Genau 60 Jahren ist es her, dass Rot-Weiss Essen die Deutsche Meisterschaft feierte. Wir erinnern an das Spiel mit

Rot-Weiss Essen

Deutscher Meister ist nur der RWE

Georg Schrepper
26. Juni 2015, 08:57 Uhr
Foto: Fotoarchiv Kurt Müller

Foto: Fotoarchiv Kurt Müller

Genau 60 Jahren ist es her, dass Rot-Weiss Essen die Deutsche Meisterschaft feierte. Wir erinnern an das Spiel mit "Penny", "Boss" und den anderen Helden.

Rot-Weiss Essen gegen 1. FC Kaiserslautern. „Das deutsche Wunsch-Endspiel ist Wirklichkeit geworden!“, schrieb der Fußball-Kurier. Ein „populäreres Endspiel“ habe man sich nicht wünschen können, eines „der spielerisch wertvollsten Endspiele der Geschichte“. Die Fußballexperten waren sich einig, dass hier die beiden besten deutschen Fußballmannschaften aufeinander trafen und sich Stärken und Schwächen beider Teams ausglichen. Vor 60 Jahren wurde RWE Deutscher Meister, wir erinnern an das Finale in Hannover.

Bei herrlichem Sonnenschein bildeten am 26. Juni 1955 über 80.000 Zuschauer im Niedersachsen-Stadion eine farbenfrohe Kulisse. Mit unzähligen Privatautos, einige in rot-weißen Farben bemalt, mit Bussen und in drei Sonderzügen strömten die RWE-Anhänger nach Hannover, um ihre Mannschaft zu unterstützen.

[imgbox-right]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/072/564-73628_preview.jpeg Sieg-Torschütze "Penny" Islacker wurde nach dem Spiel gefeiert.[/imgbox]

Ganz Essen war im Fußballfieber. Unter den Mitgereisten befand sich auch Oberbürgermeister Dr. Hans Toussaint, begleitet von 40 Ratsmitgliedern. Essens Stadtoberhaupt unterbrach extra seine Kur in Bad Münstereifel; einige Zeitungsquellen berichten sogar, dass er seinen Urlaub abbrach – sicher die heimliche Geburtsstunde des Liedes vom Opa Luscheskowski.

An der Hafenstraße bereitete man sich derweil auf ein Volksfest vor. Auf dem Parkplatz gegenüber des Stadions wurde ein großes Festzelt mit TV-Geräten aufgebaut. Die Gastwirte der Borbecker Kneipen gaben sogar Sitzplatzkarten für die Plätze vor den aufgestellten Fernsehapparaten aus.

Der Spielverlauf

Rot-Weiss Essen betrat das Spielfeld mit Fritz Herkenrath, Joachim Jänisch, Willi Köchling, Paul Jahnel, Heinz Wewers, Willi Grewer, Helmut Rahn, Penny Islacker, August Gottschalk, Johannes Röhrig und Berni Termath.

August Gottschalk und Fritz Walter tauschten am Mittelkreis die Vereinswimpel aus und führten die Platzwahl durch. Erster Sieg für den RWE, der in der ersten Halbzeit mit der Sonne im Rücken spielte.

Und es ging gleich richtig los. Schon in der 2. Spielminute holte sich Rahn den Ball in der eigenen Hälfte, passte auf die Rechtsaußenposition zu Termath, der mit einer schönen Flanke Röhrig bediente. Nur mit viel Glück konnte Liebrich für seinen bereits geschlagenen Torhüter Hölz den Ball kurz vor der Torlinie klären. Doch auch der 1. FCK kam zu guten Tormöglichkeiten und ging bereits in der 11. Minute mit einem kuriosen Tor in Führung. Wangers Flanke von der linken Seite versuchte Herkenrath unbedrängt zu fangen, doch der Ball rutschte ihm durch die Hände und unglücklicherweise dem herbeieilenden Wenzel direkt vor die Füße. Herkenrath stürzte sich verzweifelt zu Boden, versuchte nachzugreifen - zu spät. Der Lauterer Innenstürmer musste den Ball nur noch einschieben. Eine Minute später vereitelte Herkenrath die nächste Großchance der Pfälzer durch Scheffler. Essens Torwart verletzte sich dabei am rechten Fußknöchel, spielte aber trotz großer Schmerzen weiter.

Essen nun auch Metropole des Fußballs
Schlagzeile in der WAZ

Seine Blessur rüttelte die RWE-Mannschaft auf. Sie bekam das Spiel unter ihrem überragenden Dirigenten August Gottschalk immer besser in den Griff und zeigte, über welche Qualitäten sie verfügte. Das Team beherrschte das Mittelfeld und demonstrierte Klassefußball. In der 19. Minute verlängerte Rahn den Ball nach Einwurf von Termath in Richtung Tor. Islacker nahm ihn auf, machte eine Drehung und schoss zum Ausgleich in die linke Ecke. Und nur vier Minuten später war es erneut Rahn, der nach einem Dribbling auf dem rechten Flügel mit dem Ball in den Strafraum eindrang und von der Grundlinie aus vor das Tor zu Röhrig flankte, dessen Kopfball zum 2:1 ins Netz flog.

RWE dominierte jetzt das Spiel und hatte weitere Großchancen. In der 40. Spielminute dribbelte sich erneut Helmut Rahn auf der rechten Seite frei, zog nach innen und setzte dann zu einer Kopie seines Berners Weltmeisterschusses an. Doch der Ball ging knapp am Tor vorbei. Besser machte es kurz vor dem Pausenpfiff Penny Islacker, der nach einer feinen Einzelleistung an Liebrich vorbeiging und aus halbrechter Position flach in das lange Eck zum 3:1 einschoss.

