10.10.2007

Oberliga West: Günter Brocker, Deutscher Meister von 1958, im Interview

Da konnte man nicht „Nein“ sagen!

Wenn man „auf Schalke“ einen Deutschen Fußball-Meister sucht, muss man weit in die Historie zurückgehen. Fast 50 Jahre. Damals gab es noch die Oberliga West und ein richtiges Endspiel um den Titel. 3:0 gewannen die Knappen gegen den
Hamburger SV vor 81.000 Zuschauern im Niedersachsenstadion
in Hannover. Günter Brocker war mit von der Partie. Günter Brocker, Oberliga West vor 60 Jahren und Bundesliga heute. Worin liegt der Unterschied?

Wo soll ich anfangen? Meistens sehe ich Fußball nur noch im Fernsehen, denn ich bin kein Freund von dieser Show und dem ewigen Gesinge. Heute wird gerne über den Fußball „von damals“ gelästert, aber die sollten mal auf unseren Plätzen spielen, mit
unseren Bällen und Schuhen. Wenn du den Ball bei Regenwetter vor den Kopf gekriegt hast, hattest du eine Gehirnerschütterung. Was allein ein Paar Schuhe wog, vor allem wenn sie von Regen und vom Matsch richtig schwer waren. Sicher, es wird heute mehr gelaufen und das Tempo ist über neunzig Minuten höher. Der Raum, in dem das Spiel stattfindet, ist enger geworden. Man kann es nur schwer vergleichen, aber auch damals gab es brilliante Techniker und blitzschnelle Stürmer, das wird leider oft vergessen.
[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/004/718-4800_preview.jpeg Günter Brocker (* 24. Mai 1925); 179 Spiele in der Oberliga West, 1958 Deutscher Meister mit Schalke 04[/imgbox]
Und natürlich sind heute alles Vollprofis.

Das kommt dazu. Ich habe 1959 im Europapokal abends um acht Uhr gegen den legendären brasilianischen Weltmeister Vavá gespielt, damals in Diensten von Atlético Madrid, da habe ich vorher bis sechs Uhr im Westfalenkaufhaus gearbeitet. Ein Trainingslager oder eine spezielle Vorbereitung gab es nicht. Die Oberliga war eine andere Fußballwelt, dabei gehörte Schalke 04 schon zu den privilegierten Vereinen.

Ihr Ursprungsverein ist Duisburg FV 08. Waren die Verhältnisse dort noch einfacher?

Unbedingt. Wir spielten 1949/50 in der Oberliga West. Die 08er sind bis heute in Duisburg-Hochfeld beheimatete, damals ein industrielles Zentrum der Stadt. Manchmal mussten wir das Training unterbrechen, da wir vom Qualm der Schornsteine und Fabriken keine Luft mehr kriegten. Ein richtiger Arbeiterverein also.

Wie kam der Wechsel zu Schalke zustande?

Wir hielten uns nur ein Jahr in der Oberliga West und unsere Standardelf fiel auseinander oder kam in die Jahre. Aber es gab eine erlebte und gelebte Geborgenheit bei 08, die ich nicht aufgeben wollte, obwohl es immer Angebote von anderen Klubs
gegeben hat. Eines Tages sprach mich an der Theke in unserer Vereinskneipe ein großer Kerl an. „Na, Günter, wie isset?“ Es war Werner Kisker, der zu der Zeit in Hamborn spielte, aber zuvor in Schalke Torhüter gewesen war. Und dann sagte er zu mir: „Komm mal mit raus.“ Vor der Tür stand ein Opel Admiral, vorne
saßen der Präsident von Schalke 04 und Hermann Eppenhoff, hinten Fritz Szepan und Ernst Kuzorra. Da ging mein Herzschlag richtig los. „Können wir mit dir reden?“, sagten die gleich und duzten mich. Szepan und Kuzorra! Heute ist ihr Ruf nicht mehr so gewaltig, weil viele Jahre vergangen sind, aber damals hatten die einen Heiligenschein. Und diese beiden großen Idole kamen nach Hochfeld, um mich zu verpflichten! Da konnte man nicht „Nein“ sagen. Die haben einen Vertrag für mich fertig gemacht und mir den Handschlag drauf gegeben. Danach habe ich mir ein paar Wochen lang die Hände nicht mehr gewaschen.

Hatte Schalke 04 in der Oberliga West noch diesen Ruf?

Ich will gerne glauben, dass diese Halluzinationen, diese Hirngespinste nachgelassen haben, Kuzorra oder Szepan überhaupt angreifen zu dürfen. Je größer der Abstand wurde, desto mehr ließ das nach. Und Borussia Dortmund zog gleich, nicht zuletzt wegen Persönlichkeiten wie Adi Preißler und Max Michallek. Was aber nicht aufhörte, war dieser Mythos von Schalke 04. Man kann es heute nicht mehr fassen, aber „Schalke kommt“, das war in der Woche vor dem Spiel ein auslösendes Moment. Menschen kamen hundert Kilometer mit dem Fahrrad angefahren, um Schalke zu sehen. Dabei hatten wir lange Zeit gar nicht die Qualität, die Liga zu dominieren. Die Zeiten des „Schalker Kreisels“ waren längst vergangen, aber der Ruf dauerte an und machte uns Spielern schwer zu schaffen, da jeder gegen uns die Ärmel besonders hochkrempelte.
[imgbox-right]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/004/719-4801_preview.jpeg Borussia Dortmund - FC Schalke 04 1:1 (1:0), 5. Januar 1958, 45.000 Zuschauer.[/imgbox]
Hat es deswegen nur zu einer Meisterschaft gereicht?

Mitte der 1950er Jahre hatten wir eine gute Mannschaft beisammen. Manchmal fehlte etwas das Glück, aber 1958 war unser Jahr. Adi Preißler wartete am Dortmunder Hauptbahnhof auf uns und überreichte Berni Klodt einen Blumenstrauß. Eine tolle Geste. Wir Spieler bekamen 2.000 Mark Prämie und einen Meisterring für 14,50 Mark (Lacht). Okay, er hat sicher mehr gekostet, aber an die 100.000 EUR pro Spieler von heute kamen wir nie und nimmer dran.

War die Verbindung zwischen Spielern und Vereinen enger?

Ich denke schon. Man wechselte seinen Verein nicht so häufig. Die Spieler identifizierten sich mehr mit dem Klub, und auch die Zuschauer behandelten uns Spieler beinah mit Ehrfurcht. Ich glaube nicht, dass einer aus dem heutigen Schalker Kader das
Vereinslied singen kann. Bei uns war das eben fast mit Tränen in den Augen „Blau und Weiss wie lieb ich dich!“

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