Am 2. Mai steigt das erste reguläre Montagsspiel der Bundesliga-Geschichte. Die ersten Fans gehen gegen den Anstoßtermin auf die Barrikaden.

Montagsspiel

"DFL ist dabei, das eigene Produkt zu zerstören"

29. April 2016, 10:51 Uhr
Foto: firo

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Am 2. Mai steigt das erste reguläre Montagsspiel der Bundesliga-Geschichte. Die ersten Fans gehen gegen den Anstoßtermin auf die Barrikaden.

Es ist ein echtes Sechs-Punkte-Spiel im Abstiegskampf: Wenn Werder Bremen am Montagabend (20.15 Uhr, Sky) den VfB Stuttgart empfängt, sorgt allein die sportliche Ausgangssituation für viel Gesprächsstoff. Ein anderes Thema ist der Anstoßtermin. Aus Protest gegen die Ansetzung werden die aktiven Fans des VfB Stuttgart das Spiel boykottieren. Obschon sie wissen, dass die Unterstützung ihrer Mannschaft fehlen wird. Wir sprachen mit Benjamin Nagel, Mitglied der Ultra-Gruppe Commando Cannstatt über die Gründe für ihren Boykott.

Benjamin Nagel, wann haben Sie erfahren, dass der VfB Stuttgart am Montagabend spielen wird?

„Wir treffen uns im VfB-Fanausschuss etwa alle zwei Monate. Als das Thema Montagsspiel aufkam, war ja noch nicht endgültig klar, welches konkrete Spiel betroffen sein wird. Aber wir haben schon gleich geahnt, dass der VfB Stuttgart in Frage kommen könnte – weil er wie Werder Bremen ein Traditionsverein mit vielen Fans ist – das perfekte Spiel für einen Testballon also. Die Sorge war also von Anfang an groß und schließlich war unsere Partie in Bremen auch eines der beiden möglichen Spiele. Dann folgte eine dreiwöchige Frist, nach der entschieden wurde, ob es nun das Spiel zwischen Dortmund gegen Wolfsburg oder unser Spiel in Bremen sein würde. Nach dem Ausscheiden von Dortmund in der Euro League stand für uns dann fest, dass es nicht mehr geändert wird.“
[infobox-right]Das sagen die Bremer
"Die Bremer Fanszene setzt sich ebenfalls kritisch mit dem Thema 'Montagsspiele' auseinander, allerdings haben nur wenige unter ihnen – vier Ultra-Gruppierungen zu denen etwa insgesamt 400 Sympathisanten zählen - zu einem Boykott der Partie aufgerufen. Die Mehrzahl der Fans wird diesem Aufruf nicht folgen und den SV Werder Bremen in dieser wichtigen Partie unterstützen. Wir rechnen mit einem ausverkauften Weser-Stadion", erklärte der SV Werder Bremen auf Anfrage. Im Vorfeld der Partie gab es einzelne Solidaritätsbekundungen der aktiven Bremer Fanszene, zu denen auch der Boykottaufruf der vier Ultra-Gruppierungen zählt. In Bremen werden übrigens trotz des Boykotts der Stuttgarter Ultra-Gruppierungen mindestens 650 Stuttgartfans am Montag im Weser-Stadion erwartet. [/infobox]
War sofort Konsens, dass man die Partie in Bremen boykottieren wird?

„Es war ein Treffen mit allen Ultra-Gruppen, den offiziellen Fanclubs und den Vertretern aus allen vier Regionen. Es herrschte Einigkeit bei allen Teilnehmern, dass man diese Entscheidung nicht einfach so hinnehmen darf. Ein mitten in der Saison erfundenes Spiel unter der Woche, das dann erst wenige Wochen vor dem Termin endgültig terminiert wird - da hört es irgendwann ja auch mal auf. Deshalb waren sich alle einig, dass man ein Zeichen setzen muss.“

Nun hat sich die sportliche Brisanz in den Wochen noch einmal verschärft. Gab es deshalb Stimmen, den Boykott abzublasen, um die Mannschaft im Abstiegskampf in diesem wichtigen Spiel wie gewohnt zu unterstützen?

„Wir haben damals schon geahnt, dass es sportlich sehr brisant werden kann. Nun ist es tatsächlich so gekommen. Zumindest im Bereich der organisierten Fans und allen, die am Beschluss das Spiel zu boykottieren teilgenommen haben, gibt es aber ausschließlich Stimmen, die sagen, dass wir nicht mehr davon abrücken. Auch wenn es richtig wehtut, die Mannschaft nicht zu unterstützen. Ich kann die Leute, die sich damit schwertun, auch verstehen. Wir waren in über 19 Jahren bei jedem Auswärtsspiel, das uns nicht durch höhere Kräfte verwehrt wurde - uns geht es da nicht anders. Aber die DFL soll endlich begreifen, dass sie dabei ist, das eigene Produkt zu zerstören.“

Was meinen Sie damit konkret?

„Die Bundesliga ist eine Stadion-Liga. Auch der TV-Markt lebt durch die Fans, die ins Stadion gehen, denn diese sorgen für die Atmosphäre. Ein Spiel ohne Fans im Stadion guckt sich auch im Fernsehen keiner an. Ich hätte auch mal sehr interessant gefunden zu erfahren, wie groß der so oft zitierte Fernsehmarkt für ein Bundesliga-Montagsspiel wirklich ist. Aber leider wurde ja kein eigenes TV-Paket nur für die Montagsspiele ausgeschrieben.“

Durch die Bank gibt es Signale zum Protest
Nagel über die Stimmung in anderen Fanszenen

Ist das Montagsspiel aus Ihrer Sicht nur ein weiterer Auswuchs der fortschreitenden Kommerzialisierung im Fußball?

„Natürlich gehört das Thema Montagsspiel zu einem großes Prozess der Kommerzialisierung, den wir sehr kritisch sehen. Die Fans sollten zumindest versuchen, dem Einhalt zu gebieten.“

Spüren Sie Rückendeckung innerhalb des Vereinsumfelds? Erfahren Sie auch Solidarität von Fans anderer Vereine?

„Wir fühlen uns im Verein durchaus gehört und haben den Eindruck, dass in dieser Frage beim VfB Stuttgart generell Einigkeit herrscht. Wie groß die Solidarität bei den Fans anderer Vereine ist, ist schwierig einzuschätzen. Aber es ist eigentlich schon durch die Bank so, dass es weitere Signale zum Protest gibt. Sogar mit Bayern München – mit denen wir nicht besonders gut Freund sind – gab es gemeinsame Spruchbänder, auch auf Schalke war es der Fall. Wir sind ehrlich gesagt gespannt, was an diesem Wochenende in dieser Hinsicht passieren wird.“

Wie wird der Boykott konkret ablaufen und was ist am Wochenende in Stuttgart geplant?

„Der Boykott am Montag richtet sich auf das Spiel in Bremen. Der Protest allerdings geht gegen alle Montagsspiele. Wir werden uns am Sonntag um 13 Uhr an unserem Treffpunkt am Cannstatter Bahnhof versammeln und von dort einen Protestmarsch zum Trainingsgelände machen. Beim Abschlusstraining, das eigentlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, dürfen wir dabei sein und der Mannschaft noch einige Worte mit auf den Weg geben. Wir werden dafür sorgen, dass sich die Mannschaft sehr gut unterstützt fühlt. Danach wird es noch einige Kundgebungen geben. Weder das Wetter, noch der Termin am 1. Mai spielt uns in die Karten, aber wir hoffen, dass wir eine vierstellige Teilnehmerzahl erreichen.“

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