Der General wird 70

12.01.2019

Ottmar Hitzfeld

Der General wird 70

Trainer Ottmar Hitzfeld (r), Co-Trainer Michael Henke (2.v.r.) am 28.5.1997 im Münchner Olympiastadion. Gerade hat der BVB die Champions League gewonnen. Foto: dpa

Zu Ottmar Hitzfelds Erfolgsgeheimnis zählt auch, widerstehen zu können. Für ihn zählt nur noch die Familie. Am Samstag wird er 70 Jahre alt.

Um Ottmar Hitzfeld als Trainer zu begreifen, blickt man am besten ins Jahr 1984 zurück. Er arbeitete damals beim Schweizer Provinzklub SC Zug und musste auf seiner ersten Trainerstation einen Präsidenten ertragen, über den er inzwischen sagt: „Wer das mitgemacht hat, den kann nichts mehr erschüttern.“ Dagegen sei Bayern München „wie ein Säuseln im Winde“ gewesen.

Ein Beispiel. Seine Mannschaft hatte 1:2 in Winterthur verloren, als Präsident Werner Hofstetter wütend in die Umkleidekabine stürmte und Hitzfeld am Kragen packte. „Du redest immer wie ein Pfarrer und nimmst die Spieler in Schutz!“, brüllte er. „Das muss aufhören!“ Die Kabinentür flog auf, einer schrie „Pressekonferenz!“, und Hitzfeld rettete seine Haut, bevor Schlimmeres passierte.

Hitzfeld war und ist - „der General“


Noch heute, 34 Jahre später, erzählt Hitzfeld ehrfürchtig davon, wie er damals gewürgt worden ist. Hingeschmissen hat er seinerzeit nicht. „Irgendwie musste ich meine erste Saison zu Ende bringen.“ Sonst hätte seine Karriere, das ahnte Hitzfeld, von Beginn an einen Makel im Lebenslauf gehabt. Also Hacken zusammen, eiserne Disziplin, stur durch den Wind, keine Schwäche zeigen.

In den folgenden dreißig Berufsjahren hat die Öffentlichkeit Ottmar Hitzfeld selten anders erlebt. Weder bei Borussia Dortmund, wo er von 1991 bis 1998 arbeitete, noch in seinen zwei Amtszeiten bei Bayern München. Auch an diesem Samstag, an seinem 70. Geburtstag, wird keine Rückschau auf sein Trainerleben den Spitznamen auslassen: Hitzfeld war und ist - „der General“.

Tatsächlich liegt das Militärische in der Familie. Sein Onkel war Otto Hitzfeld, General der deutschen Infanterie im Zweiten Weltkrieg. Trotzdem wird ihm der Begriff nicht gerecht. Generälen wird ein Zwang zur Pflichterfüllung nachgesagt. Ottmar Hitzfeld dagegen konnte immer sehr gut „Nein“ sagen. Auch wenn es ums Vaterland ging. Vorsicht kann ein Erfolgsgeheimnis sein.

Gesundheitliche Grenzen aufgezeigt

2004 wollten sie ihn beim DFB zum Bundestrainer machen. Rudi Völler hatte zwei Jahre vor der WM im eigenen Land keine Lust mehr auf Rumpelfußball. Hitzfeld galt als Heilsbringer. Zweimal Champions-League-Sieger. Zweimal Welttrainer des Jahres. Zu diesem Zeitpunkt sechs Deutsche Meisterschaften. Wer sonst sollte die Trümmer nach der EM-Blamage wegräumen?

Hitzfeld verzichtete. Sein Schwager war einige Zeit vorher auf dem Weg ins Stadion zusammengebrochen. Ihm war das eine Warnung. Gesundheitlich waren ihm längst die Grenzen aufgezeigt worden. Der Bayern-Stress, die vorzeitige Trennung, ein Burn-Out: Trotzdem sollte er zurück ins Hamsterrad. Die gesamte Republik wollte ihn in die Pflicht nehmen. Er sagte ab.

