Natürlich freut sich kein Fußballtrainer über Gegentore, schon gar nicht ein derart ehrgeiziger wie Thomas Tuchel.

BVB

Zahl der unnötigen Gegentore steigt

Sebastian Weßling
30. November 2015, 08:57 Uhr
Foto: firo

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Natürlich freut sich kein Fußballtrainer über Gegentore, schon gar nicht ein derart ehrgeiziger wie Thomas Tuchel.

Und doch ist es durchaus möglich, dass der Coach von Borussia Dortmund im Nachhinein ganz froh ist über den einen Treffer, den der BVB beim 4:1-Sieg über den VfB Stuttgart hinnehmen musste – denn es könnte den Dortmundern eine lästige Debatte ersparen.

Tuchel hatte sich entschieden, seinen Kapitän und Abwehrchef Mats Hummels auf die Bank zu setzen. Das ließ sich durchaus schlüssig mit dessen Belastung in der laufenden Saison erklären, Hummels hat in der laufenden Saison 23 von 24 möglichen Pflichtspielen gemacht.

Aber Hummels hatte in den letzten Wochen eben auch immer wieder unglücklich ausgesehen, hatte Gegentore verschuldet und auch in seinem öffentlichen Auftreten nicht immer ganz trittsicher gewirkt. Derart stark war die Kritik am 26-Jährigen, dass Tuchel sogar erwog, die geplante Pause für den Kapitän zu streichen – um eben nicht den Eindruck zu erwecken, ihn auf die Bank zu verbannen.

Der Stuttgarter Treffer ersparte den Dortmundern nun zumindest die süffisanten Hinweise, dass es ohne Hummels doch viel besser laufe in der Abwehr. Dennoch wird dieses Tor noch für Gesprächstoff sorgen, denn es reiht sich ein in die lange Reihe vermeidbarer Gegentore, die der BVB in der laufenden Saison hinnehmen musste – und es war fast die gesamte Hintermannschaft, die schlecht aussah. Die Innenverteidiger Sven Bender und Sokratis ließen VfB-Stürmer Timo Werner ziehen, Lukasz Piszek klärte zwar erst auf der Linie, spielte den Ball dann aber Stuttgarts Lukas Rupp in die Füße, beim anschließen Steilpass fehlte der Rechtsverteidiger dann auf seiner angestammten Position und niemandem gelang es rechtzeitig, die Lücke zu schließen. Die Folge: der 1:2-Anschlusstreffer durch Daniel Didavi – und dazu selbstbewusstere Stuttgarter und schlagartig weniger dominante Dortmunder.

„Das ist total unnötig, weil man sich ein bisschen in Bedrängnis bringt“, schimpfte Bender, der Hummels in der Innenverteidigung vertrat. „Und das ist nicht notwendig in einem Spiel, in dem man eigentlich die Kontrolle hat und weiß, dass es mit sauberen Pässen und Angriffen eventuell zum nächsten Tor kommt.“ Marco Reus, der das Kapitänsamt übernommen hatte, wurde noch grundsätzlicher: „Nach dem 2:0 haben wir aufgehört, Fußball zu spielen, haben Stuttgart phasenweise eingeladen zu Torchancen“, haderte er. „Das ist uns leider schon öfter passiert.“

Tatsächlich ziehen sich unerklärliche Abwehrpatzer wie ein roter Faden durch die BVB-Saison. Bislang konnte man damit in Dortmund eher entspannt umgehen, weil man dank der offensiven Qualität meist ein Tor mehr erzielte als der Gegner. Doch die unglückliche 0:1-Niederlage beim FK Krasnodar, durch die man in der Europa League auf den zweiten Gruppenplatz abgerutscht ist, hat die Sinne noch einmal geschärft: In aller Deutlichkeit mussten die BVB-Akteure erkennen, wie schnell ein unnötiges Gegentor eine hervorragende Ausgangsposition zunichte machen kann. Je weiter es in den Pokalwettbewerben geht, je stärker die Gegner werden, desto schwieriger wird es, derartige Patzer wieder auszubügeln.

Trainer Tuchel hat immer mal wieder angekündigt, die defensiven Anfälligkeiten in den Griff zu bekommen wollen – anders als für viele andere Probleme hat er hier den richtigen Hebel noch nicht gefunden. Und auch die Spieler waren nach der Partie gegen den VfB erst einmal ratlos: „Wenn wir wüssten, woran es liegt“, sagte Gonzalo Castro, „dann, hätten wir es ja vielleicht abstellen können.“

Autor: Sebastian Weßling

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