Youngster-Power geht voran! Genau diesen Joker zog RWE-Coach Lorenz-Günther Köstner in den letzten Wochen, und das nicht zu Unrecht.

RWE: Duo infernale: Baris Özbek & Serkan Calik: "Wissen, wo man herkommt"

og
30. Dezember 2006, 18:21 Uhr

Youngster-Power geht voran! Genau diesen Joker zog RWE-Coach Lorenz-Günther Köstner in den letzten Wochen, und das nicht zu Unrecht.

Youngster-Power geht voran! Genau diesen Joker zog RWE-Coach Lorenz-Günther Köstner in den letzten Wochen, und das nicht zu Unrecht. Pascal Bieler (20) war sowieso in der Viererkette gesetzt, im zentralen Mittelfeld schwamm sich Baris Özbek frei, vorne wirbelte Serkan Calik, erzielte sogar beim 1:1 in Burghausen sein erstes Zweitligator. Bei beiden Eigengewächsen laufen die Verträge am 30. Juni 2007 aus.
"Mensch", erinnert sich Özbek an das 1:2 zum 2006-Abschluss gegen den MSV Duisburg, "ich war total überrascht, als der Schlusspfiff ertönte, ich dachte, es wären noch 15 Minuten zu spielen." Der 20-Jährige, dem die vermehrten zentralen Entfaltungsmöglichkeiten sichtlich genau so gut tun, wie Calik sein ebenfalls mehr mittig gelegenes Einsatzgebiet mit einer Vielzahl von permanenten Handlungsoptionen, war total aufgedreht. In Essen fehlt eindeutig eine Anzeigentafel, nicht nur für Özbek. "Das läuft doch seit den letzten drei Matches", legt sich Calik fest, "für uns war das in den vergangenen Wochen ein super Gefühl, das unser Selbstbewusstsein immens gesteigert hat." Auch vom Niederlagenfrust ließ sich der ehemalige Mönchengladbacher nicht großartig beeindrucken. Calik: "Es geht einfach weiter."
Özbek: "Für uns gilt, noch mehr zu machen. Sondereinheiten zu fahren, ob es Flanken sind, Schüsse oder im Kraftraum, nur so kommen wir weiter." Und immer zusammen, wenn Özbek irgendwo um die Ecke kommt, kann man sicher sein, Calik war schon da oder er folgt in der nächsten Sekunde. Beide sind auch zusammen bei der U20 von DFB-Trainer Dieter Eilts, genau wie auch Bieler. "Irgendwann haben wir Dieter Eilts auf der Toilette getroffen, er nahm kopfschüttelnd zur Kenntnis, dass wir wieder zu zweit waren", grinst Özbek.
Der permanente Schulterschluss der Kumpels ist fraglos nicht hinderlich. "Unser Coach sieht, dass wir bemüht sind, ihm das Vertrauen zurück zu zahlen", erklärt Calik. Gerade die "Ausflüge" zum Nationalteam sind dabei hilfreich. "Man muss sich neu beweisen", erklärt Özbek, vor allen Dingen nach Niederlagen "kommt man gar nicht auf den Gedanken, sich irgendwie als Loser zu fühlen", ergänzt Calik. Gleichzeit bietet die DFB-Auswahl bei den Einsätzen, die zukünftig garantiert sind, denn Eilts hat richtig Gefallen gefunden, "auch die Chance, internationale Erfahrung zu sammeln", wie sich Özbek festlegt. Härter wird man auch, so pfiff sich Özbek vor dem Match in Burghausen kompromisslos Voltaren ein, "damit ich schmerzfrei auflaufen konnte."
Übersetzt heißt das, es wird Verantwortung für das Kollektiv übernommen, es wird sich nicht verkrochen. Calik mit blitzenden Augen: "Wir stellen uns, das verlangt man jetzt, also machen wir das." Özbek - wen wundert das? - vollzieht sofort den Schulterschluss: "Egal, auch wenn wir noch jung sind, daran führt kein Weg vorbei." So auch nicht daran, dass es für beide selbstverständlich ist, sich für den Club auch abseits des Platzes zur Verfügung zu stellen, beispielsweise für die Weihnachtsfeier der D-Jugend.
