13.04.2007

Ein Gespräch mit Norbert Nigbur

Popstar der Siebziger

Vor fast 25 Jahren bestritt Norbert Nigbur sein letztes Spiel für den FC Schalke 04. Mittlerweile lebt der Hobby-Golfer und passionierte Trabrennfahrer eher zurückgezogen in Gelsenkirchen, meidet die Öffentlichkeit und besucht die Stadien als "einfacher" Zuschauer, dessen Respekt vor den Leistungen der neuen Profi-Generation sich in Grenzen hält. Sarah Landsiedel und Uli Homann sprachen mit dem Mädchenschwarm der siebziger Jahre.

Herr Nigbur, obwohl Sie sich in der Öffentlichkeit rar gemacht haben, verfolgen Sie das aktuelle Fußball-Geschehen immer noch mit großem Interesse!

Ich schaue mir als neutraler Beobachter gerne Bundesliga- oder Europacupspiele an. In die Schalker Arena gehe ich hin und wieder.

Wie gefällt Ihnen das Stadion?

Sehr gut, aber in der Glückauf-Kampfbahn herrschte durch die Nähe zu den Fans die beste Stimmung. Die Masse brachte das Stadion zum Kochen. Ich habe auch immer gerne in Dortmund oder Essen gespielt, Pfiffe der gegnerischen Fans haben mich nur noch mehr angestachelt. Aber mir fällt auf, dass es noch nie so viele mittelmäßige Akteure gab, die so hochklassig bezahlt werden. Jeder, der heute drei Mal den Ball hochhalten kann, kommt doch schon mit einem Berater daher.

Hatten Sie damals keinen?

Das brauchte ich nicht, ich hatte eine gute Ausbildung im Bankwesen hinter mir, wusste, wie ich mit meinem Geld umzugehen hatte. Dabei will ich gar nicht leugnen, dass wir nicht auch schon gut entlohnt wurden. Man muss ja auch den Gegenwert sehen, damals hat man schließlich auch mehr bekommen für die Kohle. Aber es waren zu meiner Zeit dennoch ausschließlich Spitzenspieler, die zu den Top-Verdienern zählten.

[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/001/606-1627_preview.jpeg Das erste Finale: Nigbur im DFB-Pokalfinale 1969 gegen Bayern München, das nach zwei Gerd Müller-Toren mit 1:2 verloren ging. [/imgbox]Bei der These, dass der heutige Fußball viel schneller daher kommt, reagieren Spieler aus Ihrer Generation immer sehr empfindlich.

Diese Aussage macht mich auch fuchsteufelswild. Technisch waren wir eindeutig überlegen. Oder gibt es heute noch einen Stan Libuda? Das ganze System hat sich doch verändert. Damals hatte man als Stürmer kaum Freiräume, dafür hat schon der Libero gesorgt. Klaus Fischer wäre auch heute noch Torschützenkönig.

Kann man sagen, dass Ihre Fußball-Laufbahn fast als Zufallsprodukt startete?

Als junger Kerl wollte ich eigentlich Trabrennfahrer werden! Mein Opa hatte einen Bauernhof, ich bin mit Pferden und Stroh aufgewachsen. Leider ist es mit der Ausbildung zum Trabrennfahrer dann nichts geworden, die Stelle war schon besetzt.

Zur gleichen Zeit hatten Sie schon sämtliche Stationen in den Jugendnationalmannschaften durchlaufen.

Meine Mutter war dennoch gegen die Entscheidung zum Profifußballer, ich sollte lieber was vernünftiges lernen. Doch dann lagen mehrere Angebote auf dem Tisch.

In Schalke gab es Jupp Elting. Warum dennoch der Schritt zum S04?

Mein Vater war 5000-prozentiger Schalker, da war es keine Frage, wohin ich wechseln sollte. Da wurde gar nicht gefragt, sondern unterschrieben. Ich durfte das damals noch nicht, da ich noch nicht 21 Jahre alt war. Eine emotionale Bindung bestand ohnehin zu Schalke, schließlich habe ich bei Heßler 06 gespielt.

Ihre erste Chance haben Sie gleich genutzt.

Die ersten drei Spiele in der Saison 1966/67 gingen alle in die Hose. Da auch Elting eine unglückliche Figur machte, bin ich ins Team gerückt. Das Heimspiel gegen das damalige Topteam Nürnberg haben wir 1:0 gewonnen. Ich konnte mich auszeichnen, genoss außerdem das volle Vertrauen von Fritz Langner. Das ist für einen Keeper entscheidend.

In den ersten Jahren gab es als junger Keeper gleich Abstiegskampf pur.

Auch hier war es für mich als Greenhorn wichtig, auf den Rückhalt des Teams zählen zu können. Durch meine Leistungen habe ich mir einen Stand in der Mannschaft erarbeitet. So durfte ich zum Beispiel gleich zu Beginn als erster auf die Massagebank, obwohl das eigentlich nur den erfahrenen Spielern zustand.

Dann hatte Schalke plötzlich ein Team mit großartigen Perspektiven.

Hätten wir in Bremen nicht mit 1:2 verloren, wären wir 1972 Meister geworden. Aber auch der Pokalsieg war ein unglaublich toller Erfolg, der damals sowieso noch viel mehr zählte als heute.

Zu dieser Zeit wurden Sie zu einem der ersten Popstars im Fußball.

Die Kremers-Zwillinge und ich waren schon durch unser Äußeres auffällig. Wir hatten lange Haare, hörten Musik von den Rolling Stones.

