Im Schatten von Höwedes, Matip und Co lauert der ewige Schalker Kaan Ayhan auf seinen Durchbruch.

Kaan Ayhan

"Auch mit mir kann man rechnen!"

30. Juli 2015, 09:45 Uhr
Foto: firo

Foto: firo

Im Schatten von Höwedes, Matip und Co lauert der ewige Schalker Kaan Ayhan auf seinen Durchbruch.

Es ist in der Küche passiert: Kaan Ayhan hat sich geschnitten und trägt deshalb bei Testspielen und im Training einen Handverband. Als „Verletzung“ würde Schalkes Abwehrmann das jedoch nicht bezeichnen. Viel interessanter ist auch die Frage, ob der 20-Jährige in seinem dritten Profijahr nun den Durchbruch schafft und ob er sich nach 15 Jahren (!) bei ein und dem selben Verein vorstellen könnte, auch mal ein anderes Trikot zu tragen.

Kaan Ayhan, Hand aufs Herz: Macht die Vorbereitung wirklich Spaß, so wie auf Schalke derzeit alle behaupten?
Die Stimmung ist wirklich top. Ich habe selten erlebt, dass sogar das Ausdauertraining und die ganz harten Einheiten Spaß gemacht haben. Man sollte aber auch nicht aus den Augen verlieren, dass die Arbeit auf dem Platz zählt. Es bringt nichts, wenn wir uns alle liebhaben und uns in den Armen liegen, wenn nicht auch etwas dabei herausspringt. Aber wir machen von Woche zu Woche Fortschritte, das ist erkennbar. Dies färbt auch auf die Stimmung ab. Sie steigt automatisch, wenn man merkt: Hier wächst etwas zusammen. Das Trainerteam ist einerseits entspannt, sie wissen aber auch ganz genau, wann es zur Sache gehen muss. Die Ansprache ist klar. Es muss zu 100 Prozent Gas gegeben werden.

Über allem steht dabei, die neue, offensivere Ausrichtung der Mannschaft. Wäre das schon ein Erfolg für Schalke?
Ich bin sehr optimistisch, dass wir wieder offensiver und angriffslustiger auftreten werden. Wenn man allein die Qualität der einzelnen Spieler in Mittelfeld und Sturm in Betracht zieht, dann sehe ich da vorne ausnahmslos Spieler, die am Ball richtig was können. Wenn wir jetzt noch den Feinschliff, die entsprechende Taktik und die Automatismen hineinbekommen, dann bin ich richtig guter Dinge, dass wir konstant schönen Fußball spielen können. Dass wir letztes Jahr überwiegend keinen schönen Fußball gespielt haben, müssen wir zugeben. Es gab auch Spiele, die besser liefen. Diese Schwankungen aus dem letzten Jahr abzustellen, wird ein wichtiger Punkt sein. Dann bin ich überzeugt davon, dass sich das am Ende auch in der Tabelle bemerkbar machen wird.

Sie sind Gelsenkirchener. Was glauben Sie, erwarten die Fans von dieser Saison?
Wie ich schon sagte: Der Fußball, den wir vor allem gegen Saisonende gespielt haben, war nicht schön. Das haben die Fans auch zum Ausdruck gebracht. Ich habe auch immer Verständnis für die Fans in der Arena aufgebracht. Aber es war ja nicht so, als hätten wir absichtlich so gespielt. Die Fans haben ihren Unmut gezeigt, das ist ihr Recht. Aber ich denke, dass wir mit dem Start in die neue Saison einen Schlussstrich unter dieses Thema ziehen sollten. Der beste Beweis dafür, was Schalke ausmacht, ist zu sehen, wie viele Fans jetzt wieder bei den Trainingseinheiten waren. Das ist das, was Schalke ausmacht. Man ist hier auch mal ein paar Tage richtig sauer aufeinander, aber diese negative Stimmung verfliegt auch wieder. So etwas bekommen wir als Spieler natürlich mit. Wenn wir so wie bisher weiterarbeiten,
wenn wir unsere Ziele vor Augen behalten und die Fans dabei
mitnehmen, dann bin ich überzeugt davon, dass wir wieder eine ganz verschworene Einheit sein werden.

Dafür werde ich mir alles aufreißen
Kaan Ayhan will Stammspieler werden

Müssen Sie sich dabei besonders ins Zeug legen? Stehen Sie gar am Scheideweg Ihrer Karriere?
Ins Zeug legen muss ich mich immer und das habe ich auch im letzten Jahr getan. Ich habe ehrlich gesagt lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass es für mich persönlich keine gute Saison war. Aber die Sommerpause tat gut, um sich noch einmal zu hinterfragen. Natürlich hatte ich mir aufgrund meiner ersten Saison noch mehr erhofft, denn ich hatte mir viel vorgenommen. Ich denke, ich war da auch ein bisschen ungeduldig. Rückschläge oder Fehler, die man im Spiel mal macht, gehören für einen jungen Spieler jedoch dazu. Da habe ich mich vielleicht etwas zu sehr verrückt machen lassen. Aber für die neue Saison habe ich mir nichtsdestotrotz viel vorgenommen. Ich will auf so viele Einsätze wie möglich kommen. Wenn es geht, möchte ich Stammspieler werden. Dafür werde ich mir alles aufreißen. Ich bin jetzt wieder ein Jahr älter und reifer, denn ich bin auch als Persönlichkeit gewachsen. Die Rückschläge der letzten Saison haben mich mental gestärkt. Jetzt gebe ich Gas und will es so dem Trainer einfach schwermachen, an mir vorbeizukommen.

