Selten einmal in den vergangenen zweieinhalb Jahren hat man Marcel Koller nach einem verlorenen Spiel so aufgebracht gesehen, wie am Sonntag in der DKB-Arena in Rostock. Der Schweizer hatte Mühe seinen Frust zu kontrollieren, die Reaktion des Trainers war allzu verständlich, denn in die Weihnachtspause verabschiedete ihn seine Mannschaft ausgerechnet mit der schlechtesten Leistung der kompletten Hinrunde.

Marcel Koller zieht Hinrunden-Bilanz / Die zwei Gesichter des VfL

„Leidenschaft ist das A und O“

21. Dezember 2007, 19:04 Uhr

Selten einmal in den vergangenen zweieinhalb Jahren hat man Marcel Koller nach einem verlorenen Spiel so aufgebracht gesehen, wie am Sonntag in der DKB-Arena in Rostock. Der Schweizer hatte Mühe seinen Frust zu kontrollieren, die Reaktion des Trainers war allzu verständlich, denn in die Weihnachtspause verabschiedete ihn seine Mannschaft ausgerechnet mit der schlechtesten Leistung der kompletten Hinrunde.

Doch zum Glück bestand diese nicht immer aus solchen Erlebnissen wie an der Ostsee. Der VfL überwintert auf Rang 13, mit vier Punkten Vorsprung und dem besseren Torverhältnis zu einem Abstiegsplatz. Das Saisonziel Klassenerhalt vor Augen, aber dennoch besteht kein Grund zur Sorglosigkeit. Bevor Koller am Montag Abend von Düsseldorf aus nach Zürich flog, nutzte RevierSport die Möglichkeit, mit dem Coach die letzten sechs Monate Revue passieren zu lassen und einen Ausblick auf die Rückrunde zu wagen.

Kann man unter dem Eindruck von Rostock überhaupt eine vernünftige Halbzeit-Bilanz ziehen?
Nein, von einer Partie sollte man sich da nicht leiten lassen, sondern die gesamten 17 Spiele der Hinrunde beleuchten. Es ist natürlich bitter, wenn man mit so einem Erlebnis in die Ferien fährt, aber das war ja nicht symptomatisch für ein ganzes halbes Jahr.
Wie beurteilen Sie die Hinrunde?
Wir haben zwei Gesichter gezeigt.

Sie meinen den Unterschied zwischen Heim- und Auswärtsleistungen?
Ja, mit den Auftritten im eigenen Stadion kann ich sehr zufrieden sein, selbst das Spiel gegen die Bayern brauchten wir nicht zu verlieren. Da haben wir gegenüber dem letzten Jahr deutliche Fortschritte gemacht.
Aber auswärts ist mit Ihrem Team kein Staat zu machen!
Da kann ich nicht widersprechen, denn uns ist es noch nicht gelungen, über 90 Minuten das abzurufen, was man braucht, um in der ersten Liga in der Fremde zu punkten. Du kannst im Oberhaus nicht mit halber Kraft bestehen. Was nützt es, wenn wir vor einem Auswärtsspiel viel reden, super trainieren und auf dem Platz ist davon nichts zu sehen. Ich habe schon vor der Begegnung in Rostock gesagt, dass es für uns noch einmal ganz eng werden kann, denn am Tabellenende hat sich noch kein Team aufgegeben.
Woran hapert es denn am meisten?
Zunächst einmal an der fehlenden Konzentration, denn so eine Leistung hätte ich nach der vorausgegangenen Trainingswoche nicht für möglich gehalten. Ich war zur Pause schon enttäuscht und zugleich wütend, auch weil uns das nicht das erste Mal passiert ist, sondern das vierte Mal und wir einfach nicht zeigen, was wir können. Da kann sich der ein oder andere ruhig ein paar Gedanken unterm Weihnachtsbaum machen.
Wie sehen Sie die Entwicklung des neuen Teams insgesamt?
Dass bei unserer großen Fluktuation im Sommer Hochs und Tiefs vorkommen, ist völlig normal. In vielen Dingen ist es sehr positiv, wie wir uns entwickelt haben. Da komme ich schon wieder auf die zwei Gesichter zu sprechen. Es ist bemerkenswert, dass wir im Vergleich zum letzten Jahr in dieser Saison zuhause ganz anders auftreten. Aber um richtig weiterzukommen, müssen wir das auch auswärts umsetzen.
Ist es ein Kopfproblem oder ist die Truppe nicht lernfähig?

