23.12.2012

MSV Duisburg

Das turbulente Jahr von Jürgen Gjasula

Duisburgs Jürgen Gjasula blickt auf die vergangenen zwölf Monate bei den Zebras zurück. Eine Herzmuskelentzündung wirft den Techniker seit Juli zurück.

Nachdem er im Frühjahr 2012 aufblühte, kämpfte Gjasula zwischenzeitlich um seine Karriere.

Jürgen Gjasula hat ein Wellental hinter und noch viel Arbeit vor sich. Das Jahr 2012 begann für „Gjasu“ im Trikot des Fußball-Zweitligisten MSV Duisburg mit sportlichen Tiefschlägen. Im Frühjahr blühte der Offensivmann auf, schaffte mit den Zebras die Wende und den Klassenerhalt. Als es mit der Vorbereitung für die Saison 2012/2013 losgehen sollte, kam der Schock: Wegen einer gefährlichen Herzmuskelentzündung wurde Gjasula komplett ruhiggestellt, durfte nicht mal leicht Joggen. „Eine schlimme Zeit, in der ich viel überlegt und natürlich über ein mögliches Karriereende nachgedacht habe. Umso erleichterter war ich, als die Ärzte endlich grünes Licht gegeben haben“, sagt der Techniker. Im Gespräch mit der Sportredaktion blickt „Gjasu“ Monat für Monat auf sein turbulentes Jahr zurück.

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Januar
Der MSV bereitet sich in der Türkei auf die Rückrunde vor. „Ich habe oft mit unserem damaligen Trainer Olli Reck gesprochen. Er hat mir klar gemacht: Wenn du Leistung bringst, dann spielst du auch, dann bist du gesetzt. Das Trainingslager lief ohne Verletzungen ab, wir hatten gute Testspiele, alles war positiv.“

Februar Die gute Grundstimmung hält nicht lange an. Im ersten Spiel nach der Pause lässt der MSV ein halbes Dutzend Chancen aus, verliert 1:2 gegen den FSV Frankfurt. Der Anfang eines brutalen Absturzes, den noch niemand so recht ahnen kann. „Gegen meinen Ex-Verein FSV war ich hochmotiviert, es war für uns ein Knackspiel. Wir alle hatten uns viel vorgenommen, aber die Begegnung wirkte, als hätte es irgendwie nicht sein sollen. Ich weiß noch, dass es sehr kalt war und wir mit Tausendfüßlern auf dem gefrorenen Platz gespielt haben.“ Beim Spiel in Rostock steht „Gjasu“ nicht in der Startelf. „Ich bin nach der Pause reingekommen, wir haben 2:4 verloren. Unser Polster auf die Gefahrenzone war weg. Wir steckten in einer Negativspirale.“ Ohne Gjasula, der noch nicht einmal im erweiterten Kader steht, verliert der MSV 0:1 gegen St. Pauli und 0:2 in Dresden.

März Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. „Vor dem Spiel gegen Greuther Fürth sind wir in ein Kurztrainingslager gefahren, haben dort viele Einzelgespräche geführt. In den drei Tagen sind wir als Team enger zusammengerückt. Zwar ging die Negativserie durch das 0:2 gegen Fürth weiter, aber wir haben eine gute Leistung gezeigt und viel Lob bekommen.“ Bei Union Berlin kassiert der MSV in letzter Minute das 1:1. „Ärgerlich, aber auch irgendwie ein Mutmacher.“ Gegen Union, Bochum (2:1) und Paderborn (2:1) leistet Gjasula insgesamt vier Torvorlagen. „In diesen Wochen bin ich richtig in Duisburg angekommen. Ich hatte Akzeptanz und bekam einen Schub.“

April
Der MSV überrascht gegen Eintracht Frankfurt (2:0), bezwingt Aachen (2:0), holt ein 0:0 in Braunschweig und feiert ein 2:1 über Aue. „Den Erfolg über die Eintracht hatte uns kaum jemand zugetraut. Man hat eine gewisse Selbstsicherheit gespürt. Der ganze Monat hat unheimlich gepusht. Wir haben oft mit dem gleichen Team gespielt, das war mit ein Grund für die Wende. Gegen Aachen haben wir den Sack zum Klassenerhalt zugemacht. Ich denke immer noch an die Szene, in der Felix Wiedwald gegen David Odonkor rettet. Da stand es 0:0. Wir hatten auch ein Quäntchen Glück.“

Mai Der MSV beendet die Saison mit einer bärenstarken Leistung beim Tabellendritten Düsseldorf. Jürgen Gjasula steuert ein Tor zum 2:2 bei. „Wir haben nach dem Platzverweis für Maurice Exslager lange in Unterzahl gespielt. In dem Derby war alles drin. Tore, Hinausstellung, Rückstand, Ausgleich, Adrenalin, Aggressivität. Wir haben da Charakter gezeigt, uns in alle Bälle reingehauen. Das war ein Zeichen: Mit dem MSV ist zu rechnen!“

