Es ist nicht so, als würden junge Hobby-Kicker Ingo Anderbrügge bewundernde Blicke zuwerfen. Es sind die älteren Fans.

Anderbrügge

"Es gibt nichts Schöneres als das Derby"

Melanie Meyer
25. Oktober 2016, 09:07 Uhr
Foto: Kai Kitschenberg

Foto: Kai Kitschenberg

Es ist nicht so, als würden junge Hobby-Kicker Ingo Anderbrügge bewundernde Blicke zuwerfen. Es sind die älteren Fans.

Einer will ein Autogramm auf der Eintrittskarte und sagt entschuldigend: „Dabei bin ich Dortmunder.“ Für Anderbrügge spielt das keine Rolle. Der 52-Jährige wurde bei Borussia Dortmund ausgebildet, spielte vier Jahre als Profi und wechselte 1988 zum Rivalen FC Schalke. Mit Königsblau stieg er in die Bundesliga auf und gewann 1997 den Uefa-Pokal. Von allen Grenzgängern ist keiner so beliebt. Vor dem Revierderby am Samstag (18.30 Uhr) nahm sich der Recklinghäuser Zeit für ein Gespräch im Deutschen Fußballmuseum.

Herr Anderbrügge, eine Nacht allein im Museum: Wo würden Sie sich hinschleichen?
Ich würde die Erinnerungen aus meiner Kindheit als Gladbach-Fan in den 1970er-Jahren suchen. Da gab es diese weißen Trikots mit den schwarzgrünen Streifen. Die haben mir immer imponiert. Meine Frau hat die schon im Internet gesucht, aber nur in Gladbach hängen sie noch im Stadion. Wenn es da mal dunkel wäre... (lacht)

Für Sie müsste man eine zweigeteilte Vitrine aufstellen: Für den Dortmunder und den Schalker.
Ja. Es gab ja mehrere wie mich. Wir Spieler können die Botschaft vermitteln: Rivalität ja, aber lasst die Gewalt. Die brauchen wir nicht.

Zumal es auch anders geht.
Ja, ich habe da einen Freund, der fährt einen Umweg, weil er nicht durch Dortmund fährt. Der ist Taxifahrer und sollte einen Gast zum Westfalenstadion bringen. Erst wollte er nicht, dann meinte er: „Der war in Ordnung.“ (lacht) Das sind Geschichten, die sollen auch bleiben. Es gibt nichts Schöneres im Ruhrgebiet als diese Vereine.

Hat sich das Gewalt-Problem aus Ihrer Sicht verschärft?
Ja. Ich finde, die Politik müsste mehr durchgreifen. Gesetze müssten einfach schärfer sein. Da macht man es sich zu leicht, das den Vereinen zu überlassen. Was nützt es, wenn einer Probleme macht und für eine Nacht im Knast sitzt? Der muss bis Mittwoch bleiben, damit der Chef merkt: Wo ist er denn?

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Auf der anderen Seite: Atmosphärisch gibt es doch nichts Besseres als ein Derby, oder?
Genau. Schon beim Warmmachen sind die Menschen lauter. Das trägt dich als Spieler.

Und wenn dann auch noch das Spiel mitreißt...
Da flippen die Leute aus. Und im Ruhrgebiet denkt schon jeder wieder an Montag. Wie man von den Arbeitskollegen bei einer Niederlage gefoppt wird. Das ist der Druck, den man im Stadion hat. Pure Begeisterung, Ausnahmezustand.

Und dann gibt es da Leute, die wechseln einfach von dem einen zu dem anderen Verein…
Ja, darauf werde ich oft angesprochen. Aber ich war da nicht Fan. Ich wollte so hoch wie möglich Fußball spielen.

Obwohl Sie ein Dortmunder waren, wurden Sie auf Schalke nie ausgepfiffen.
Vielleicht, weil ich immer offen damit umgegangen bin. In Dortmund wurde ich ausgebildet, war noch vier Jahre Profi, diese Zeit vergesse ich nicht einfach. Wenn ich einen Fußball-Papa habe, dann ist das Reinhard Rauball. Er hat mir meinen ersten Vertrag gegeben.

Warum wurden Sie akzeptiert?
Schalke war 1988 abgestiegen. Da hatte man vielleicht andere Sorgen, als darüber nachzudenken, dass einer aus Dortmund kommt.

Welchen Derby-Moment werden Sie nie vergessen?
1997: mein entscheidendes Tor zum 1:0 im Parkstadion. Oder 1985: Da haben wir mit Dortmund 1:6 auf Schalke verloren, aber ich hab’ das Dortmunder Tor geschossen. (lacht) Im Westfalenstadion war ich auf dem Platz, als Jens Lehmann 1997 das Tor zum 2:2 köpfte. Und ich habe einen Elfmeter auf die Südtribüne geschossen.

Da pocht das Herz aber laut...
Puh, das war eine Situation! Da guckst du auf diese Wand, alle gucken auf dich, den Schützen, und du weißt, da musst du jetzt bestehen. Ich habe getroffen, aber wir haben das Spiel verloren.

Autor: Melanie Meyer

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