Matthias Leisner ist Schalker durch und durch. Geboren in Gelsenkirchen, S04-Fan seit Kindesbeinen, Dauerkarte für die Veltins-Arena und Vereinsmitglied seit 2003. Der 23-Jährige studiert in Münster Politikwissenschaft im Hauptfach und die beiden Nebenfächer Nordische Philologie und Geographie.
Seit knapp einem Jahr lebt er als ERASMUS-Austauschstudent im südschwedischen Lund.

Ein Schalker im schwedischen Exil

Über 50 Stunden Zugfahrt für zwei Spiele

ben
31. Mai 2007, 14:07 Uhr

Matthias Leisner ist Schalker durch und durch. Geboren in Gelsenkirchen, S04-Fan seit Kindesbeinen, Dauerkarte für die Veltins-Arena und Vereinsmitglied seit 2003. Der 23-Jährige studiert in Münster Politikwissenschaft im Hauptfach und die beiden Nebenfächer Nordische Philologie und Geographie.
Seit knapp einem Jahr lebt er als ERASMUS-Austauschstudent im südschwedischen Lund.

In der Studentenstadt Schwedens, mehr als ein Drittel der 76.000 Einwohner zählenden Stadt sind angehende Akadamiker, verbessert Leisner seine Kenntnisse in der Landessprache. Dabei ist er als Schalker so ziemlich alleine in der Stadt: "Trotz der vielen deutschen Austauschstudenten habe ich hier bislang noch keinen Schalker getroffen", sagt er.

Sein Abschied aus der Heimat war der Schalker Bundesligaauftakt im vergangenen August gegen Eintracht Frankfurt. " Leider war er nicht mit einem Sieg gekrönt und der Auftakt in die neue Saison nicht so wie erhofft. Auch für mich war es kein glanzvoller Abschied von den Blauen", blickt er zurück. Wenige Tage nach dem 1:1 gegen die Hessen hieß es für ihn Lebewohl zu sagen von Schalke, Familie, Freundin und Freunden und es ging auf Richtung Schweden. Die Dauerkarte für die Arena wanderte an einen Freund, der gelobte, ihn stimmgewaltig zu vertreten.

Abschied nach erstem Spiel

Doch zum Glück für Leisner gibt es ja das Internet. So brauchte er auf die Königsblauen nicht gänzlich zu verzichten. Zunächst verfolgte er die Spiele der Schalker live im Radio über WDR 2. Wenig später fand er dann auch eine Möglichkeit bewegte Bilder der Bundesliga live zu verfolgen. Der Wettanbieter "bwin" bietet seinem im Ausland registrierten Kunden auf der Homepage alle Bundesligaspiele im Livestream an. "Ein toller Service für mich. Damit war ich natürlich noch näher dran und konnte mehr mitfiebern", schwärmt er. Allerdings ließ Leisner in der Hinrunde auch das eine oder andere Spiel aus, da es natürlich auch galt, das neue Land zu erkunden. "Kribbeliger wurde es dann in der Rückrunde, als Schalke immer länger an der Tabellenspitze stand", nickt der Blondschopf.

Dabei wuchsen seine logistischen Probleme, denn eine eventuelle Meisterfeier wollte er sich nicht entgehen lassen. "Somit musste ich spontan und flexibel sein, denn ich musste natürlich an dem Spieltag nach Gelsenkirchen kommen, an dem Schalke die Meisterschaft hätte perfekt machen können", erzählt Leisner. "Zwischenzeitlich bekam ich Schweißausbrüche, als es so aussah, dass die Blauen wegziehen und vielleicht schon drei oder vier Runden vor Saisonende hätten Meister werden können. Es hätte ja auch sein können, dass ich viermal vergeblich in die Heimat komme würde", berichtet er.

Spontane Zugbuchung

So fand er mit sich selbst einen Kompromiss. Ende März wurde vorsorglich die Zugfahrt zum letzten Heimspiel gebucht. Alle anderen Fahrten wollte er spontan organisieren. Dass Schalke schließlich doch erst am 33. Spieltag in Dortmund den Titel hätte perfekt machen können, wirkte sich sparsam auf seinen Geldbeutel aus.

