14.10.2017

Die große VfL-Analyse

Was ist bloß in Bochum los?

Foto: Firo

Der Zweitligist hat sich ein hohes Ziel gesetzt: die Rückkehr in die Bundesliga. Doch der VfL präsentiert sich als Krach- und Krisenklub. Eine Analyse.

Der VfL Bochum will hoch hinaus: Der Aufstieg in die Bundesliga ist das Ziel, Investoren sollen bis zu 20 Millionen Euro bringen. Die Mitglieder beschlossen auf der Jahreshauptversammlung vor einer Woche die Ausgliederung der Profiabteilung und gaben damit grünes Licht für die Suche nach Geldgebern. Doch vor dem Heimspiel an diesem Samstag gegen den SV Sandhausen (13 Uhr/Sky) geht es beim Traditionsklub drunter und drüber. Wie es dazu kommen konnte, wie die Aussichten sind – die wichtigsten Fragen und Antworten.

Welche Gründe gibt es für die Unruhe beim VfL Bochum?
Vor der Saison formulierte der VfL ein klares Ziel: Aufstieg. Doch zwischen Anspruch und Realität klafft eine große Lücke. Aus neun Spielen holten die Bochumer, auf dem Papier eine starke Mannschaft, nur zehn Punkte. Konstanz blieb ein Wunsch: Der VfL feuerte in nur 91 Tagen zwei Trainer – kurz vor Saisonbeginn im Juli Gertjan Verbeek, nun am Montag auch Ismail Atalan. Zeitgleich wurde Kapitän Felix Bastians suspendiert.

Warum steht Sportvorstand Christian Hochstätter im Zentrum der Kritik?
Hochstätter hat sich angreifbar gemacht, seit am 7. November 2016 bekannt wurde, dass er zum Bundesligisten Hamburger SV wechseln wollte. Nur elf Tage zuvor hatte er im Interview mit dieser Zeitung bekräftigt, auch „mittel- und langfristig eine Verantwortung dem Verein gegenüber“ zu empfinden. Danach summierten sich seine Fehler: Die Trennung von Verbeek kam zu spät, der von Hochstätter ausgewählte Atalan scheiterte früh. Besonders fragwürdig: Hochstätter stellte seinen Sohn Christian junior als Praktikant ein, installierte ihn dann aber als Teammanager. Das sei „nie als langfristige Lösung gedacht“ gewesen, beteuerte der Vater, nachdem er den Sohn von seinen Aufgaben wieder entbunden hatte. Der 24-Jährige hatte bei der Mannschaft einen schweren Stand – was auch beim Krach um Felix Bastians deutlich wurde.

Taktierte Hochstätter, indem er den Rausschmiss von Atalan und die Suspendierung von Bastians erst nach der Jahreshauptversammlung verkündete?
Es sieht danach aus – obwohl Hochstätter es bestreitet. Die Vereinsführung hatte monatelang um die Zustimmung der Mitglieder für die Ausgliederung geworben. Umstrittene Personal-Entscheidungen hätten die Stimmung gefährdet.

Welche Rolle spielt der Aufsichtsrats-Vorsitzende Hans-Peter Villis?
Villis (59), früher Vorstandsvorsitzender des Energie-Unternehmens EnBW, führt das oberste Vereinsgremium. Sein wichtigster sportlicher Ratgeber ist sein Vertreter Martin Kree (52), der in den 80er-Jahren für den VfL in der Bundesliga spielte. Der Bochumer Aufsichtsrat greift gewöhnlich nur dann ein, wenn der Druck groß wird. Villis schätzt Hochstätters Netzwerk und Autorität. Die bisherige Rückendeckung für den Sportvorstand brachte auch dem Aufsichtsrats-Chef Kritik ein. Der Vorwurf: Er sitze Probleme aus.

Droht Hochstätter der Rauswurf?
Im Gespräch mit der WAZ betonte Villis: „Diese Frage stellt sich nicht.“ Sie dürfte sich aber stellen, falls das Spiel gegen Sandhausen verloren ginge. Hochstätters Fehler und die selbst verschuldete Unruhe sind zudem Hindernisse bei der Suche nach Investoren. Eine Trennung aber könnte sich der VfL kaum leisten. Er muss bereits zwei Ex-Trainer und deren Assistenten bezahlen. Hochstätter steht noch bis Juni 2020 unter Vertrag – ein Rauswurf würde also teuer.

Wie steht es um die VfL-Finanzen?
Wirtschaftlich ist der Verein auf einem guten Weg. Die Nettofinanzschulden wurden im Geschäftsjahr 2016/2017 von 4,9 auf 3,5 Millionen Euro reduziert. Mit erhöhten TV-Prämien und Investoren-Geld will der VfL den Kader aufpolieren.

Wie ist die Stimmung bei den Fans?
Viele sind gerade richtig sauer. Sie fühlen sich überrumpelt, weil wichtige Entscheidungen erst nach der Hauptversammlung bekanntgeben wurden. Und sie sehen ihre Sehnsucht nach kontinuierlicher Klasse unerfüllt – auch wegen Hochstätters Entscheidungen. In einem Leserbrief an die WAZ fragt ein seit vielen Jahren treuer Anhänger: „Was hat Herr Hochstätter bisher mit dem VfL erreicht, außer dass er die große VfL-Familie, als die wir uns einst gefühlt haben, endgültig entzweit?“

Wie kann es weitergehen?
Selbst wenn der VfL heute hoch gewinnen sollte: U19-Trainer Jens Rasiejewski bleibt auf der Trainerbank eine vorübergehende Lösung. Noch immer gilt Markus Kauczinski (47), der in Karlsruhe Erfolg hatte, aber in Ingolstadt scheiterte, als aussichtsreichster Kandidat. Sollte sich der VfL von Hochstätter trennen, könnte Sebastian Schindzielorz (38) einspringen. Der ehemalige VfL-Profi hat den Studiengang „Fußballmanagement“ absolviert und ist seit knapp drei Jahren als Hochstätters Assistent in viele Vorgänge eingebunden. Der Haken: Schindzie­lorz ist noch unerfahren.

Autor: Andreas Ernst, Peter Müller, Michael Eckardt, Ralf Ritter

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