An sachlicher Nüchternheit mangelt es der Bundeskanzlerin im politischen Alltag selten. Dass sich Angela Merkel mit Gefühlen schwer tut, ist als Vorwurf spätestens seit der Fußball-WM und ihrem herzlichen Umgang mit Klinsmann und Co nicht mehr gänzlich haltbar. Auch als Schirmherrin des Förderkreises Behindertensport zeigte sie sich im Rahmen der Ehrung der Behindertensportler des Jahres bereits zum zweiten Mal nach 2006 als begeisterte und leidenschaftliche Anhängerin der Sportlerinnen und Sportler mit Handicap, von denen nach ihrer Meinung „viele Menschen in der Gesellschaft einiges lernen können“.

Zur Rolle der Schirmherrschaft im Behindertensport

Stars oder Sternchen?

tw
19. November 2007, 10:29 Uhr

An sachlicher Nüchternheit mangelt es der Bundeskanzlerin im politischen Alltag selten. Dass sich Angela Merkel mit Gefühlen schwer tut, ist als Vorwurf spätestens seit der Fußball-WM und ihrem herzlichen Umgang mit Klinsmann und Co nicht mehr gänzlich haltbar. Auch als Schirmherrin des Förderkreises Behindertensport zeigte sie sich im Rahmen der Ehrung der Behindertensportler des Jahres bereits zum zweiten Mal nach 2006 als begeisterte und leidenschaftliche Anhängerin der Sportlerinnen und Sportler mit Handicap, von denen nach ihrer Meinung „viele Menschen in der Gesellschaft einiges lernen können“.

„Ausdauer zeigen“ und „Grenzen überwinden“ sind hierbei die Beispiele, die sie in ihrer Festansprache nannte. Attribute, die jene bewundernswerte Leistungsfähigkeit der Athleten in den Vordergrund stellen. Dies muss so sein, denn wenn die Integration von Menschen mit Behinderung über den Sport gefördert werden soll, kann dies in erster Linie über die Darstellung ihrer herausragenden Kompetenzen in der Öffentlichkeit geschehen.

Wie macht man das? Ein Automobil-Weltmarktführer stellt seinen Glaspalast am Berliner Salzufer als hochherrschaftliches Ambiente zur Verfügung. Einskunstlaufprinzessinnen und Rockstars machen ihre Aufwartung. Sponsoren rollen für geladene Gäste und Pressevertreter den roten Teppich aus. Um das größte Fest der paralympischen Familie im Jahr 2007 zu feiern, kann es mit der Anwesenheit der deutschen Regierungschefin fast nicht mehr elitärer werden: Geballte Prominenz für eine Nacht der Stars. Ist es ein Garant für den medialen Erfolg? Natürlich – aber es ist auch eine Gratwanderung, denn die Gefahr, dass die Menschen mit Behinderung zum Opfer des Gut-Mensch-Syndroms der eitlen Prominenz werden könnten, liegt immer in der Luft. Stars werden dann rasch zu Sternchen.

Wäre die Schirmherrin in der Präsentation der Behindertensportler am Donnerstagabend nicht einfach nur gut in ihrer Rolle gewesen, hätte man den Eindruck bekommen können, die eigentlichen Stars seien etwas zu kurz gekommen. Kurze Videoeinspieler, knappe Darstellungen der herausragenden Leistungen und Bühne frei für die Kristall-Trophäe aus der Hand der promovierten Physikerin. Zeit für die Persönlichkeit, die den Sportler oder die Sportlerin des Jahres ausmacht, schien knapp bemessen. Doch gerade hier machte Merkel das, was man sich von Schirmherrschaften erhofft aber nicht unbedingt erwarten darf. Den Moderationsstab übernehmend, selbstironisch nachfragend und das Persönliche unterfütternd, stellte sich die Bundeskanzlerin ganz in den Dienst der Sache. Mit trockenem Humor lief sie der allzeit frivolen Bettina Tietjen mitunter den Rang ab. Angesichts der nervös die Armbanduhren beäugenden und die versteckten Funkverbindungen checkenden Sicherheitsbeamten schien die Kanzlerin zu überziehen. Sie nahm sich Zeit und verweilte bei den Menschen - gefühlt den ganzen Abend.

„Eine Gesellschaft wird nicht durch Gesetze menschlich werden, sondern eine Gesellschaft wird menschlich dadurch, dass Menschen sich für Menschen engagieren“, gab Merkel im September 2006 bei einer öffentlichen Veranstaltung gleichsam als Maxime sozialen Handelns vor. Diesem Leitbild gesellschaftlicher Verantwortung folgte sie eindrucksvoll als Star bei der Nacht der Stars.

Autor: tw

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