Die sommerliche RS-Prognose, dass in Duisburg die Sektflöten mit Plastikbechern getauscht würden, trat in vollem Umfang ein. Zu Jubeln gab es an der Wedau in den 17 Hinrunden-Spielen wenig, lange Gesichter und Durchhalte-Parolen waren an der Tagesordnung.

MSV-Bilanz: Zwischen Koch-Kunst und Streit-Fall

30. Dezember 2005, 12:07 Uhr

Die sommerliche RS-Prognose, dass in Duisburg die Sektflöten mit Plastikbechern getauscht würden, trat in vollem Umfang ein. Zu Jubeln gab es an der Wedau in den 17 Hinrunden-Spielen wenig, lange Gesichter und Durchhalte-Parolen waren an der Tagesordnung.

"Das wird schon", "wir glauben an das Team", "irgendwann sind wir auch Mal dran", "wir fahren dahin, um etwas zu holen", "die Mannschaft hat Charakter" - nur eine Auswahl von Sätzen, die als Mutmacher gereicht wurden und meistens nicht mit Leben gefüllt werden konnten.
Duisburgs Start in die Elite-Liga war schon symptomatisch für das, was sich in der Vorrunde abspielen sollte. Ein von Uwe Möhrle abgefälschter Cacau-Schuss schlug bei der Premiere gegen Stuttgart nach fünf Zeigerumdrehungen zum 0:1 im Zebra-Kasten ein. Dank einer leidenschaftlichen Vorstellung und einem irren Tempo gelang dem Neuling zumindest ein Teil-Erfolg - Aziz Ahanfouf schien mit seinem Treffer auf dem richtigen Weg.
Doch das 1:1 wurde nicht veredelt, ganz im Gegenteil. Ausgerechnet auf dem Betzenberg, dort, wo einer der schwächsten Liga-Mannschaften ihre einst gefürchtete Heimat hat, setzte es kräftig Haue - 3:5. Der Abstiegs-Kampf wurde bereits nach 180 Liga-Minuten vehement eingeläutet.
Auf den ersten Saison-Dreier mussten die MSV-Fans satte sieben Runden warten. Zuhause erzitterte man sich einen 1:0-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg, der seinerseits allerdings ein nicht gegebenes Tor von Markus Daun reklamierte. Mit reichlich Dusel schaffte die Meier-Truppe anschließend ein 1:1 in Hannover, Georg Koch, der stärkste Duisburger Spieler im vergangenen Halbjahr, rettete das Resultat durch einen gehaltenen Foulelfmeter von Jiri Stajner, den er vor der Ausführung durch Gesten verwirrte. Damit hatte es sich aber schon in Sachen Positiv-Serien-Herrlichkeit, die Herbst-Zeit wurde ziemlich bitter, brachte Auswärts-Packungen in München (0:4), Schalke (0:3), Hamburg (0:2), Bremen (0:2) und dazu das DFB-Pokal-Aus beim TSV 1860 München (2:3).
Vor diesem Match rappelte es an der Westender Straße, der Begriff "Kopfwäsche" wurde buchstabiert, um das Team fulminant aufzuwecken. Ergebnis: Die erste Halbzeit bei den "Löwen" wurde derart verschlafen, dass der Kraftakt im zweiten Abschnitt lediglich einen Zwischenspurt zum 2:2 entfachte, aber das Ausscheiden nicht abwenden konnte. Regisseur Dirk Lottner, der ähnlich wie Ivica Grlic zwischenzeitlich Bank-Holz drücken musste und reichlich verstimmt war, gestand ein: "Es waren einige schlechte Leistungen dabei, nach denen man keine Erstliga-Ansprüche stellen konnte. Zum Ende der Hinrunde hat sich das Bild etwas gedreht, aber trotzdem war unsere Ausbeute zu gering."
Das Aufsteiger-Duell gegen den 1. FC Köln wurde bereits zum "Alles-oder-nichts-Spiel" hochstilisiert. Und tatsächlich war es für MSV-Trainer Norbert Meier das Ende seiner fast dreijährigen Tätigkeit an der Westender Straße. Beim Stande von 1:1 ließ sich der ansonsten kühl und besonnen wirkende Fußball-Lehrer zu einem Kopfstoß gegen den Kölner Albert Streit hinreißen. Streit kippte um, Meier kurioserweise schon vorher, obwohl er Auslöser dieser peinlichen Aktion war. Die TV-Bilder entlarvten den "Übeltäter" eindeutig, wobei er sich in der folgenden Presse-Konferenz und in nach dem Match geführten Interviews keiner Schuld bewusst war. Die Duisburger Führungs-Ebene hätte energischer und souveräner reagieren müssen, ließ den leitenden Angestellten aber stattdessen ins Verderben laufen, anstatt ihn aus dem medialen Feuerkelch zu ziehen. Am Nikolaus-Tag gab der MSV schließlich die Trennung von Norbert Meier bekannt, der Ex-Nationalspieler war aufgrund der Vorkommnisse, des öffentlichen und internen Drucks sowie der Drei-Monats-Sperre des DFB nicht mehr in seinem Aufgaben-Gebiet zu halten.
Mit Interims-Lösung Heiko Scholz bastelte Duisburg bis zur Winter-Pause eine Mini-Serie. Gegen Bielefeld gab es ein beherztes 1:1 mit Ivica Grlic als Gewinner. Der Bosnier überzeugte auf der Position des Abwehr-Chefs, da ansonsten keine Alternativen zur Verfügung standen, ging der Versuch gut.
Beim Hinrunden-Finale in Mainz zeigte Duisburg erneut zwei Gesichter, lieferte eine schwache Anfangs-Phase ab, lag 0:1 im Hintertreffen. Nach zwei Aluminium-Treffern und mehreren ausgelassenen Groß-Chancen traf schließlich Uwe Möhrle mit seinem vierten Saisontreffer zum vielumjubelten 1:1. "Die Moral unserer Mannschaft stimmt", stellt Razundara Tjikuzu fest, "ich glaube fest an den Klassenerhalt. Entschieden ist im Winter noch gar nichts. Ich kenne das schon aus meiner Zeit bei Hansa Rostock. Wenn wir das nötige Glück haben, alle Spieler fit sind und die Verletzten zurück kommen, dann haben wir viele Variations-Möglichkeiten und können neu angreifen."
Das wird auch bitter nötig sein, der Ertrag von zwölf Punkten, von denen lediglich zwei in fremden Stadien gelungen sind, ist ein Beleg dafür, was der MSV in der Restrunde noch leisten muss. "Man guckt natürlich lieber auf die Tabelle, wenn man weiter oben steht", sagt Dauerrenner Tobias Willi und blickt voraus: "Auf uns lastet im neuen Jahr ein Riesen-Druck, nur gemeinsam mit den Fans können wir es schaffen. Das Publikum hat uns in den letzten Monaten hervorragend unterstützt und uns nie hängen lassen. Wenn bei uns jeder alles investiert, dann packen wir es." Der Wunsch von Dirk Lottner, der einen Coach favorisierte, "der uns pushen kann", wurde vor dem Weihnachtsfest erhört. Als "Präsent" zog Präsident Walter Hellmich Weltmeister Jürgen Kohler aus dem Geschenke-Sack. Wie man gewinnt, das weiß "Kokser" aus seiner aktiven Laufbahn, in der er alles abräumte. Nun muss er es als Trainer in Duisburg hinkriegen.

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