Mike Terranova (39) hat Rot-Weiß Oberhausen nie den Rücken gekehrt:

RWO-Fanliebling Terranova

"Nach jedem Spiel bin ich heiser"

Dirk Hein
24. April 2016, 19:08 Uhr
Foto: Ketzer

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Mike Terranova (39) hat Rot-Weiß Oberhausen nie den Rücken gekehrt:

226 Spiele absolvierte der Deutsch-Italiener von 2006 bis 2013 für die Kleeblätter. Dafür wird der treffsichere Stürmer der Doppel-Aufstiegsmannschaft von den Fans bis heute als „Fußballgott“ verehrt. Zurzeit trainiert Terranova die U23 von RWO in der Oberliga Niederrhein. Ein Interview.

Herr Terranova, Sie gehören nicht gerade zu den leisen Vertretern an der Seitenlinie. Wie geht es nach 90 Minuten Ihrer Stimme?
Mike Terranova: Ich bin nach jedem Spiel heiser. Aber es geht doch darum: Ich trainiere eine junge Truppe, der man zwischendurch in den Arsch treten muss. Und das muss man nicht einmal machen, sondern alle fünf Minuten. Wenn sie ein halbes Jahr lang meine Stimme gehört haben, machen sie es von alleine richtig — weil sie wahrscheinlich noch beim Einschlafen meine Stimme hören.

Sie werden also nur für die Sache richtig laut? Terranova: Junge Spieler sind eben noch etwas naiv. Ich denke, dass ich ungewohnte Situationen einfach besser einschätzen kann. Das hat mit Erfahrung zu tun und ist doch ganz normal so. Ich bin stolz auf meine Truppe, weil sie 90 Minuten rackert und immer Gas gibt. Da geht mir das Herz auf. Wenn Hilfe angenommen wird, ist das wunderbar.

Was muss im Training bei einer jungen Mannschaft anders sein? Terranova: Junge Spieler müssen Fehler machen, um zu lernen. Das fängt bei der Frage an, wann man besser einen Querpass spielen sollte. Man muss die verschiedenen Situationen aus der Partie im Training nachspielen. Da geht es um Fehler, die ich doch selbst früher auch gemacht habe. Darum spricht man von Erfahrung.

Wie nehmen Spieler den Trainer an der Seitenlinie wahr und können von seinen Impulsen profitieren? Terranova: Mit Kritik können junge Spieler nicht direkt so umgehen, wie mit einem Lob. Darum muss ich bei einigen Situationen die Dinge auch mal schönreden. Wichtig ist, dass sich später etwas verändert. Das muss irgendwann fruchten. Wenn ich einen Fehler zehn Mal anspreche und es wird nicht gemacht, dann muss ich reagieren. Dann muss ich dem nächsten eine Chance geben. Ich habe nichts gegen Fehler. Sie dürfen Fehler machen. Irgendwann muss ich aber einen Fortschritt sehen. Sonst kann ich meine Energie lieber woanders nutzen.

Ihr früherer Aufstiegstrainer Hans-Günter Bruns war während eines Spiels eigentlich das krasse Gegenteil von Ihnen heute, oder? Terranova: Man muss bedenken, dass er eine erfahrene Mannschaft hatte. Wir wussten, was zu tun ist. Ich trainiere eben sehr junge Spieler. Das sind 18- und 19-Jährige, die im vergangenen Jahr noch in der A-Jugend gespielt haben. Damit muss ich anders umgehen. Fehler werden in der Liga knallhart bestraft.

Sie haben alte Weggefährten aus der Bruns-Zeit heute an Ihrer Seite. Dimitrios Pappas ist sogar Ihr Kapitän. Wie wichtig ist Ihnen so etwas? Terranova: Darüber brauchen wir uns nicht lange zu unterhalten. Dimitrios Pappas ist mit dem Herzen bei der Sache. Der sorgt für Ordnung. Er ist auf dem Platz ein echtes Vorbild. Die jungen Spieler müssen sich an Vorbildern orientieren können, die etwas geleistet haben und auch menschlich in Ordnung sind. Das macht „Dimi“ überragend.

Sie werden von den Fans immer noch verehrt. Ist es für Sie ein großes Kompliment, wenn Sie immer noch Rufe im Stadion mit Ihrem Namen hören? Terranova: Ich habe mir hier bei jedem Spiel den Arsch aufgerissen und habe geackert. Wegen mir brauchten sie nach jedem Spiel einen eigenen Gärtner. Und das wissen die Leute eben zu schätzen. Ich habe nicht die meisten Tore geschossen, aber die Leute wussten, dass ich immer nicht mit 100 Prozent, sondern mit 110 Prozent gespielt habe.

Haben Sie jemals an einen anderen Verein gedacht oder überlegt, ein anderes Angebot anzunehmen? Terranova: Angebote gibt es immer mal. Aber ich wohne hier in der Nähe. Ich habe mich damals gegen das Geld entschieden und bin nach Oberhausen gewechselt. Warum sollte ich heute für 1,50 Mark mehr woanders hingehen? Mein Sohn spielt hier in der Jugend. Ich bin kein Träumer, der daran denkt, dass er mal irgendwann ganz da oben stehen wird. Ich möchte RWO weiterhelfen und habe überhaupt keinen Bock, woanders etwas zu machen. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.

RWO kann mehr Zuschauer gut gebrauchen, warum sollten die Leute wieder ins Stadion gehen? Terranova: Hier wird immer noch mit Leidenschaft gearbeitet. Andreas Zimmermann leistet bei der ersten Mannschaft eine super Arbeit. Wir benötigen jeden Fan. Ich bin mir sicher, dass wir wieder nach oben kommen. Aber das geht nur, wenn wir alle an einem Strang ziehen. Und das gilt auch für die schlechten Zeiten.

Autor: Dirk Hein

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