19.06.2018

Nach Mexiko-Blamage

Lange Krisensitzung beim DFB-Team

Foto: Firo

DFB-Kapitän Manuel Neuer erwartet eine Trotzreaktion auf die 0:1-Pleite gegen Mexiko. Schon 2014 führten Reibereien zum WM-Titel.

Es kann das Licht gewesen sein, in das Manuel Neuer trat, als die Sitzung des Bundestrainers ein Ende genommen hatte. Eine mittägliche Krisensitzung mit Überlänge. Jede Menge Redebedarf. Neuer eilte danach – mit 50 Minuten Verzug – zu seinem nächsten Termin und zog die Augenbrauen zusammen. Der Torwart und Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sah fast ein wenig bedrohlich aus, mindestens aber entschlossen. Dann sagte er: „Da hat es geknallt.“

Bezogen war dieser Satz auf seine Eindrücke vom Training der Reservisten am Vortag. Da sei Zug drin gewesen, da sei der Wille erkennbar gewesen. Jener Teil der Mannschaft wittert nun kollektiv die Chance, in die Startelf zu rutschen, weil es die Arrivierten gegen Mexiko (0:1) zum Start in die Weltmeisterschaft so schlimm vergeigt hatten. Aber es besteht auch kein Zweifel daran, dass es bei der internen Aufarbeitung ordentlich geknallt und krawummt hat.

DFB-Kapitän Neuer will das schaukelnde Schiff auf Kurs bringen

„Jetzt muss von uns Spielern was kommen“, sagte der 32-Jährige. Es klang nicht wie eine freundliche Empfehlung. „Wir müssen zeigen, was uns stark gemacht hat in der Vergangenheit.“ Was das ist? „Wir hatten grundsätzlich sehr erfahrene und sehr gute Spieler auf dem Platz. Jeder von ihnen kann in wichtigen Spielen seine Leistung abrufen“, meinte Neuer und kritisierte Einstellung und Mentalität seiner Vorderleute: „Für mich geht es aber darum: Habe ich die Bereitschaft, dieses Turnier mit 100 Prozent Einstellung anzugehen? Bin ich bereit, alles für die Mannschaft zu geben? Von der Qualität her sehe ich keinen Grund, Spieler auszutauschen.“ Keine Frage des Könnens also, sondern des Wollens. Der Kapitän greift ins Steuerrad, um das schaukelnde Schiff auf Kurs zu bringen.

Dass die Havarie schon zum Start in die WM droht, dass das Ausscheiden am zweiten Spieltag gegen Schweden am Samstag (20 Uhr/ARD) in Sotschi eine mögliche Variante ist, war offenbar so nicht für möglich gehalten worden.

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„Wir sind unsere schärfsten Kritiker, wir sind enttäuscht und sauer auf uns“, sagt Neuer. Nie sei bei einem Turnier so viel gesprochen worden. Alle redeten ständig: bei jedem Essen, bei jeder Fahrt im Bus, vermutlich auch bei der Reise gestern nach Sotschi. „Es wird kein Blatt vor den Mund genommen“, erklärte Neuer. Wichtig sei nun, „dass wir an einem Strang ziehen und nach einem Muster spielen, dass es keine zwei Meinungen gibt, wenn wir auf dem Platz stehen.“

Neu ist die Situation nicht. Die Menschen hätten von 2014 zumeist nur den Titel im Kopf, sagte Sami Khedira im Trainingslager zur WM: „Wir Spieler haben auch den Weg dorthin im Kopf. Es gab Reibereien, Meinungsverschiedenheiten. Wir haben es geschafft, weil wir uns eingeschworen haben und als Mannschaft agiert haben.“

DFB-Team gewann 2014 gegen Algerien erst nach Verlängerung
Schlüsselerlebnis war das Achtelfinale gegen Algerien (2:1 n.V.). Ein Spiel, das dem gegen Mexiko verblüffend ähnlich war.

„Wat woll‘n Se?“, fragte Per Mertes­acker pikiert im TV-Interview. Schön spielen und ausscheiden? Oder auch mal durchwursteln bis zum Titel? Die Kollegen – sonst nicht immer einer Meinung – fanden, dass Mertesacker recht hatte und verbündeten sich vollumfänglich miteinander.

Ob das wieder geschehen kann? „Wir“, sagt Neuer, „sind fest davon überzeugt, dass wir gegen Schweden erfolgreich sein werden, wenn wir die Dinge zeigen, die wir gegen Mexiko vermissen ließen.“ Wenn...

Autor: Daniel Berg, Jörn Meyn

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