Rudi Völler steckt mit Leverkusen im Abstiegskampf und wird angefeindet.  Das Interview zur Bayer-Krise: Hier bezieht der Sportdirektor Stellung.

Leverkusens Rudi Völler

"Es geht um die Existenz"

Thomas Gassmann
05. Mai 2017, 03:37 Uhr
Foto: firo

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Rudi Völler steckt mit Leverkusen im Abstiegskampf und wird angefeindet. Das Interview zur Bayer-Krise: Hier bezieht der Sportdirektor Stellung.

Rudi Völler ist pünktlich. Spaziert in die Loge in der zweiten Etage. Schaut kurz auf den Fußballrasen der BayArena. Und fällt in den Stuhl. Kurzes Durchatmen. Interview-Termin zum Abstiegskampf mit Bayer Leverkusen. „Verstecken gilt nicht“, sagt der Sportdirektor trotzig. Vor der Bundesliga-Saison galt seine Mannschaft als Titel-Aspirant. Jetzt beträgt der Abstand zum Relegationsplatz 16 nur drei Punkte. Samstag muss Bayer Leverkusen zum Kellerduell nach Ingolstadt.

Rudi Völler, seit 16 Jahren sind Sie Sportchef in Leverkusen. Erleben Sie Ihren schwersten Moment?
Ja, das kann man so sagen. In den letzten Jahren gab es immer Situationen, in denen es mal holperig zuging. Aber das kann man mit der jetzigen Lage nicht vergleichen. Wir reden von Abstiegskampf. Es geht um die Existenz, es ist gefährlich. Der Druck ist natürlich enorm. Aber dem stellen wir uns.

Kann Bayer Abstiegskampf? Ist die junge Mannschaft dem Druck gewachsen?
Unsere Mannschaft hat in vielen Champions-League-Play-off-Spielen bewiesen, dass sie mit Druck umgehen kann. Natürlich ist Abstiegskampf noch etwas anderes. Aber wir werden beweisen, dass wir auch das bewältigen können.

Haben Sie Angst?
Angst wäre ein schlechter Ratgeber. Aber nur zu sagen, du darfst keine Angst haben, reicht natürlich auch nicht. Wir haben Spieler, die gehen mit der Situation besser um. Es gibt andere, die haben Probleme damit. Das müssen wir jetzt erkennen. Wichtig ist: Trotz der prekären Situation dürfen die Spieler ihre Leichtigkeit nicht verlieren. Nur Rennen und Beißen reicht nicht. Wir brauchen auch fußballerische Qualität.
Es gibt ein Bild von 1996, als Sie Ihren weinenden Freund und Lautern-Spieler Andy Brehme trösteten, weil sie mit Leverkusen den Abstieg durch den 1:1-Ausgleich acht Minuten vor dem Spielende vermieden. Haben Sie mit Ihrer Mannschaft darüber geredet?
Ich rede permanent mit den Spielern. Und jeder weiß, worum es hier geht. Wir brauchen noch einen Sieg. Bei allem Druck, bei aller Gefahr: Wir geraten nicht in Panik.

Was lief schief?
Wir haben gut eingekauft, das haben uns viele Experten bestätigt. Wir spürten vor der Saison so etwas wie eine Euphorie. Aber Fußball ist nicht logisch. Und natürlich haben wir auch ein paar Dinge falsch gemacht.

Haben Sie Trainer Roger Schmidt zu spät entlassen?
Ich bleibe dabei: Keine Trainerentlassung fiel mir so schwer wie die von Roger Schmidt. Ich halte ihn auch heute noch für einen Klassetrainer. Einige sagen, es war zu spät, andere sagen, es war zu früh. Aber da gibt es nicht die Wahrheit.

Gibt es einen Plan für den Fall eines Abstiegs?
Nein, dafür bin ich zu positiv. Wir machen uns nicht kleiner, als wir sind.
Stefan Kießling hat nach der Niederlage gegen Schalke zu einigen Fans gesagt: „Dann hauen wir die Scheiß-Kölner weg…“ Ich habe FC-Manager Jörg Schmadtke angerufen und die Sache mit ihm besprochen. Er hat es sofort verstanden und nicht so hoch gehängt. Das ist dem Stefan so rausgerutscht. Alle Beteiligten ordnen das schon richtig ein.

Bayer hat viele interessante junge Spieler wie Brandt, Leno, Calhanoglu oder Wendell, die von europäischen Top-Klubs umworben werden. Haben Sie keine Angst, dass diese Spieler sagen: Wir spielen im nächsten Jahr nicht international. Dann bin ich mal weg…
Nein, nein. Das geht nicht so einfach. Wir haben das Zepter in der Hand. Die Spieler haben die Pflicht, das wieder gut zu machen. Wir entscheiden, welche Spieler bleiben. Wir haben in den letzten Jahren so viel eingenommen, dass wir uns ein Jahr ohne internationalen Wettbewerb leisten können.

Das gilt auch für Julian Brandt, den die Bayern haben wollen?
Natürlich. Das gilt für jeden Spieler. Vielleicht werden wir ein, zwei Spieler abgeben. Aber das hat nichts mit der jetzigen Situation zu tun.

Sie stehen als Sportchef im Feuer der Kritik. Verletzt es Sie, wenn sogenannte Fans Ihren Rücktritt fordern?
Nein. Ich beschwere mich nicht, wenn ich gelobt werde. Also brauche ich mich auch nicht zu beschweren, wenn ich kritisiert werde. Ich bin auch nicht bockig. Ich weiß, dass es gerade in den sozialen Medien munter zugeht. Aber das beeindruckt mich nicht, weil ich mit Facebook und dem Rest nichts am Hut habe. Ich weiß, dass auch ich Fehler gemacht habe. Aber ich laufe jetzt nicht davon, sondern stelle mich der Herausforderung.

Autor: Thomas Gassmann

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