[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/072/566-73630_preview.jpeg Drin ist das Ding! 4:3 gewann RWE das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft damals gegen Kaiserslautern.[/imgbox]

In der zweiten Hälfte setzten die Pfälzer alles auf eine Karte und stellten ihre taktische Ausrichtung um. Mittelstürmer Eckel und Mittelläufer Liebrich tauschten die Positionen. Ein Freistoß von Liebrich landete in der 56. Minute bei dem in Position gelaufenen Wenzel. Dieser erreichte den Ball um Sekundenbruchteile früher als der gleichfalls springende Köchling. Herkenrath konnte wegen seiner Fußverletzung nicht schnell genug reagieren und der Kopfball flog zum 3:2-Anschlusstreffer rechts ins kurze Toreck. Knapp 10 Minuten später hatte Helmut Rahn die Riesenchance zum 4:2, doch seinen Torschuss klärte im letzten Moment der zurückeilende linke Läufer Render vor der Torlinie.

Dann der nächste Schock auf rot-weißer Seite: Islacker verletzte sich nach einem Zweikampf mit Eckel in der 70. Minute am linken Knie und musste vom Platz getragen werden. Während seiner Behandlungspause am Spielfeldrand drang Lauterns Scheffler aus halblinker Position in den Essener Strafraum ein. Jänisch und Köchling waren fast zeitgleich an ihn herangekommen, und auch Herkenrath eilte hinzu. Alle Spieler kamen zu Fall, der Ball rollte ins Aus. Zum Entsetzen der RWE-Fans pfiff Schiedsrichter Meißner Elfmeter, weil Kaiserslauterns Stürmer seiner Meinung nach in die Zange genommen worden war. Baßler verwandelte in der 72. Minute unhaltbar zum 3:3-Ausgleich.

Das Stadion glich nun einem Tollhaus. Jeder wusste: Wer das nächste Tor erzielt, ist Deutscher Meister. Herkenrath und Islacker waren verletzt, eine Wechselmöglichkeit gab es damals noch nicht. Was war da für RWE noch zu gewinnen? Islacker humpelte wieder zurück ins Spielfeld, musste aber in der 79. Minute erneut behandelt werden.

Doch Penny biss die Zähne zusammen und war kaum zurück im Spiel, als ihm in der 86. Minute das Meistertor gelang. Rahn hatte wieder einen Angriff gegen Kaiserslautern eingeleitet, doch sein Schuss prallte an Nationalverteidiger Kohlmeyer ab. Termath erwischte den Ball, setzte sich auf der rechten Seite gegen Kohlmeyer durch und flankte vor das Tor. Mit einem entschlossenen Hechtsprung warf sich der schwer angeschlagene Islacker in die Flanke und köpfte zum 4:3-Siegtreffer ins Netz.
Rot-Weiss Essen war Deutscher Meister. Erstmals nach dem Krieg hatte es wieder ein Verein aus dem Westen der Republik geschafft, den Titel zu gewinnen. Das Niedersachsenstadion war anschließend ein Fahnenmeer in Rot und Weiß.

[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/072/565-73629_preview.jpeg Stolz präsentierte RWE-Kapitän August Gottschalk die Meisterschale.[/imgbox]

Auch in der Ruhrmetropole kannte die Begeisterung nach dem Schlusspfiff keine Grenzen. Die WAZ schrieb: „Eine ganze Stadt ist stolz – Essen nun auch Metropole des Fußballs“; eine Begeisterung, der sich wohl keiner verschließen konnte. Die NRZ überschrieb einen Artikel mit „Freude über den Sieg riss selbst biedere Bürger mit“ und berichtete, wie sie singend mit der begeisterten Fußballjugend durch die Straßen zogen. Überall bot sich das gleiche Bild: „Fahnengeschmückte Häuser. Jubel auf den Straßen, ständig geöffnete Bierhähne.“

Nach der Meisterfeier reiste die Mannschaft mit dem Zug zurück nach Essen. Dort wurde ihr am Montag Nachmittag von mehr als 100.000 Menschen ein triumphaler Empfang bereitet.

Meisterprämie

Die Stadt schenkte jedem Spieler als Anerkennung ein gerahmtes Mannschaftsbild und ein Buch über die Essener Gruga. Außerdem spendierte die Kurverwaltung Baltrum einen 14-tägigen Erholungsurlaub auf der Nordseeinsel. Dem Ehrenvorsitzenden Georg Melches überreichte Essens Oberbürgermeister eine vollautomatische Uhr, verbunden mit dem Wunsch: „Sie soll ein Symbol sein. Wie diese Uhr ohne Aufdrehen immer läuft, so soll sich Rot-Weiss stets aus eigener Kraft erneuern, damit diese Meisterschaft nicht die einzige bleibt.“ An die Spieler gewandt schloss Toussaint mit der Mahnung: „Bleiben Sie bescheidene, faire Sportler! Bleiben Sie gute Bürger unserer Stadt, an denen wir unsere Freude haben!“

Nach dem Empfang ging es durch die mit rot-weissen Fahnen geschmückten Straßen über Huyssenallee, Friedrichstraße, Hans-Böckler-Straße, Altendorfer Straße und Helenenstraße zur Hafenstraße. Überall standen die Menschen an den Straßenrändern oder lagen in den Fenstern und jubelten dem Deutschen Meister zu, der für die Strecke fast eine Stunde Fahrzeit benötigte. Im Festzelt an der Hafenstraße gab es ein regelrechtes Volksfest, das auch in den darauf folgenden Tagen noch weiterging.

Autor: Georg Schrepper

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