09.07.2018

DFB

Ein Rücktritt von Mesut Özil hätte fatale Konsequenzen

Foto: Firo

DFB-Chef Reinhard Grindel setzt Mesut Özil ein Ultimatum. Der Rücktritt dürfte folgen. In der Erdogan-Affäre gibt es nur Verlierer.

Einer der besten Mittelfeldspieler der deutschen Fußballgeschichte lässt sich mit einem Despoten fotografieren. Er lächelt, während dem Despoten ein Trikot überreicht wird. Nach Dankesworten nennt er ihn „Herr Präsident“. Doch der Aufschrei bleibt aus, als Lothar Matthäus am Freitag dem russischen Demokratieverächter Wladimir Putin als Teil einer Fifa-Delegation seine Aufwartung macht. Und das ist die bittersüße Pointe eines der unrühmlichsten Kapitel der deutschen Fußballgeschichte: Jener Matthäus, der mit seinen Zeitungskolumnen dazu beigetragen hat, dass Mesut Özil zum Geächteten wurde („Er fühlt sich im DFB-Trikot nicht wohl“), tut genau das, was man Özil zu Recht vorwirft. Und niemand schert sich darum, obwohl Matthäus Ehrenspielführer des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist.

Die Erdogan-Affäre um Özil und Ilkay Gündogan produziert nur Verlierer. Özil zuallererst, weil er sich politisch dumm verhalten und seine Beweggründe für das Foto mit dem türkischen Demokratieverächter nie erklärt hat. Die Nationalelf als zweites, die bei der WM auch an der Debatte zerbrach. Zudem die Brandstifter um Matthäus, die sich in aller Öffentlichkeit selbst diskreditieren. Und dann wäre da natürlich noch der DFB selbst.

Der DFB bleibt auch nach dem WM-Aus auf der Verliererseite

Nachdem der Verband schon vor und während der WM ein fatales Bild beim Krisenmanagement jener Affäre abgegeben hat, als man Özil erst bei einem Medien-Tag als einzigen schweigen ließ, dann die Angelegenheit mit einem Es-reicht-jetzt beenden wollte, bleibt man auch nach dem desaströsen WM-Aus auf der Verliererseite. Erst gibt Nationalelfdirektor Oliver Bierhoff in einem Interview am Freitag Özil die Mitschuld an dem Scheitern und rudert später zurück. Nun fordert DFB-Präsident Reinhard Grindel im „Kicker“: „Es stimmt, dass sich Mesut bisher nicht geäußert hat. Das hat viele Fans enttäuscht, weil sie Fragen haben und eine Antwort erwarten. Diese Antwort erwarten sie zu Recht. Deshalb ist für mich völlig klar, dass sich Mesut, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern sollte.“ Ein Ultimatum ist das von allerhöchster Stelle.

Damit hat Grindel völlig seine Linie verloren. Bei der Bekanntgabe des vorläufigen WM-Kaders am 15. Mai, einen Tag nach Erscheinen des Erdogan-Fotos, sagte er noch: „Die beiden haben einen Fehler gemacht, aber ich werbe darum, mit beiden jetzt maßvoll umzugehen.“ Einen Monat später in Russland sagte Grindel, ohne Özils Namen zu nennen: „Wenn er denn schon in Interviews keine Antworten geben will, dann vielleicht auf dem Platz.“ Nun, da sich der Wind gedreht hat, lässt der DFB-Präsident Özil völlig allein im Sturm der Hetze stehen und fordert dessen Stellungnahme.

Opportunismus nennt man das. Ein Ultimatum ist es, weil eine Nominierung Özils für das nächste Länderspiel am 6. September gegen Frankreich unmöglich erscheint, sollte dieser nicht einlenken. Und das wird er kaum tun. Vielmehr, so heißt es aus dem Umfeld des 29-Jährigen, ist der Rücktritt aus der Nationalelf nach 92 Länderspielen, 23 Toren und 40 Vorlagen noch wahrscheinlicher geworden. Einer der besten Mittelfeldspieler der deutschen Fußballgeschichte wäre dann Vergangenheit.

Özils Vater Mustafa empfiehlt seinem Sohn den Rücktritt

Einen Rücktritt hat auch Özils Vater Mustafa seinem Sohn empfohlen. „Dafür ist die Kränkung dann doch zu groß“, sagte der 50-Jährige der „Bild am Sonntag“. Interessant ist, wie er beschreibt, warum sich sein Sprössling 2009 für die deutsche statt der türkischen Nationalelf entschied: „Deutschland ist seine Heimat. Wie hätte er sich für ein Land entscheiden können, das er nur aus dem Urlaub kennt? Dessen Mentalität ihm fast fremd ist?“, sagte Mustafa Özil. Und darin liegt eine Frage, die den deutschen Fußball in Zukunft jenseits der Erdogan-Affäre umtreiben dürfte. Fast 20 Prozent der DFB-Mitglieder haben laut Verband einen Migrationshintergrund – deutlich mehr als im gesamten Sport (zehn Prozent). Doch wie wirkt der Umgang mit Özil auf die andersstämmigen Jugendspieler, die vor der Entscheidung stehen, ob sie für Deutschland oder das Land ihrer Eltern spielen wollen?

„Das wird in den Köpfen der deutsch-türkischen Spieler mit Sicherheit etwas machen“, glaubt Yildiray Bastürk. Der 39-Jährige spielte einst für Bochum, Leverkusen, Hertha BSC (2004-2007) und Stuttgart in der Bundesliga. Mit 15 entschied sich der in Deutschland geborene Sohn türkischer Eltern für die Türkei zu spielen und wurde mit ihr 2002 WM-Dritter. Den Umgang mit Özil kann Bastürk nicht nachvollziehen: „Ich hätte mir mehr Unterstützung vom DFB gewünscht“, sagt er dieser Zeitung. Aber auch die Angriffe gegen ihn von Fans und Presse seien „nicht in Ordnung“. Die Debatte sei völlig aus dem Ruder gelaufen. Und das werde man spüren: „Wenn Mesut zurücktreten sollte, werden die Menschen hier erst merken, was ihnen für ein außergewöhnlicher Spieler verloren gegangen ist“, sagt Bastürk.

Die deutsch-türkischen Jugendspieler, die Özils Platz in der DFB-Auswahl vielleicht irgendwann einnehmen könnten, werden sich an die Affäre Erdogan erinnern, glaubt Bastürk. Sollte dies dazu führen, dass sich Talente für andere Nationalmannschaften entscheiden, dann gibt es noch einen weiteren großen Verlierer in dieser an Verlierern nicht armen Geschichte: den deutschen Fußball.

Autor: Jörn Meyn

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