Hitzfeld widersteht Lockruf zum BVB

Man kannte das von ihm. 1997, als er gerade mit dem BVB die Champions League gewonnen hatte, lockte Real Madrid. Der Präsident persönlich machte ihm die Aufwartung. Hitzfeld aber ließ sich nicht ködern: „Bevor ich Spanisch gelernt hätte, wäre ich schon entlassen gewesen.“ Kalkül ist ebenfalls sein Erfolgsgeheimnis.

Ende 2017 hätte es nur eines Ja-Worts bedurft, damit Hitzfeld aus dem Ruhestand in die Bundesliga zurückkehrt. Borussia Dortmund brauchte ihn als Nachfolger des glücklosen Peter Bosz wie Bayern München zuvor Jupp Heynckes für den ebenso glücklosen Carlo Ancelotti. Hitzfeld aber widerstand den Lockrufen. Stattdessen kam Peter Stöger über Nacht zum BVB.

Hitzfeld hält sich mit Golf fit

„Ich habe Jupp Heynckes für seinen Mut bewundert, sich wieder auf die Trainerbank zu setzen“, sagt Hitzfeld im Gespräch mit dieser Zeitung. Heynckes, damals 72, ist sogar vier Jahre älter als er. „Aber für mich war das unvorstellbar.“ Im Herbst seines Lebens wolle er seiner Frau Beatrix für die Entbehrungen im Verlauf seiner Trainerkarriere das Kostbarste zurückgeben: gemeinsame Zeit.

Fit genug wäre er, wenn er in der Bundesliga aushelfen müsste, wie er es schon einmal bei Bayern getan hat: als Magath-Nachfolger 2007/08, als er seine letzte Meisterschaft eine Woche später mit dem DFB-Pokalsieg krönte. Er geht noch immer Golf spielen. Sein Handicap liegt bei Mitte 20, was einerseits eine gewisse Übung und andererseits genügend Gelassenheit verrät.

„Alles so, wie es mir passt. Ich kann es mir aussuchen.“

„Ich habe keine Sehnsucht nach meinem alten Beruf“, versichert er. Redet so ein General? Ist Hitzfeld gleichgültig. Den Arbeitseifer als Klubtrainer mit 60 bis 70 Pflichtspielen im Jahr hatte er rechtzeitig als Schweizer Nationaltrainer auf 10 bis 15 Länderspiele pro Jahr reduziert. Nach der WM 2014 in Brasilien ging er pünktlich mit 65 in Rente und kündigte seinen Job als TV-Experte.

„Heute halte ich Vorträge und nehme an Talkrunden teil“, erzählt Hitzfeld. „Alles so, wie es mir passt. Ich kann es mir aussuchen.“ Zu seinem runden Geburtstag erreichten ihn etliche Interview-Anfragen. Die meisten hat er angenommen. Er fährt dann von seinem Alterssitz in Engelberg rüber nach Basel, um in einem Luxushotel in der Stadt Rede und Antwort zu stehen.

Nur noch selten in Fußballstadien

Gerne spricht er nicht über die Vergangenheit und seine vielen Erfolge. „Auch als Rentner schaue ich immer nur nach vorne“, sagt er, „das war schon als Trainer meine Philosophie.“ Die Sichtweise schützte ihn stets vor Hadern nach Misserfolgen, wie er sie auch erlebte, oder nach verpassten Karrierechancen. Er ist bald dreifacher Opa. Da denkt man ans Hier und Jetzt. Nicht ans Gestern.

Ins Fußballstadion zieht es ihn nur noch ein- oder zweimal im Jahr. Lieber, sagt Hitzfeld lachend, schaue er sich die Bundesliga-Konferenz im Fernsehen an. Seinen 70. Geburtstag will er im engsten Familienkreis feiern, Engelberg und seine Heimatstadt Lörrach liegen nicht weit voneinander entfernt.

Autor: Pit Gottschalk

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