du ganz viel mitnimmst. Heute sagt man Laptoptrainer, ich bin ein Büchertrainer.“

Gelesen habe er schon immer gerne. Und er hatte schon immer seinen eigenen Kopf. Als er mit 18 Jahren das Buch „Das Kapital“ von Karl Marx ins Trainingslager mitgenommen habe, sei er beim damaligen Trainer Max Merkel erledigt gewesen. „In dem Alter habe ich jeden Scheiß gelesen“, erinnerte sich Elgert. „Das ist durchaus ein schlaues Buch, aber ich habe darin einfach nur gestöbert. Das hatte mit meiner Gesinnung wenig zu tun. Als Max Merkel das Buch sah, da war ich aber bei ihm ganz unten durch. Das hat er mir auch gesagt. Danach hat er meinen Wechsel zu Westfalia Herne forciert.“

Am Herzen liege ihm, dass die Knappenschmiede keine One-Man-Show sei, so wie es manchmal dargestellt werde. „Die Knappenschmiede ist nicht Norbert Elgert“, sagte er. „Wir haben ganz viele gute Trainer, Physiotherapeuten und Manager, Betreuer. Wenn wir in der Knappenschmiede in den letzten zehn bis 20 Jahren erfolgreich waren, dann waren wir das alle gemeinsam.“ Dennoch komme er gut damit klar, wenn sich vieles auf ihn fokussiere. „Wenn du U19-Trainer bist, bewegst du dich normalerweise etwas unter dem Radarschirm. Das hat sich geändert. Aber gerade weil sich vieles auf mich projiziert, ist mir das wichtig. Alle haben großen Anteil daran, dass wir diesen Weltruf erreicht haben.“


Viele Trainerkollegen und einige seiner früheren Spieler saßen im Publikum. Auch einige, die es nicht ganz bis nach oben geschafft haben. Es gibt eben nicht nur die Neuers, Matips oder Özils. Nur vier bis fünf von 100 Spielern aus den U19-Kadern würden Profis. „Aber ich hänge wieder an seinen Lippen, wie früher“, bestätigte Christian Melchner. Der 28-Jährige musste nach einer schweren Rückenverletzung seine Karriere-Hoffnungen aufgeben und kickt künftig für den SV Horst 08 in der Landesliga. „Aber Norbert Elgert ist dennoch immer bei mir. In jeder schwierigen Situation denke ich an ihn. Er hat mir so viel fürs Leben mitgegeben.“ 

Norbert Elgert: Teamgeist ist ein Konstrukt

Teil seines Erfolgsrezeptes sei es, auf der einen Seite immer geradeaus und menschlich zu bleiben, aber auf der anderen Seite die Jungs bestmöglich auf die raue See Bundesliga vorzubereiten. „Ich halte es für sinnvoll, gerade in der heutigen Zeit, eine Fußballmannschaft wie eine zweite Familie zu leben“, führte Elgert aus. „Teamgeist ist ein Konstrukt. Jeder will nach oben, aber da wo Vertrauen ist und man sich wohlfühlt, kann auch jeder einzelne bessere Leistungen bringen.“ Dabei dürfe ruhig jeder seine persönlichen Ziele vehement verfolgen und auch mal die Ellenbogen einsetzen. „Aber bitte nicht mit der Rasierklinge. Du musst dich behaupten und durchsetzen, aber nicht über Leichen. Du musst auch in der Lage sein, für ein Team zu spielen.“ Sein Grundsatz: „Sobald du auf dem Platz stehst, muss das „wir“ über dem „ich“ stehen. In der Kreisliga genauso wie in einer Profimannschaft. Ich bin der festen Überzeugung, dass du nur dann erfolgreich sein kannst.“

Dabei sei es unheimlich wichtig, sich selbst zu reflektieren. „Aber: egal, was in der Vergangenheit passiert ist, für seine eigenen Schwierigkeiten, seine eigenen Unzulänglichkeiten und Probleme darf man niemand anderen verantwortlich machen.“

Er verlange viel, das wisse er. Aber: „Wenn du niemals Schwierigkeiten überwinden musstest, wenn dir alle in den Schoß gefallen ist und dann stehst du auf einmal in der Arena. Dann musst du druckresistent sein, du musst belastbar sein. Wenn du scheiße spielst, dann gibt es auch mal Pfiffe. Deswegen brauchst du nicht nur ein Talent für Fußball. Sondern auch eines dafür, Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden. Und wenn keine da sind, dann müssen wir sie manchmal aufbauen. Denn sonst hast du keine Chance.“ 

Dennoch müsse man immer an sich glauben. Er selbst habe das Wort „unmöglich“ seit seiner schweren Erkrankung aus seinem Wortschatz gestrichen. „Und wenn dann so ein Junge gesund ist und bei großem Talent nur minimale Einschränkungen hat und sich von seinem Weg abbringen lässt, dann drehe ich irgendwo durch.“ 

Und dann erzählte er noch eine Anekdote über Ralf Fährmann. Der sei eines Tages mit einer eigenartigen Frisur zum Training erschienen. „Ich habe ihm gesagt: Brauchst du das zur Abrundung deiner Persönlichkeit? Oder brauchst du das um aufzufallen? Falle doch lieber durch Leistung auf“. Dann hielt er kurz inne und musste angesichts seiner eigenen Langhaarpracht, die er seiner Frau zu Liebe hege und pflege, lachen: „Ausgerechnet ich muss das sagen.“ Auch das ist Norbert Elgert.

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30.05.2019 - 16:21 - Kuk

Echt richtig guter Bericht. Bitte mehr davon !