Haben Sie dabei eine bestimmte Zahl an Spielen im Kopf, die Sie erreichen wollen? Ist von solch einer Marke am Ende sogar Ihre Zukunft auf Schalke abhängig?
Darüber, dass ich den Verein verlasse, weil ich hier nicht Stammspieler werden könnte, habe ich noch nie nachgedacht. Es gibt auch keine bestimmte Anzahl von Spielen, an der ich festmachen würde, dass ich damit zufrieden bin und sonst nicht. Ich will den Konkurrenzkampf noch mehr beleben als bisher. Zur Zeit denken alle über Nastasic, Matip und Höwedes nach. Mein Ziel ist es, zu zeigen, dass ich noch da bin und man mit mir auch rechnen kann. Ich wäre zufrieden, wenn ich mich noch mehr in die Herzen der Fans spielen und meine Qualitäten noch mehr unter Beweis stellen könnte. Es geht darum, weitere Fortschritte zu machen, mich weiterzuentwicklen und gute Leistungen zu bringen. Das wird dann auch belohnt werden.

Ist es für Sie denn überhaupt vorstellbar, mal für einen anderen Verein als S04 zu spielen, wo sie einst als Fünfjähriger begonnen haben?
Das ist manchmal schon etwas komisch. Ich kenne nichts anderes als Schalke 04. Andere Fußballer haben zumindest in der Jugend mal für einen kleineren Verein gespielt, nicht einmal das war bei mir der Fall. Ich kann mir deshalb schwer vorstellen, wie es wohl bei einem anderen Klub wäre. Ich habe trotzdem im Hinterkopf, dass es irgendwann einmal der Fall sein könnte. Zur Zeit gibt es jedenfalls keine Gedanken, zu wechseln. Wenn die Leistung stimmt, wäre es vielleicht mal reizvoll irgendwann einmal für einen internationalen Topklub zu spielen. Ich kann mir aber genau so gut vorstellen, bis ins hohe Alter hier zu bleiben.

Das wäre dann etwas ganz Besonderes: 25 oder 30 Jahre ununterbrochen beim FC Schalke 04!
Natürlich. Dazu gehören aber zwei Seiten. Was bringt es mir zu sagen: „Ich will für immer hier bleiben“, wenn der Verein dann sagt: „Moment mal, die Leistung reicht uns gar nicht.“ Ich bin absolut nicht abgeneigt, auch an eine langfristige Zukunft auf Schalke zu denken. Aber dazu gehört, dass beide Seiten das Vertrauen haben, dass es der richtige Schritt ist. Im Moment ist das alles noch Zukunftsmusik. Vielleicht mache ich es auch wie Steven Gerrard, der jetzt nach Los Angeles gegangen ist und sage mit Mitte dreißig: „Komm, mach noch mal eine ganz neue Erfahrung!“

Wäre die Türkei nicht eine reizvolle Option für die Zukunft?
Ich habe dort Verwandte und Bekannte. Obwohl ich in Deutschland aufgewachsen bin, hat mich die türkische Kultur geprägt. Zudem spiele ich für die türkische Nationalmannschaft. Deswegen wäre ein Wechsel in die Türkei etwas anderes, als wenn ich beispielsweise nach Italien oder Spanien gehen würde. Auseinandergesetzt habe ich mich mit dem Thema aber nicht.

Machen die Kollegen bei der Nationalmannschaft Ihnen auch schon Offerten in diese Richtung?
Ja, sowas gehört da einfach dazu. Das ist eine typische Art, miteinander umzugehen. Es gibt die großen drei Klubs Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas Istanbul und natürlich sagt jeder, der bei einem dieser Vereine spielt: „Hey, komm‘ zu uns!“ Aber damit beschäftige ich mich nicht. Schließlich spiele ich aktuell in einer der besten Ligen der Welt.

Wie schätzen Sie die Europa League im Vergleich zur Champions League ein und was kann Schalke erreichen?
(Überlegt). Die Saison hat noch nicht angefangen. Wir sind in drei Wettbewerben vertreten. Auch wenn wir keinen Tabellenplatz ausgegeben haben, ist es mitunter ein Ziel, in allen Wettbewerben möglichst weit zu kommen. Die Champions League genießt bestimmt größere Aufmerksamkeit als die Europa League, aber gerade nach der Gruppenphase gibt es auch dort kaum Gegner, deren Namen man zum ersten Mal hört. In der Europa League werden wir es schwerer haben, als es manch einer vielleicht vermutet.
Also sollte Schalke besser nicht vom Titel sprechen?
Als Titelkandidat würde ich Schalke nicht bezeichnen. Wir wollen weit kommen. Das wollen alle anderen auch, das ist im Fußball so. Die Gegner darf man dort nicht unterschätzen, die werden uns alles abverlangen. Es wird dort hart zur Sache gehen. Die Europa League ist eine Herausforderung und die nehmen wir gerne an.

Autor:

Mehr zum Thema

Wettbewerbe

Rubriken

Kommentieren