Auf zwei Kufen, einem Holz-Gestell und mit einer Kordel zum Festhalten ab ins Tal: Rodeln macht Laune! Besonders dann, wenn es sich um eine echte Herausforderung handelt. Nein, kein 50-Meter-Hügel, wie etwa im Herner Gysenberg, wo man als Kind beim Erspähen der ersten Schneeflocke bereits freudig-erregt postiert war, sondern die längste (beleuchtete) Strecke Europas.

Kufen-Kracher: 14 Kilometer Nacht-Abfahrt in Neukirchen

Und links grüßen die Fichten

tt
29. März 2008, 09:27 Uhr

Auf zwei Kufen, einem Holz-Gestell und mit einer Kordel zum Festhalten ab ins Tal: Rodeln macht Laune! Besonders dann, wenn es sich um eine echte Herausforderung handelt. Nein, kein 50-Meter-Hügel, wie etwa im Herner Gysenberg, wo man als Kind beim Erspähen der ersten Schneeflocke bereits freudig-erregt postiert war, sondern die längste (beleuchtete) Strecke Europas.

In Neukirchen, einem kleinen Dorf im Salzburger Land, lockt eine 14-Kilometer-Piste, die bestens präpariert über stolze 1.300 Höhenmeter bis ins Tal führt. Als besonderen Reiz haben die Wintersport-Macher aus Österreich die komplette Abfahrt mit Laternen versehen, so dass an jedem Tag in der Woche bis 22 Uhr Nachtrodeln für Mega-Gaudi sorgt.
Die erforderlichen Schlitten können an der Talstation bei zwei Sport-Fach-Geschäften geliehen werden. Zwischen sechs und sieben Euro liegen die Preise. Wer gleich auf's Ganze gehen will, kann sich einen Flitzer auch kaufen. Ab 100 Euro aufwärts sind verschiedene, qualitativ hochwertige Modelle zu haben.

Wenn die Ausrüstung mit Schlitten, Wintersport-Kleidung inklusive Mütze und Handschuhen komplett ist, geht es nach dem Lösen einer sogenannten Wanderkarte (13 Euro Erwachsene, 6,50 Euro Kinder) mit der Wildkogel-Bahn auf den Berg. Eine Viertelstunde muss nach der Ankunft per Fuß zurückgelegt werden, schließlich ist es wenig ratsam, gleich Voll-Speed eine rote Skipiste herunterzuballern, um zum Rodelbereich vorzupreschen. Am Start angekommen, wartet eine wahrlich große Herausforderung. 14 Kilometer sind locker die dreifache Distanz, die "normale" Rodel-Strecken in den diversen Schnee-Gebieten beinhalten.

Die Kombination aus frischem Pulverschnee und zwischenzeitlichen Passagen auf blankem Eis fordert nicht nur dem Schlitten, sondern auch dem Schuhwerk alles ab. Das Motto "wer bremst, verliert" zieht auf der Strecke überhaupt nicht, schließlich wird nicht jeder Rodel-Meter von einer hölzernden Umrandung abgesichert. Auf der Hälfte des zwei Meter schmalen Streifens geht es seitwärts kräftig ab in die Fichten - Übermut tut wahrlich selten gut.

Fortgeschrittene schaffen die 14 Kilometer in rund einer halben Stunde, meine Zeit lag deutlich darüber. Nach 43 Zeigerumdrehungen wurde die Ziellinie überglitten. Zwei, drei Pausen waren alleine deswegen unvermeidlich, weil sämtliche Beinmuskeln ob der ungewohnten Sitzhaltung und einiger Brems- sowie Lenkmanöver rebellierten.

Der Fun-Faktor bei der Rodel-Partie nimmt durchaus begeisternde Züge an, gerade dann, wenn man auf gerader Strecke kräftig Tempo machen kann. Die Steuer-Arbeit in den Kurven und das Einleiten von kräftigen Brems-Vorgängen gehen allerdings nicht spurlos an einem Rodel-Novizen vorüber. Nach der dreiviertel Stunde Spaß folgen zwei Tage mit Schmerz. Treppensteigen wird fast zur unlösbaren Prüfung, schnelle Bewegungen verbieten sich von selbst. Arme, Oberschenkel, Beinseiten und Gesäß lassen grüßen. Aber unter dem Strich erfreut einen auch das Gefühl, richtig etwas getan zu haben. Und das ist doch auch etwas Feines.tt

Der Überblick

Spaß 6 Logos
Rasantes Tempo in frischer Bergluft mitten im Schnee: Besser geht es nicht. Das lästige Hochasten, was man von kleinen Hügeln in NRW kennt, fällt auf solch bestens präparierten Rodelpisten weg, die Verweil- und Fun-Dauer ist lang.

Verletzungs-Risiko 2 Logos
Warnung: Beim Rodeln gab es statistisch gesehen zuletzt mehr tödliche Unfälle als beim als gefährlicher eingestuften Skifahren. Wer gesittet fährt, schafft es ohne Schrammen. Dafür melden sich aber mit Muskelkater, Schmerz & Co.

Aufwand 3 Logos
Hunderttausende fahren jede Saison aus NRW zum Wintersport nach Österreich oder in die Schweiz. Nahezu jedes Skigebiet verfügt auch über eine Rodelstrecke. Für viele ist das Platznehmen auf dem (geliehenen oder eigenen) Schlitten willkommene Abwechslung, zumal die eigentliche Ski-Bekleidung auch beim Rodeln verwendet werden kann.
Gesamt 4 Logos
Die körperliche Anstrengung hält sich beim Rodeln in Grenzen, einige Lenk- und Brems-Manöver gehen allerdings in Beine sowie Arme. Der Spaß überwiegt eindeutig. Bevor das Vergnügen startet, muss allerdings eine Bergfahrt bewältigt und das Sportgerät geschleppt oder gezogen werden.

Info Rodeln
Seit Jahrtausenden werden Schlitten zum Fortbewegen und Transportieren benutzt, Anfang des 19. Jahrhunderts eroberte sich Rodeln seinen Platz als eigenständige Sportart. Wer das Rodeln als bloßes Herumrutschen auf zwei Kufen abkanzelt, befindet sich auf dem Holzweg. Kraft gepaart mit Technik, Geschick und dem richtigen Feeling für Kurven sind die Voraussetzungen, um anspruchsvolle Strecken zu meistern.

Die optimale Temperatur, um über die Piste zu flitzen, liegt bei minus 3 Grad Celsius. Modelle aus Plastik sind für Natur-Rodelbahnen nicht geeignet, Lenk-Riemen und nach innen gekantete Schienen erhöhen beim Schlitten die Sicherheit. Das Stehenbleiben an unübersichtlichen Punkten und das Stoppen mitten auf der Strecke sind tabu. Das Fahrverhalten muss Wetter- und Sichtverhältnissen angepasst werden.

Grundsätzlich gilt: Vorsicht an vereisten Stellen und auf unbekanntem Gelände. Genau wie im normalen Straßenverkehr heißt es auch hier: Ohne Promille fährt es sich sicherer. Beim Sport-Rodeln werden im Gegensatz zur Benutzung von Familien-Zwei-Sitzern Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h erreicht. Das Tragen von Helmen ist hierbei Pflicht.

Autor: tt

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