Vom Regen Luganos in das freundliche Wien. Jetzt hat die „Ösis“ doch noch der Fußballwahn gepackt.

EM-Tagebuch: Günther Pohl berichtet aus Österreich/Schweiz (Montag, 16. Juni)

Franziskaner, Maria Theresia und Biedermeier

17. Juni 2008, 16:38 Uhr

Vom Regen Luganos in das freundliche Wien. Jetzt hat die „Ösis“ doch noch der Fußballwahn gepackt.

51.000 im Ernst-Happel-Stadion, insgesamt 200.000 in den Fanzonen, ganz Österreich schaut Fußball. Der ÖRF meldet stolz, dass 2,2 Millionen für die höchste Fußball-Einschaltquote seit der Einführung der elektronischen Messung im Jahr 1991 gesorgt haben. Den Topwert hält immer noch die Übertragung eines Ski-Rennens aus dem Jahre 2003. Also sind die Österreicher doch wohl eher eine Ski-Nation. Dazu passt, dass die deutschen Fans in der Innenstadt skandierten: „Ohne Skier habt ihr keine Chance!“
[imgbox-center]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/007/940-8258_preview.jpeg Günther Pohl berichtet aus Österreich/Schweiz[/imgbox]

Ich frage mich allerdings, was der Wiener macht, wenn kein Fußball ist! Dann sitzt er, und das seit 1900, in einem typischen Wiener Café und noch heute gibt es davon mehr als 500.
Also rein ins Kaffeehaus und schon droht die erste Blamage. Denn vor Ort einen Kaffee zu bestellen, ist ebenso verwerflich wie in der Düsseldorfer Altstadt ein Kölsch.

Deshalb sieht mich der Kellner im schwarzen Anzug und mit grauen Schläfen von oben herab an und schiebt mir erst einmal die Kaffee-Karte unter die Nase. Oh, ich Unwissender. Unter 25 Getränken ist mir nur eines bekannt – Tee!

Aber was in der Welt ist ein Franziskaner (Melange mit viel Milch, Sahne und Schokostreusel), ein Kaffee verkehrt (Milchkaffee) oder Maria Theresia (Melange mit Likör, Puderzucker, Sahne und Zuckerstreusel)? Dass ein Weißer mit Haut eine Melange mit kochend heißer, nicht aufgeschäumter Milch ist, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Am Ende entscheide ich mich für einen Biedermeier (Melange mit Marillenlikör) und schwöre mir insgeheim, dass wenn ich mit der deutschen Mannschaft noch einmal nach Wien komme, ich es dem hochnäsigen Kellner heimzahle.

Was hat aber ein Kaffeehaus mit Fußball zu tun? Man glaubt es kaum: Bis ins Jahr 1960 gab die Wiener Austria die Adresse eines Kaffeehauses in der Innenstadt als Vereinsadresse an.

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