03.01.2018

Michael Welling

Ich kam als Abenteurer zu RWE

Foto: Socrates Tassos

Michael Welling zieht im großen WAZ-Interview nach sieben Jahren bei Rot-Weiss Essen eine Bilanz.

Es war vielleicht „die“ Sportnachricht des abgelaufenen Jahres in der Regionalliga West: Nach über sieben Jahren an der Hafenstraße bat RWE-Vorstandsvorsitzender Michael Welling um Auflösung seines Vertrages, was in wenigen Wochen nun auch vollzogen wird. Im exklusiven Interview mit dieser Redaktion blickte er noch einmal zurück auf eine spannende rot-weisse Zeit und wagte einen vorsichtigen Blick in seine Zukunft.

Herr Welling, das Weihnachtsfest liegt hinter uns, Ihr letztes im Kreise von Rot-Weiss Essen, war es für Sie deswegen noch besinnlicher als sonst?
Nein, es war ein schönes Fest im Kreise der Familie, aufgrund von gesundheitlichen Problemen meines Vaters etwas unruhiger als vorher erhofft. Ihm geht es aber schon wieder besser.

Und dennoch, mit Blick auf den Jahreswechsel und der weiteren beruflichen Zukunft kommt da doch sicherlich der eine oder andere Gedanke auf, oder?
Ja, aber nicht wehmütig, zumal ich mich in den letzten Monaten auch emotional schon auf den Abschied habe einstellen können. Vielmehr fange ich gerade an, mir bewusster Gedanken über meine berufliche Zukunft zu machen, was grundsätzlich ein positives Gefühl ist.

Mit welchem Gefühl kamen Sie denn damals vor gut sieben Jahren an der Hafenstraße an?
Ehrlicherweise habe ich mich damals auch wie ein Abenteurer gefühlt. Die Situation bei Rot-Weiss war eine komplett ungeklärte, und ich habe in jeder Hinsicht Neuland betreten. Für mich war Rot-Weiss Terra Incognita.

Was haben Sie in der Folgezeit mit Rot-Weiss gemacht und was hat RWE mit Ihnen gemacht?
Rot-Weiss hat mich definitiv verändert, Rot-Weiss ist ein ganz wesentlicher Teil meines Lebens geworden. Die letzten sieben Jahre waren ja kein normaler Job, sondern es war eine Aufgabe, der man sich nur mit Haut und Haaren verschreiben kann. Wenn man so will, waren das die intensivsten sieben Jahre meines Lebens, meine Kinder sind hier aufgewachsen, wir sind in Essen heimisch geworden. Egal, was die Zukunft bringt: Rot-Weiss wird immer ein Teil meines Lebens und meiner Familie bleiben.

Das war kein normaler Job. Egal, was die Zukunft bringt: Rot-Weiss wird immer ein Teil meines Lebens und meiner Familie bleiben
Michael Welling

Und Teil eins der Frage?
Ich durfte Rot-Weiss Essen dienen und die letzten sieben Jahre mitgestalten. Ich war sicherlich nach außen das Gesicht, allerdings haben an dem, was wir geschafft haben, sehr sehr viele Leute mitgewirkt und den Verein so aufgestellt, wie er heute aufgestellt ist.

Was sehen Sie als Ihre größte Errungenschaft in dieser Zeit an?
Unsere Errungenschaft – denn das ist Teamarbeit. Wir haben den Verein erfolgreich durch die Insolvenz geführt, haben ihn wirtschaftlich konsolidiert und eine zukunftsfähige Struktur geschaffen. Wir haben die Mitgliederzahlen mehr als verdoppeln können, das Sponsoringvolumen bei massivem Rückgang kommunaler Zuwendungen vervierfacht, somit auch die Abhängigkeit von wenigen Sponsoren reduziert und den Partnerstamm von einst knapp 60 auf einen Kreis von 450 Unternehmen ausgebaut. Wir haben das Profil von Rot-Weiss Essen geschärft und den Verein in der Stadtgesellschaft etabliert.
Mit den Essener Chancen nehmen wir, was das soziale Engagement angeht, sicherlich eine Vorreiterstellung ein. Ich gebe zu, das macht mich durchaus stolz.

Da höre ich schon die Kritiker aufschreien, die da meinen: Aber sportlich haben wir uns nicht von der Stelle bewegt.
Oberflächlich betrachtet ist das sicherlich zutreffend. Wir haben aber den wirtschaftlichen Rahmen geschaffen, um in einer Liga mit Mäzenaten-Vereinen und durch die Bundesliga-Gelder der Profiklubs alimentierten U-23 Mannschaften wettbewerbsfähig zu sein. Wir sind regionalligaweit sicherlich der einzige Verein, der sich aus dem operativen Geschäft finanziert. Dennoch waren wir sportlich in den letzten Jahren stets hinter unseren eigenen Möglichkeiten zurück geblieben. Das ist durchaus zermürbend.

Und trotzdem hatte man in den letzten Monaten den Eindruck, Sie allein wären für manch sportliche Entscheidung verantwortlich. Hat das zusätzlich zu der Zermürbung beigetragen und letztlich zu Ihrem Schritt, die RWE-Zeit nun beenden zu wollen?
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mich dies komplett kalt gelassen hat, gleichzeitig ist es in unserer Struktur nun einmal so, dass ich als alleiniger Vorstand für alles letztverantwortlich bin, unabhängig davon, wo ich selbst meine Schwerpunkte sehe, oder wie intensiv ich selbst an sportlichen Entscheidungen mitgewirkt habe.

Auf Seite 2 geht es mit dem zweiten Teil des Interviews weiter

Autor: Ralf Wilhelm

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