DFB-Kontrollausschuss verzichtet auf Verfahren gegen den Leipziger Stürmer. Schiedsrichter Bastian Dankert hätte das Gespräch suchen müssen.

Schwalbe

Warum Möller gesperrt wurde - und Werner nicht

06. Dezember 2016, 09:39 Uhr
Foto: firo

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DFB-Kontrollausschuss verzichtet auf Verfahren gegen den Leipziger Stürmer. Schiedsrichter Bastian Dankert hätte das Gespräch suchen müssen.

Vielleicht war Andreas Möller 80 Zentimeter von Dirk Schuster entfernt. Vielleicht sogar 120. Dem DFB jedenfalls war die Entfernung groß genug, um 1995 entscheiden zu können: Möller muss nachträglich bestraft werden.

Anders sieht das im aktuellen Fall Timo Werner aus. Der Torjäger von RB Leipzig ging am Samstagabend ebenfalls ohne Foul zu Boden. Aber war recht nah dran am Schalker Torwart Ralf Fährmann. Der DFB entschied gestern: Keine Strafe für Timo Werner.

Ein schlechter Scherz? Überhaupt nicht. Denn beim Vergleich der beiden Fälle kommt der Entfernung zum jeweiligen Gegenspieler eine entscheidende Rolle zu.

1995 begründete der DFB das Urteil gegen den Dortmunder Möller von zwei Spielen Sperre und 10 000 Mark Geldstrafe so: Der Vorfall sei laut Anklageschrift damals „besonders verwerflich“, „rücksichtslos“ und „aus purem Eigensinn“ geschehen.

Gestern berief sich der DFB allein auf die Tatsachenentscheidung von Schiedsrichter Bastian Dankert aus Rostock und wollte Werner keine Betrugsabsicht unterstellen: „Wir haben die Angelegenheit eingehend geprüft. Im Endeffekt hat der Schiedsrichter eine Tatsachenentscheidung getroffen“, ließ sich Dr. Anton Nachreiner, Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses, in der Mitteilung des Verbandes zitieren. Der Übeltäter des 13. Spieltags kommt trotz Schwalbe straffrei davon.

Keine wahrheitswidrige Aussage

Auch wollte der DFB in Werners Erklärungsversuchen kein Täuschungsmanöver erkennen. Der Leipziger habe keine wahrheitswidrige Aussage zum Vorgang getätigt. Unmittelbar nach dem Schlusspfiff war der Spieler von der eigenen Kommunikationsabteilung auf mögliche Interviewfragen vorbereitet worden. Er sagte: „Aus meiner Sicht reißt mich Naldo klar um und bringt mich aus meiner Bewegung. Dass Schiedsrichter Dankert mich nicht gehört hat, ist wohl in der Hektik untergegangen.“

Nach Informationen dieser Zeitung will Werner bis zuletzt geglaubt haben, Dankert habe wegen Naldos Zugriff Elfmeter gepfiffen – und nicht wegen der Szene mit Fährmann. Er zeigte ihm sogar „Daumen rauf“, um zu signalisieren: Danke, dass Sie zuerst noch Vorteil gewährt haben.

Ein kurzes Gespräch hätte das Missverständnis zwischen Spieler und Schiedsrichter sofort aufgelöst. Ein Gespräch, wie es der früher Fifa-Schiedsrichter Bernd Heymann aus Magdeburg immer mit den Profis gepflegt hat.

Im Zweifel mit Spieler reden

Für Heynemann ist die Sachlage eindeutig: in Zweifelsfällen mit dem vermeintlich Gefoulten Rücksprache halten. „Ein Treffer in der ersten Minute ist für mich eine spielentscheidende Situation“, sagte er auf unsere Nachfrage. „Das ist ja keine Ratemal mit Rosenthal. Dankert guckt genau auf Fährmann, und auch der Assistent sieht, ob Fährmann Werner mit der Hand berührt.“ Ein Nachfragen hätte letzte Zweifel beseitigt – wenn Werner gestanden hätte.

Aber erst am Tag nach dem Spiel räumte der Sündenbock seine Tat ein. Schlimmer noch: RB-Sportdirektor Ralf Rangnick zeigte sich von den Fernsehbildern und der Protestwelle unbeeindruckt. „Ich bleibe dabei: Es war keine Schwalbe“, sagte der ehemalige Schalker Trainer. Von Einsicht keine Spur.

Sein Schalker Kollege Christian Heidel war von der unterschiedlichen Auffassung irritiert: „Dass ein Spieler ein Vergehen zugibt und der Sportdirektor sagt trotzdem: War aber doch nicht so – dieses Verhalten ist mir neu. Ich weiß nicht, was er damit bezweckt.“

Hätte Fährmann Elfmeter gefordert?

Bei der Aufarbeitung des Falles will der frühere Schiedsrichter Heynemann nicht allein Werner als Buhmann sehen. Auch bei Dankert und seinem Assistent an der Seitenlinie sei ein Teil der Verantwortung zu suchen. Denn am Ende gehe es für jeden Sportler um den zählbaren Erfolg. Dass Spieler nach einer Schwalbe sofort reumütig zum Schiedsrichter laufen und ihre Schandtat einräumen, sei selten.

Und wer weiß, wie Fährmann reagiert hätte, wenn er Werner tatsächlich gefoult, dieser aber fälschlicherweise Gelb wegen einer Schwalbe gesehen hätte. „Ich glaube nicht, dass er dann einen Elfmeter für Leipzig gefordert hätte“, vermutet Heynemann.

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