[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/001/604-1625_preview.jpeg Des Torwarts Ausflüge in die Welt des Schlagers. Seine zweite Single „44 Beine“ auf Hansa-Records von 1979. Ist die A-Seite noch biografisch angehaucht, so versprüht sich auf der B-Seite, dem Antlitz einer unbekannten Frau gewidmet, der unverblümte „Charme“ eines Ruhrpottmacho: „In der Wohnung geht ein Licht an, / und ich dachte, ein Gedicht, Mann!“[/imgbox]Selbst machten Sie aber einen Abstecher ins Schlager-Geschäft!

Der Produzent Jack White kam auf mich zu und machte eine Platte mit mir. Die Erlöse gingen alle an die Krebsstiftung, da meine Mutter auch von der Krankheit betroffen war.

Aus dem Bundesliga-Skandal sind Sie im Gegensatz zu anderen Schalker Stars unbeschadet hervor gegangen.

Ohne diese unrühmliche Geschichte wäre eine Meisterschaft in den folgenden Jahren möglich gewesen. Wir fingen gerade an, uns mit dieser Wahnsinns-Elf einzuspielen, da war es auch schon wieder vorbei. Ich selbst habe gegen Bielefeld nicht gespielt, mein Knie hat da schon Probleme gemacht. Ich hatte keine Ahnung, die ganze Sache kam erst nach und nach raus.

[imgbox-right]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/001/607-1628_preview.jpeg 21 Elfmeter auf Schalke. Im Pokaldrama gegen den 1. FC Köln im Juni 1972 verwandelt Nigbur im Elfmeterschießen sicher. [/imgbox]Als die Stammspieler gesperrt waren, steckten Sie wieder mitten im Abstiegskampf, halfen mit die Klasse zu erhalten.

Das war eine ganz schwierige Zeit. Vor dem entscheidenden Spiel hat mich Gelsenkirchens Oberbürgermeister zu Hause besucht und mir gesagt, dass der S04 einfach nicht absteigen darf. Nach der Rettung war mein AB voll mit unzähligen Glückwünschen und Danksagungen, ich bekam sogar eine Einladung ins Rathaus.

In der Saison 1976/77 liefen Sie dann für Hertha BSC Berlin auf.

Damals kam es zum Stillstand im Verein. Als Friedel Rausch kam, bin ich gegangen. Das Angebot der Hertha lag pro Monat 30.000 Mark über der Schalker Offerte.

Bis Schalke wieder anklopfte.

Günter Siebert wollte mich unbedingt zurück. Charly Neumann hat dann den Kontakt wieder hergestellt, im Endeffekt habe ich mehr gekriegt als vorher. Für Schalke war das ein teurer Poker.

Erfolgreich war die erneute Zeit im Parkstadion nicht.

Wir sind abgestiegen, ich hatte nur die Hälfte der Saison gespielt, meine Verletzung hat mich erneut behindert. Dennoch wollte ich nicht einfach wieder gehen, habe zum direkten Wiederaufstieg meinen Anteil beigesteuert.

Wieso kam es dann zur Trennung?

Das weiß ich bis heute nicht genau. Ich habe mit Rudi Assauer über Neuverpflichtungen gesprochen, ihm zu Rudi Völler geraten. Er wollte lieber Masse statt Klasse, wie er selbst sagte. Ich muss zugeben, dass ich damals auch schlechte Tage hatte, das war bedingt durch Pressemeldungen über meine Scheidung. Bei solchen Sachen konnte ich mich nie konzentrieren. Vom Verein wurde ich fallen gelassen, wie eine heiße Kartoffel.

[imgbox-right]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/001/605-1626_preview.jpeg Die Mähne ist ab. Norbert Nigbur zu Besuch in der Soccer-Halle Goalfever, Essen.[/imgbox]In der Nationalmannschaft sind Sie nie so richtig glücklich geworden, oder?

Ich bin ein echter Winner-Typ. Egal, um welches Spiel es geht, ich kann nicht verlieren. Deshalb wollte ich natürlich auch in der Nationalelf immer die Nummer eins sein.

An Sepp Maier gab es bei der WM 74 kein Vorbeikommen, wie war das Verhältnis zu ihm?

Das war immer gut, wie auch zu Toni Schumacher. Wir haben im Training viel geflachst, Sepp war immer für einen Spaß gut. Hinterher hat er sich mal negativ über mich geäußert, aber das ging auf eine unwahre Pressemitteilung zurück. Ansonsten gab es nie Probleme.

War es Maiers Vorteil, dass er bei Bayern München gespielt hat?

Zumindest war es kein Nachteil. Außerdem hatte er das Glück, dass er sich im Verein stets auf Gerd Müller verlassen konnte. Selbst wenn er sich drei Eier eingeschenkt hat, wusste er, der Dicke macht noch fünf Buden.

Wie würden Sie sich mit Maier vergleichen?

Sepp hatte leichte Vorteile beim Rauslaufen, von den Reaktionen und der Sprungkraft her war ich ihm aber überlegen. Ich habe in meiner Ligazeit 25 Elfmeter gehalten, das ist heute noch Rekord.

Wie erleben Sie Ihre Popularität heute?

Wenn ich ins Stadion gehe, werde ich schon erkannt, dann bildet sich manchmal eine ganze Traube. Außerdem bekomme ich noch täglich Autogrammpost.

Auch vor nächtlichen Anrufen sind Sie nicht gefeit.

Das Telefon klingelte mitten in der Nacht, da schrie mir einer ins Ohr und fragte, ob ich damals im Tor stand, als wir in Gladbach elf Dinger eingeschenkt bekamen. Ich sagte, das war der Elting. Dann hörte ich nur noch ein gegröltes Jaaa, das ist das halbe Schwein.

Autor: Sarah Landsiedel und Uli Homann

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