Der Schalker Erwin Kremers wurde 1972 mit einer Traum-Elf Europameister. Das Interview ist Auftakt zu einer Serie mit früheren EM-Helden.

Erwin Kremers

"Wir waren damals doch Amateure"

Peter Müller, Christoph Winkel
07. Juni 2016, 05:07 Uhr

Der Schalker Erwin Kremers wurde 1972 mit einer Traum-Elf Europameister. Das Interview ist Auftakt zu einer Serie mit früheren EM-Helden.

1972 wurden Deutschlands Fußball-Fans von ihrer Nationalmannschaft verwöhnt. Staunend sahen sie zu, wie Libero Franz Beckenbauer mit Regisseur Günter Netzer Doppelpässe im Mittelfeld spielte und Torjäger Gerd Müller die präzise Vorarbeit veredelte. Die Medien tauften diesen faszinierenden Offensivstil „Ramba-Zamba-Fußball“.

In einer Europameisterschafs-Endrunde mit nur vier Mannschaften holte das Team in Belgien souverän den Titel – mit 2:1 im Halbfinale gegen den Gastgeber und 3:0 im Endspiel gegen die UdSSR.

Linksaußen der von Helmut Schön trainierten Traum-Elf war ein Schalker: Erwin Kremers. Ein Gespräch über Erlebnisse, Erinnerungen – und Erwartungen.

Vor dem EM-Finale 1972 in Brüssel standen während der Hymnen zwei Fans mit einem Transparent direkt hinter der deutschen Mannschaft. Das waren noch Zeiten...
Erwin Kremers (lacht): Ja, schon zehn Minuten vor Spielschluss war der gesamte Platz von Fans umrandet. Wenn ich mir vorstelle, welche Sicherheitsvorkehrungen jetzt für die EM in Frankreich getroffen werden...

In Frankreich starten in der Endrunde 24 Teams, damals waren es vier.
Aber wir fühlten uns ohne Ende überlastet (lacht). Die Wahrheit ist: Im Vergleich zu heute waren wir damals doch Amateure. Nehmen wir das Gegnerstudium – welcher Aufwand da heute mit Video-Beobachtungen betrieben wird. Ich kannte damals überhaupt keinen Gegenspieler, und wenn wir Helmut Schön bei den Besprechungen fragend angeschaut haben, dann hat er einfach gesagt: „Ach Männer, wir sind doch auch Wer!“

Es hieß, dieses Team wäre auch ohne Trainer Welt- und Europameister geworden. Eine unfaire Sicht?
Ja. Helmut Schön brauchte natürlich gar nicht viel zu sagen, aber er hat die Mannschaft so geführt, dass sich jeder mitgenommen fühlte. Er war ein großartiger Mensch, ich habe seine Art geliebt. Heute würde er allerdings an all dem Rummel zugrunde gehen.

Das Spiel der 72er-Elf war riskant offensiv – trotzdem erfolgreich.
Fußball ist doch am schönsten, wenn nach vorne gespielt wird. Ich habe aber von Systemen keine Ahnung. Wenn mich der Bäcker danach fragt, muss ich passen. Ich frage mich: Wenn wenige Sekunden nach dem Anpfiff der Lahm einwirft und direkt hinter ihm der Guardiola wild auf ihn einredet – erzählt der da was von der kranken 9 und der umgefallenen 4?

Wie war das, in einer Mannschaft mit lauter Ballgenies zu spielen?
Es war toll. Netzer kannte genau meine Laufwege, und mit Beckenbauer verstand er sich blind. Und dann Gerd Müller: ein wunderbarer Kerl. Der lief los, und ich dachte: Wie blöd muss man sein, in diesen Raum zu laufen? Und im nächsten Moment kam der Ball dort hin, und drin war er.

Ist die EM-Elf von ‘72 die bis heute beste deutsche Mannschaft?
Das weiß ich nicht. Ich meine: Es hat zwar noch keinem geschadet, gut Fußball gespielt zu haben, und ich glaube, dass die Besten von damals auch unter den derzeitigen Bedingungen Weltklasse wären, aber sämtliche Vergleiche hinken doch. Das Spiel hat sich komplett verändert. Wir hatten nur einen Spielball – es dauerte ewig, bis der aus dem Aus zurückkam. Und wenn der Ball rechts war, hatte ich links Pause. Wenn ich da an das 7:1 gegen Brasilien bei der WM vor zwei Jahren denke...

Kann der Weltmeister auch Europameister werden?
Auf jeden Fall. Jogi Löw und Oliver Bierhoff leisten hervorragende Arbeit, und Deutschland ist eine Turniermannschaft. Das mag sich abgedroschen anhören, aber es stimmt. Ich würde diesen tollen Spielern den Titel gönnen.

Auch Sie hätten zwei große Titel holen können, wurden aber vor der WM 1974 vom DFB gesperrt. Sie waren in Kaiserslautern vom Platz geflogen, weil Sie den Schiedsrichter „blöde Sau“ genannt hatten – auf Nachfrage sogar noch einmal.
In Lautern wurdest du von der ersten bis zur letzten Minute getreten, und es gab da nur Heimschiedsrichter. Als bei einem Foul auch noch gegen mich gepfiffen wurde, bin ich ausgeflippt. Mein Zwillingsbruder Helmut war leider nicht dabei, der hätte mich zurückgehalten. Bei der Sportgerichtsverhandlung hieß es, ich sei kein Vorbild. Ich fragte: Darf ich auch mal was sagen? Die Antwort war: nein. Da ist mir der Kragen geplatzt. Unter dem Tisch hat mich unser Präsident Oscar Siebert getreten, dass ich blaue Flecken bekam. Ich wurde wegen fehlender Einsicht gesperrt.

Sie waren der beste Linksaußen, vermutlich hätte Bernd Hölzenbein im WM-Finale nicht gespielt.
Ja, das sagt der Holz selbst auch. Aber meinen Sie, der hätte mal Geld rübergeschickt? (lacht)

Autor: Peter Müller, Christoph Winkel

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