Letztendlich ist das der nächste Schritt im Rahmen einer Fußball-Entwicklung, auf dem Platz muss sich bewiesen werden, beim Gespräch mit dem Journalisten kann man auch Entwicklung sehen. Keiner will sich unterbuttern lassen, Coach Lorenz-Günther Köstner will das so sehen. Özbek gibt zu: "Nach dem Trainerwechsel standen bei mir erst einmal null Spielminuten." Allerdings verkroch er sich nicht. Özbek: "Wir schalten jetzt die Gänge höher, die notwendig sind, wir beide haben Blut geleckt." Köstner wird den Teufel tun und irgendeine Bremse einbauen.
Seit knapp 18 Monaten sind beide dabei, der Aufstieg wurde als ein emotionales Highlight registriert, jetzt muss das genaue Gegenteil bewältigt werden. Calik: "Das sind doch alles Tage, die man nicht vergisst." Alles prägend, stärkend. Özbek: "Es steckt eine Menge Aufwand dahinter, sich heranzuarbeiten und sich auf Dauer zu beweisen." Und Geduld zu haben, Tatsache ist, mit Glück kommt man nicht ins Team, ein Trainer - Köstner betont es immer wieder gebetsmühlenartig - stellt nach Leistung auf. Özbek: "Aufwand wird belohnt, man muss hartnäckig bleiben."
Wichtig ist auch, dass das Spielerumfeld ruhig bleibt, so die Eltern, die immer wieder entspannend einwirken, auch wenn die gesamten Familien bei beiden Jungs enthusiastisch mitgehen. "Sie sitzen immer zusammen im Block A", grinst Özbek, der froh ist, diese Rückzugsmöglichkeit zu haben. Auf der Tribüne finden sich immer Caliks Vater Ahmet und Mutter Nezahat sowie Schwester Semra (15), "die der größte Fan ist" ein. Dazu dann Özbeks Papa Sinasi und Mama Kibar, oft begleitet von den Brüdern Sencer (22) und Ufuk (14, spielt bei Schalke).
Calik: "Wir möchten weiter das Vertrauen, das uns der Coach entgegengebracht hat, zurückzahlen." Mit Einsatz, Willen, Begeisterung, einer einfachen Formel. Özbek: "Trotz der letzten Niederlage bemühen wir uns, viel Positives in die Restspielzeit zu nehmen, nur so geht es." Wie gesagt, die Devise muss einfach sein, kompliziert ist die Gesamtsituation schon genug. Özbek: "Wir haben es doch jetzt in der Hand, aus uns auch etwas zu machen." Wobei dabei kein Tunnelblick entwickelt werden darf, auch wenn sich beide voll auf ihren Sport konzentrieren, komplette Profis sind. Abseits des Sports ist die Zeit zu füllen, das geht nicht nur dadurch, dass man Café-Hopping betreibt. Özbek kaufte sich eine Guitarre und tauchte in diese Welt ein, plant einen Englischkurs, während sich Calik Sekundärliteratur besorgte und alles über Schnelligkeit verschlingt - kein Wunder.
Das Weihnachtsfest begingen Calik und Özbek, beide aktuelle Singles (Calik: "Ich lasse mich finden"), als gläubige Moslems natürlich nicht, dafür gibt es Silvester das "Kurban Bayram", ein Schlachtfest (Schafe, Rinder), alles mit einem durchaus vergleichbaren Hintergrund. Fleisch oder auch Geld wird an bedürftige Menschen weitergegeben. "Man kommt zusammen, die Familien versammeln sich", erklärt Özbek, "man genießt die Gemeinsamkeit." Für Calik steht fest: "Man darf nicht vergessen, wo man herkommt." Und an was man glaubt, auch ein Halt, der ganz bewusst gelebt wird. Die Moschee wird besucht, gebetet wird regelmäßig. "So auch vor dem Spiel", nickt Özbek, oder "bevor ich ins Bett gehe", ergänzt Calik.
Wie gesagt, die Kontrakte laufen bei beide aus, das nächste knappe halbe Jahr ist auch ein Schaulaufen. Essen wird sich bemühen, die vielversprechenden Kicker zu binden, alles nicht leicht, denn die Häscher aus der Türkei buhlen bereits. Hinsichtlich Internationalität stehen einem U-Nationalspieler noch alle Wege offen, auch Özbek, der Deutscher ist, und Calik, der beide Nationalitäten besitzt. Zukunftsmusik - Calik: "Wir kennen unsere aktuelle Aufgabe, alles andere wird niemanden von uns interessieren." Klassenerhalt!Oliver Gerulat

Autor: og

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