Nach dem Sieg gegen Nürnberg buchte er sofort nach Spielende die Zugtickets, um das letzte Auswärtsspiel der Saison in der Heimat zu verfolgen. Am 11. Mai machte er sich Nachmittags um 16.30 Uhr mit S04-Schal und -Trikot im Gepäck von Lund aus mit dem Zug nach Kopenhagen auf. Dort hieß es umsteigen in einen Nachtzug, der am nächsten Morgen um sechs Uhr in Bochum eintraf.

Nach über 13 Stunden erreichte Leisner Gelsenkirchen. Mit Freunden schaute er sich das Spiel gegen den BVB in der Kneipe "Bosch" an der Glückauf-Kampfbahn an. "Karten für Dortmund hatten wir nicht. Dort hätte ich auch gar nicht hingewollt, allein schon, weil das der letzte Ort gewesen wäre, an dem ich hätte sein wollen, falls Schalke verliert. Auch zum Public-Viewing in die Arena hat es uns nicht gezogen. Da wären wir wahrscheinlich noch aufgeregter gewesen, als wir es eh schon waren."

Nach dem Schlusspfiff saß die Enttäuschung tief. "Die Schalker haben nichts von dem gezeigt, was ich mir erhofft hatte. Eigentlich taten sie alles dafür, um nicht zu gewinnen. Von der Einstellung und nicht vorhandenen Leistung dieser Truppe, die an diesem Tag die Bezeichnung Mannschaft nicht verdient hatte, war ich zutiefst enttäuscht", ärgert sich Leisner.

Kein Bock auf Dortmund

Nach dem verkorksten Wochenende ging es am Montag mit der Bahn wieder zurück nach Lund. Da die Hoffnung ja bekanntlich zuletzt stirbt und er das gebuchte Ticket nicht verfallen lassen wollte, ging es nur drei Tage später erneut mit dem Zug Richtung Ruhrgebiet. Diesmal dauerte die Reise wegen der obligatorischen Verspätung der Bahn knapp 16 Stunden. Nicht ganz ausgeschlafen ging es in die Arena. "Endlich wieder einmal Gänsehaut-Atmosphäre, da habe ich richtig gemerkt, wie sehr mir das gefehlt hat", sagt Leisner und fügt an: "Und dann dieser Auftakt, Schalke führt und Cottbus auch. An die Meisterschaft glauben konnte ich aber immer noch nicht und mit dem 1:1 für Stuttgart war für mich die Sache auch wirklich gelaufen."

Während viele Fans im Stadion die Mannschaft für den erreichten zweiten Platz feierten, war ihm allerdings weniger nach Jubeln zumute: "Die Mannschaft, die mich eine Woche zuvor noch so bitter enttäuscht und mit einer grauenvollen Leistung meinen großen Traum zerstört hatte, wollte ich nicht feiern. Andere konnten das, ich nicht. Ich bin viel enttäuschter über die vergebene Chance und kann die Ausflüchte der Schalker Spieler und Führungsriege nicht mehr hören. Man kann sich ja fast schon Fragen, wozu Schalke überhaupt noch die Meisterschaft braucht, wenn schon Platz zwei so gefeiert und schön geredet wird."
Trotz allem gab es für Leisner auch einen positiven Nebeneffekt der Stippvisite in die Heimat. Nach Monaten der Trennung sah er seine Freundin und seine Familie wieder. Mit der Hoffnung auf die nächste Saison verbringt er nun die letzten Wochen seines Auslandsstudiums in Schweden. "Vielleicht wird die nächste Saison ähnlich spannend wie diese. Dann bin ich wieder hautnah bei jedem Heimspiel dabei. Eventuell bekomme ich dann ja auch wieder den Schalker Kreisel, der mir eigentlich nach Schweden geschickt werden sollte, dort aber nie angekommen ist."

Autor: ben

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