Nach Schlusspfiff beim Dortmunder 2:3 gegen AS Monaco waren alle Dämme gebrochen, die eine Mannschaft zur Abschottung um sich baut.

BVB

Bewegender Sahin, Tuchel knöpft sich die Uefa vor

Pit Gottschalk
13. April 2017, 09:21 Uhr
Foto: firo

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Nach Schlusspfiff beim Dortmunder 2:3 gegen AS Monaco waren alle Dämme gebrochen, die eine Mannschaft zur Abschottung um sich baut.

Endlich wollten die Spieler von Borussia Dortmund darüber reden, was ihnen am Tag zuvor widerfahren war. Die Aufregung nach dem Bombenattentat auf den Mannschaftsbus. Die Notoperation ihres Kollegen Marc Bartra. Der Empfang beim Spiel im Signal Iduna Park, einen Tag später als geplant, das 2:3 gegen AS Monaco in der Champions League.

„Es war natürlich schwierig für uns“, sagte Mittelfeldspieler Julian Weigl hinterher. „Die meisten Jungs haben wie ich auch nur wenig geschlafen.“ Es gebe nicht den „goldenen Weg, wie man damit umgehen kann“, fügte er hinzu. Er ging so damit um: „Ich habe versucht, die Zeit mit meiner Familie zu verbringen und ein bisschen runterzubringen.“

Auch Nuri Sahin wusste, „dass es nicht einfach wird, sich auf Fußball zu konzentrieren“. „Wir sind alle Menschen. Was passiert ist, das wünsche ich niemandem. Erst als ich gestern nach Hause kam und meine Frau und mein Sohn vor der Türe standen, da habe ich realisiert, wie viel Glück wir hatten“, sagte der Mittelfeldspieler. „Das war nicht schön heute.“

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Trainer Thomas Tuchel weiß um seine besondere Rolle für die Mannschaft. Er hatte seinen Spielern mit auf den Weg gegeben, dass es keine Schwäche ist, seine Schwäche nach dem Attentat zu zeigen. Der Verein habe jedem Spieler versprochen, für psychologische Hilfe zu sorgen, falls jemand diese Hilfe benötigt, so BVB-Kommunikationschef Sascha Fligge.

Tuchel sagte nach dem Auftritt beim 2:3: „Es hat viel Mut und Courage erfordert. Das haben wir gezeigt. Es ist nicht vergessen und nicht verarbeitet. Wir hätten uns gewünscht, mehr Zeit zu haben. Es geht hier einerseits um Verarbeitung, aber auch um unseren Champions-League-Traum. Wir werden uns nochmal schütteln.“

Um ins Halbfinale der Champions League einzuziehen, muss Borussia Dortmund nächste Woche beim AS Monaco gewinnen. Entweder mit zwei Toren Unterschied oder mit mindestens vier Auswärtstoren bei einem Sieg. Eine schwere Aufgabe beim Tabellenführer der französischen Liga. Trotzdem sagt Tuchel: „Mal schauen, wir werden auf jeden Fall dran glauben.“

Einen Einblick in die Seelenlage gab Tuchel in der Pressekonferenz. Dabei kam heraus: Seinen Spielern wurde es sogar freigestellt, ob sie überhaupt gegen AS Monaco auflaufen wollen.

Hier der Wortlaut, was Thomas Tuchel auf die Fragen der Journalisten in der Pressekonferenz geantwortet hat:

Thomas Tuchel. Wie schwer war es, die Mannschaft nach dem Sprengstoffanschlag auf das Spiel vorzubereiten?
Sehr schwer. Wir haben es den Spielern freigestellt, ob sie spielen wollen. Der Anschlag galt uns als Menschen. Das steckte uns in den Knochen. Die Spieler haben versucht, das Problem auf dem Platz zu lösen.

Wie haben Sie die Neuansetzung keine 24 Stunden nach dem Anschlag aufgenommen?
Wir hätten uns mehr Zeit gewünscht, um das zu verarbeiten. Wir haben die Zeit leider nicht bekommen. Es geht auch um unseren Traum. Um unseren Traum, ins Halbfinale zu kommen. Die Spieler konnten sich nicht so fokussieren, wie sie es sich gewünscht hätten.

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Wie verärgert sind Sie über die Uefa?
Wir waren in die Entscheidung überhaupt nicht eingebunden. Das hat die Uefa in der Schweiz entschieden. Das ist kein gutes Gefühl, es war ein Gefühl der Ohnmacht. Die Termine werden vorgegeben und wir haben zu funktionieren. Wir hatten das Gefühl, dass wir behandelt werden, als wäre eine Bierdose an unseren Bus geflogen.

Welche Entscheidung hätten Sie sich gewünscht?
Wir hätten uns ein paar Tage mehr Zeit gewünscht. Die Zeit wäre wichtig gewesen, um einen Umgang damit zu finden. Es schmerzt die Mannschaft unendlich, dass hier ein Viertelfinale zu Hause stattfindet und sie sich da wie reingeschoben fühlt. Wir wollten das Viertelfinale auf höchstem Niveau bestreiten. Das ist der Anspruch. Es fühlt sich ohnmächtig und nicht gut an.

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Und der Spielverlauf war auch gegen Ihr Team.
Wir haben quasi zwei Eigentore erzielt und ein Abseitstor bekommen. Es ist nicht für uns gelaufen. Das Abseitstor ist mir ein Rätsel, wie man das auf diesem Niveau nicht erkennen kann. Was schiefgehen konnte, ist schiefgelaufen. Was die Mannschaft an Charakter und Spirit gezeigt hat, war absolut großartig.

Wie werden Sie jetzt in den nächsten Tagen damit umgehen?
Mir persönlich ist es nicht so nahe gegangen, ich weiß nicht wieso. Wir gestehen jedem Spieler zu, seinen eigenen Umgang damit zu finden. Es ist nicht damit getan, dass wir heute ein Spiel gespielt haben. Ich habe keine Ahnung, was bis zum Rückspiel passiert. Jeder einzelne Spieler muss mit diesem Erlebnis selber umgehen. Es war eine absolute Ausnahmesituation. Ich weiß nicht wie lange es dauert. Es gibt da kein Rezept.

Was können Sie als Trainer machen?
Ich habe versucht die Mannschaft zu ermutigen, dass sie sich nicht schämen muss, hart zu spielen und sich auch zu freuen. Wir müssen den Spielern helfen, ihren inneren Konflikt zu überwinden. Es war auf jeden Fall eine schlimme Erfahrung.

Autor: Pit Gottschalk

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