Der Terminkalender von Thomas Tuchel enthielt am Sonntagabend noch einen ungewöhnlichen Eintrag.

BVB

Tuchel kritisiert die Erwartungshaltung im Klub

Daniel Berg
12. Februar 2017, 22:07 Uhr
Foto: firo

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Der Terminkalender von Thomas Tuchel enthielt am Sonntagabend noch einen ungewöhnlichen Eintrag.

Zu einem Streitgespräch über Spielkultur war der Trainer von Borussia Dortmund ins Deutsche Fußball-Museum geladen worden. Dabei hätte er den schwarz-gelben Kosmos für einen tüchtigen Konflikt nun nicht verlassen müssen. Der ergab sich schon aus den Ereignissen des Vortages, als seine Mannschaft über alle Maßen verdient mit 1:2 (1:1) beim Tabellenletzten SV Darmstadt 98 verlor – und Tuchel zu erklären versuchte, was kaum zu erklären war.

Nicht gekonnt, nicht gewollt

Neun Punkte hatte Darmstadt in bis dahin 19 Spielen geholt. Nun nahm dieser lustige kleine Außenseiter die hoch dekorierte Borussia unter dem Gejohle seiner Fans auseinander. Und das in einem Spiel, das Tuchel vorab als „Mentalitätsspiel“ deklarierte, also eines, in dem es wichtig wäre: zu wollen. Tuchel beschönigte im Zeugnis hinterher nichts: „Gnadenlos durchgefallen“, urteilte er. Die Spieler hatten nicht gewollt. Oder nicht gekonnt. Zum wiederholten Male in dieser Saison. Aber was nun eigentlich von beidem?

Die Sache mit dem Mentalitätsspiel rief der Trainer aus, weil er seine Mannschaft mittlerweile kennt. Sie neigt dazu, sich die samtfüßigen Leistungen für die viel beachteten Spiele aufzuheben, in denen es um viel geht. So spazierte sie ohne Niederlage (!) durch die bisherigen Champions-League-Begegnungen, so zog sie ins DFB-Pokal-Viertelfinale ein, so schlug sie Bayern München und zuletzt RB Leipzig.
„Scheinwerferspiele“ nennt Tuchel diese Partien. „Aber wir tun uns extrem schwer, ohne die große Bühne die absolute Schärfe zu zeigen“, sagte Tuchel milde im Ton und manchmal sogar mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.

Denn was er sagen wollte, war nicht zwingend, dass diese Borussia ein Mentalitätsproblem habe, sondern dass sie über ein ganz anderes Leistungsvermögen verfüge als bisher gemeinhin angenommen. „Ich plädiere seit Monaten dafür, dass ein Umdenken stattfindet“, sagte er und meinte, dass die Scheinwerferergebnisse Ausreißer nach oben seien und nicht der Standard.

„Ich dachte eigentlich, dass das bei allen schon angekommen ist, auch intern“, rügte er schnippisch. Und ein bisschen, so schien es, gefiel er sich auch in der Rolle desjenigen, der es immer schon gesagt hatte. Und der nun Recht bekommen hatte durch einen bemerkenswerten sportlichen Tiefpunkt. Plötzlich ging es also um Grundsätzliches.

Riskant oder ambitioniert

„Riskant“ sei der Weg mit den vielen jungen Talenten, sagte Tuchel vor der Saison. Eine Formulierung, die BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke einen Tag später wieder einfing, weil es einem börsennotierten Unternehmen nicht besonders gut zu Gesicht steht. „Ambitioniert“, sagte er, sei der Weg. Dass Watzke aber in der Winterpause mit schärfer werdendem Ton das Erreichen von Platz drei einforderte und verfügte, die Integration der vielen Neulinge sei abgeschlossen, stieß dem Trainer nachhaltig auf. Er argumentiert tatsächlich schon länger in die andere Richtung: Ein verlässliches Zusammenwachsen, das die Erwartungen rechtfertige, kann er nicht erkennen. Spieler, die er gern hätte verpflichten wollen, hat er nicht bekommen. Nicht-Leistungen, argumentiert er sinngemäß, gehören dazu. In Darmstadt stürmte Watzke fünf Minuten vor Spielende dem Stadionausgang entgegen. Sein Gesichtsausdruck verriet nicht, dass er fand, eine solche Leistung gehöre derzeit wie selbstverständlich zum BVB.

„Natürlich sind wir auf der Suche nach Möglichkeiten, der Mannschaft zu helfen, aber wir müssen konstatieren, dass das nicht gelungen ist“, sagte Thomas Tuchel mit einem Anflug von Ratlosigkeit. Der Trainer muss sich vorwerfen lassen, einem nicht gerade überraschend auftretenden Phänomen offenbar nichts entgegensetzen zu können.

In Darmstadt saßen renommierte Kräfte wie Gonzalo Castro, André Schürrle und Shinji Kagawa auf der Bank, Mario Götze, der am Donnerstag und Sonntag trainierte, blieb wegen muskulärer Probleme gleich ganz zu Hause. Sie alle haben zuletzt nicht gerade geglänzt. Sie sind nicht gut genug derzeit. Meint Tuchel. Sonst spielten sie ja. Es sind auffallend viele Hochbegabte, die sich gerade in einem Formtief befinden und auch mithilfe des Trainers nicht herausfinden.

Helles Scheinwerferlicht

Immerhin bietet der nun eng getaktete Terminkalender schnell die Möglichkeit einer Wiedergutmachung. Am Dienstag geht es im hellsten Scheinwerferlicht weiter.

Im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals tritt Schwarz-Gelb bei Benfica Lissabon an. „Das wird ein komplett anderes Spiel, mit einem anderen Gegner, in einem anderen Stadion“, sagt Dortmunds Torwart Roman Bürki: „Dann kommt noch die Champions-League-Hymne hinzu. Ich bin überzeugt, dass wir da unser wahres Gesicht zeigen werden.“ Darüber sollte er vielleicht nochmal mit seinem Vorgesetzten sprechen.

Autor: Daniel Berg

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