Juni Jürgen Gjasula reist zur Familie nach Freiburg. „Ich habe so viel Zeit wie möglich mit meinen Verwandten und Freunden verbracht. Zwischendurch war ich in der Schweiz, habe alte Kumpel besucht. Dazu habe ich ganz normalen Strandurlaub auf Zypern gemacht.“ Gjasula arbeitet das Laufprogramm ab, das allen Profis mitgegeben wurde. In der letzten Urlaubswoche fängt er sich eine Erkältung ein, ruft die MSV-Physiotherapeuten an. „Ich habe mit Jens Vergers und Karim Rashwan telefoniert. Bei der Erkältung habe ich mir nichts Großes gedacht, sondern mich riesig auf das erste Training Ende Juni gefreut.“ Bei der üblichen Blutabnahme in Duisburg, der sich jeder Spieler beim Aufgalopp unterziehen muss, gibt es keine Anzeichen für eine Erkrankung.

Juli Die Mannschaft bezieht das erste Trainingslager auf Borkum, wo wenig Ball-, dafür aber viel Lauf-Arbeit verlangt wird. Teambuilding-Maßnahmen runden den Trip an die Nordsee ab. Jürgen Gjasula ist komplett mit dabei. „Als wir am 5. Juli aus Borkum zurückkamen, war ich ein bisschen schlapp. Aber das ist nicht ungewöhnlich, wenn man mehrere Tage im Trainingslager war.“ Bei einer Untersuchung in der Unfallklinik stellt sich die Herzmuskelentzündung heraus. „Das war ein sehr großer Schock für mich.“

August Während die Teamkollegen in der 2. Liga vergeblich um die ersten Punkte kämpfen und nach dem 1:4 gegen Aalen ans Tabellenende durchrasseln, schaut Gjasula aus weiter Entfernung zu. „Ich war mit meinen Eltern in Albanien, habe Urlaub gemacht, während die Liga im Spielbetrieb war. Die Familie hat mir in dieser schweren Zeit Kraft gegeben. Für mich war wichtig, nach der schlimmen Diagnose den Kopf frei zu bekommen.“

September Gjasula muss zur turnusmäßigen Untersuchung, die alle vier Wochen stattfindet. „Die Aussage war dieselbe wie im August: kein Sport, keine Anstrengungen. Ich habe mich bei den Jungs in der Kabine immer wieder blicken lassen, wollte den Kontakt halten.“ Der MSV nimmt nach drei Pleiten den Trainerwechsel vor, holt Kosta Runjaic. „Ich habe den Coach bei einem Besuch am Trainingsgelände kennengelernt, wir haben uns kurz ausgetauscht.“

Oktober Gleiches Bild wie im September: Untersuchung, keine so deutliche Verbesserung, dass „Gjasu“ wieder ins Training einsteigen kann. „Bei den Heimspielen habe ich die Daumen auf der Tribüne gedrückt. Mehr ging nicht.“

November Jürgen Gjasula fährt in die Berliner Charité. „Die Ärzte haben mich drei Tage komplett auf den Kopf gestellt. Ich habe ein Belastungs-EKG gemacht, ein Stress-Echo, dazu wurden Gewebeproben entnommen.“ Das Ergebnis fällt positiv aus. „Ich war erleichtert und durfte im November mit Lauftraining bei einem Belastungspuls von 110 Schlägen beginnen. Nach den ersten paar Runden hatte ich Muskelkater.“

Dezember Am 4. Dezember steht die letzte Kontrolluntersuchung an. „Für mich war es ein bisschen unerwartet, dass alles positiv lief. Sämtliche Untersuchungen und Tests waren gut. Es gab keinen Anlass mehr zum Dosieren. Für mich war es ein tolles Gefühl, wieder bei den Jungs auf dem Platz zu stehen. Den 14. werde ich auch nicht vergessen. Das war mein erstes Balltraining. Ich habe in der ganzen Zeit gemerkt, wie schön der Fußball ist und wie sehr ich ihn brauche.“ Nach dem 4:2 über Regensburg gibt es eine letzte Trainingseinheit. Die Truppe zerstreut sich in alle Winde. Jürgen Gjasula entscheidet sich für einen Fernurlaub: Über Weihnachten genießt er die Sonne Dubais. „Die Feiertage sind bei 28 Grad sicherlich etwas angenehmer. Ich mache Urlaub mit Freunden , werde aber auch trainieren. Im Februar möchte ich wieder auf dem Platz stehen und dem MSV im Abstiegskampf helfen.“

Autor: Thomas Tartemann

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