Das ist eine ganz schwierige Lage, denn es nützt nichts zu sagen, heute habe ich meine Topform, sondern die muss ich auf dem Platz abrufen. Aggressivität, Laufbereitschaft, Entschlossenheit, Ruhe am Ball, das muss ich zeigen, nicht darüber sprechen. Nach der Leistung von Rostock muss ich mich fragen, was da in den Köpfen des ein oder anderen Spielers vorgegangen ist. Gerade von erfahrenen Akteuren sollte ich doch erwarten, dass man erst einmal die Ruhe behält und auf die Kollegen Einfluss nimmt. Was ich vermisst habe ist, dass einer auf dem Platz stand, der seinem Nebenmann sagt, jetzt hast du dem Gegner den Ball zehn Mal in den Fuß gespielt, mach mal was anderes. Aber da war keiner, der geführt hat, alle getreu dem Motto: Mist, der Ball ist schon wieder weg. Da fehlt mir noch das Bewusstsein für die Hilfe untereinander.
In der Hinrunde gab es besonders im Defensivbereich viele Verletzungen, inwieweit hat sich dies ausgewirkt?
Es hat uns ganz schön erwischt. Das hat sicherlich schon allein deshalb Einfluss genommen, weil dadurch die Konkurrenz auf der Bank gefehlt hat. Ich nenne das Beispiel Matias Concha, der hat ein ganzes Jahr durchgespielt, deshalb hätte ich ihn gerne mal draußen gelassen, um ihm eine Pause zu gönnen. Aber das war nicht möglich.

Immer wieder sprechen Sie den guten Teamgeist an. Gibt es Beispiele?
Es stimmt wirklich in unserer Mannschaft. Zwei Dinge habe ich da noch im Hinterkopf. Es hat mir unheimlich gefallen, wie Jan Lastuvka René Renno nach dem Gegentor auf Schalke verteidigt hat. Aber genauso toll fand ich, wie sich Marcel Maltritz nach den Pfiffen gegen Pavel Drsek mit den Zuschauern angelegt hat. Für mich ist wichtig, dass sich das Team nicht auseinander dividieren lässt.
Was hat Sie in der Hinrunde am meisten gefreut?
Dass unser Publikum uns viel bewusster und intensiver unterstützt hat als noch vor einem Jahr.
Was hat Sie am meisten geärgert?
Hier drehen wir uns im Kreis, das waren die Auswärtsspiele.

Welches Entwicklungspotenzial hat Ihr Team oder haben Sie schon alles abgerufen?
Ohne konkret zu werden, es gibt sicherlich Spieler, die mit ihren Leistungen nicht zufrieden sein können. Da ist noch viel Luft nach oben.
Wo sehen Sie die Achillesferse in Ihrem Kader?
Da fällt mir spontan das Mittelfeld ein. Ein kreativer Mann als Ballverteiler, der geht uns schon ein wenig ab, deshalb schauen wir uns auch um.
Wäre der Klassenerhalt ohne weitere Verstärkungen realistisch?
Ich denke schon, aber wir sollten uns nicht darauf ausruhen, was wir bislang erreicht haben. Das wird noch eine enge Kiste, denn wir können nicht davon ausgehen, dass wir noch einmal so eine Rückrunde wie im letzten Jahr spielen.
Was tut sich denn personell in der Winterpause?
Fakt ist, dass die finanziellen Möglichkeiten des VfL sehr begrenzt sind, die Schwierigkeit ist auch, dass in der Winterpause alle gültige Verträge haben, das macht die Sache nicht leichter!

Wo drückt der Schuh am meisten?
Wenn es möglich ist, dann hätte ich gerne einen Stürmer, aber auch ein offensiver Mittelfeldspieler stände uns gut zu Gesicht.

Wo legen Sie in der Rückrunden-Vorbereitung Ihre Schwerpunkte?
Wir werden sicherlich viel im taktischen Bereich arbeiten, darüber hinaus aber auch im mentalen Bereich. Es muss uns gelingen, über 90 Minuten Leidenschaft zu entwickeln, denn dann hat man immer, egal wo man antritt, als kleine Mannschaft seine Möglichkeiten. Leidenschaft ist das A und O.

Ist die Situation zur Winterpause mit der im letzten Jahr vergleichbar?
Nein. Unsere Ausgangslage hat sich verbessert. Wir stehen in der Tabelle etwas besser, haben einen Punkt mehr und auch der Abstand zu einem Abstiegsplatz ist größer. Außerdem ist es bei uns viel weniger hektisch als noch vor Jahresfrist.
Das Auftaktprogramm mit Bremen und Hamburg auswärts und dem Heimmatch gegen Cottbus ist brisant!
So waren auch die Prognosen in den letzten beiden Jahren vor der Rückrunde und dann ist alles ganz anders gekommen. Dennoch war das Spiel gegen Rostock eine Warnung, auf die ich gerne verzichtet hätte.
Beginnt im Januar ein Torhüter-Dreikampf?
Ich hoffe, dass das Trio komplett angreift und mir die Entscheidung so schwer wie möglich macht.
Werden Sie über die Feiertage mal so richtig vom Fußball abschalten?
Ich gebe mir große Mühe, aber natürlich habe ich mir Zürich gegen Leverkusen noch live im Stadion angesehen.

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