Das Pokalmärchen ist seit der Niederlage gegen Borussia Dortmund im Achtelfinale des DFB-Pokals vorbei.

Lotte

Pokalschreck kann Durchmarsch in die 2.?Liga schaffen

Krystian Wozniak
17. März 2017, 09:07 Uhr
Foto: firo

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Das Pokalmärchen ist seit der Niederlage gegen Borussia Dortmund im Achtelfinale des DFB-Pokals vorbei.

Doch die Sportfreunde Lotte dürfen in dieser Saison nicht darauf reduziert werden, dass sie die Erstligisten Bayer Leverkusen und Werder Bremen sowie Zweitligist 1860 München aus dem Wettbewerb geworfen haben. Auch in der 3. Liga spielt die Mannschaft des jungen Trainers Ismail Atalan eine außergewöhnliche Rolle. Dabei sind die Sportfreunde gerade erst aufgestiegen. Verrückt: Im Sommer ist sogar der zweite Aufstieg möglich .

Als es noch hieß, dass das Achtelfinale im DFB-Pokal im Lotter Stadion stattfinden würde, war den Mitarbeitern in der kleinen Geschäftsstelle der Stress anzusehen. In dem kleinen Raum, in dem es schon kuschelig wird, wenn sich drei Personen gleichzeitig darin aufhalten, herrschte rund um die Uhr rege Betriebsamkeit. Eben deshalb, weil ein großer Profi-Klub kommen sollte. Dass das Spiel abgesagt und im Stadion an der Bremer Brücke in Osnabrück ausgetragen wurde, ist bekannt. Ebenso, dass das etwas unwirkliche Märchen vom furchtlosen Drittliga-Aufsteiger, der nacheinander Werder Bremen, Bayer Leverkusen und 1860 München aus dem Pokal warf, mit der 0:3-Niederlage gegen den deutschen Vizemeister endete.

Hoher Besuch in dem kleinen Dorf am Autobahnkreuz Lotte/Osnabrück könnte bald aber schon zur Regelmäßigkeit werden. Denn nicht nur im Pokal hat die Mannschaft des jungen Trainer Ismail Atalan überzeugt: Die Sportfreunde Lotte können sogar nach nur einem Jahr Drittklassigkeit in die 2. Bundesliga aufsteigen.

Atalan lässt sich vom Erfolg des Teams nicht benebeln

Atalan wehrt bescheiden ab, wenn er darauf angesprochen wird. Klar, auch der 36-Jährige fühlt sich derzeit wie in einem Traum. Er lässt sich jedoch nicht benebeln von dem, was seine Spieler geleistet haben. Diese erfolgshungrigen, nimmersatten Lotter Spieler. Von denen einer, Kevin Freiberger, nach der Niederlage gegen den Bundesligisten Dortmund sagte: „Wir sind trotzdem sehr, sehr traurig.“ Anspruchsdenken nach Lotter Art. Und in der Meisterschaft? „Diese 3. Liga ist so verrückt, dass du nach drei Niederlagen wieder in den Abstiegskampf rutschen kannst.“

Diese Aussage ist ebenso richtig wie die, dass die Sportfreunde am wenigsten von allen Mannschaften an der Tabellenspitze zu verlieren haben. Gewinnt der Dorfklub seine beiden Nachholspiele, verkürzt er den Rückstand auf Spitzenreiter MSV Duisburg auf magere zwei Punkte. Vorsichtshalber hat Lottes Fußball-Obmann Manfred Wilke die Unterlagen für die Zweitliga-Lizenz eingereicht. Die für die 3. Liga ohnehin. Die für die Regionalliga übrigens auch. Der Wahrheit die Ehre: Atalans Prognose, was nach drei Nullrunden passiert, ist nicht aus der Luft gegriffen.

Dass das Zahlenwerk der 3. Liga jedoch flächendeckend keine Beachtung findet und allerorts nur über die hervorragende Leistung der Sportfreunde gesprochen wird, ist auch in der Historie des Klubs verwurzelt. Über die Kreis-, Bezirks-, Landes-, Verbands-, und Oberliga kämpften sich die Blau-Weißen in die Regionalliga West. Acht Jahre verbrachte das Team in der vierten Liga. Fußball-Lehrer wie Maik Walpurgis (heute FC Ingolstadt) oder Michael Boris (ungarischer Fußballverband) konnten den ersehnten Aufstieg in die Drittklassigkeit nicht realisieren. Dann kam im Januar 2015 der weitgehend unbekannte Ismail Atalan.

In neun Jahren vom Kreis- zum Drittliga-Trainer

Ein Personalwechsel mit Folgen: Die Sportfreunde stiegen im vergangenen Sommer auf. Atalan schaffte es innerhalb von nur neun Jahren vom Kreis- zum Drittliga-Trainer. Seine Erfolgsgeschichte geht weiter: Bald ist er Fußball-Lehrer: „Jetzt erhalte ich noch das Diplom mit einer hoffentlich ordentlichen Note und dann habe ich das auch geschafft“, sagt der 36-Jährige.

Der Erfolgshunger wie der von Kevin Freiberger, die mannschaftliche Geschlossenheit, Kameradschaft, Leidenschaft, Mut und Siegeswille – das sind die Schlüsselworte des Lotter Erfolgs. Und natürlich der Trainer. Ex-Nationalspieler und ARD-Experte Mehmet Scholl adelte den Trainer des Drittiligisten während der Übertragung des Achtelfinals gegen Borussia Dortmund: „Er ist einer der interessantesten jungen Trainer im deutschen Fußball.“ Ein großartiges Kompliment.

Die Fan-Unterstützungin dem kleinen Dorf, in dem gerade einmal 14.000 Menschen leben und dessen Stadion etwas mehr als 10.000 Zuschauer fasst, ist grenzenlos. „Wir sind stolz auf unser Team“, schallte es nach dem Pokal-Aus gegen Dortmund durch das Stadion in Osnabrück. Das ist auch Lotte: Die Mannschaft wird gefeiert, obwohl der Erfolg ausgeblieben ist. Das unterstreicht einmal mehr, in welch harmonischer Atmosphäre der Erfolg im Tecklenburger Land angenommen wird.

Läuft es nicht gut, wird trotzdem geklatscht und gesungen. Läuft es aber rund, dann herrscht in Lotte schnell Euphorie. Dann wird Erst- und Zweitligisten das Fürchten gelehrt. Vielleicht ja bald auch während der Meisterschaft? Wo die kleine Gemeinde liegt, wissen ja jetzt alle. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass Osnabrück Ausweichort war.

Autor: Krystian Wozniak

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