Am heutigen Donnerstag wird Ralf Rangnick auf Schalke 100 Tage alt. Als der gebürtige Backnanger am 28. September 2004 in Gelsenkirchen als neuer Trainer vorgestellt wurde, rümpfte die Boulevard-Presse verbal die Nase: „Passt der Fußball-Professor auf Schalke?“ wurde prompt das tief in der Schublade staubende Klischee über Rangnick ins Bild gesetzt.

Rangnicks 100 Schalker Tage im rasanten Flug

06. Januar 2005, 09:43 Uhr

Am heutigen Donnerstag wird Ralf Rangnick auf Schalke 100 Tage alt. Als der gebürtige Backnanger am 28. September 2004 in Gelsenkirchen als neuer Trainer vorgestellt wurde, rümpfte die Boulevard-Presse verbal die Nase: „Passt der Fußball-Professor auf Schalke?“ wurde prompt das tief in der Schublade staubende Klischee über Rangnick ins Bild gesetzt.

Am heutigen Donnerstag wird Ralf Rangnick auf Schalke 100 Tage alt. Als der gebürtige Backnanger am 28. September 2004 in Gelsenkirchen als neuer Trainer vorgestellt wurde, rümpfte die Boulevard-Presse verbal die Nase: „Passt der Fußball-Professor auf Schalke?“ wurde prompt das tief in der Schublade staubende Klischee über Rangnick ins Bild gesetzt.

Und wie er passt! Zwar wurde seine Ansprache an die Nordkurve vor seinem ersten Auftritt in der Arena vor dem Revier-Derby gegen Bochum zunächst als Anbiedere (miss-) verstanden, doch von Anfang an fand Rangnick den richtigen Ton. Ob gegenüber den Fans, der Mannschaft oder im steten Austausch mit Manager Rudi Assauer, der 46-Jährige Quereinsteiger in Sachen Profi-Fußball hat eine Menge gelernt. Wie er die ersten 100 Tage im Revier erlebt hat und warum der sensationelle Erfolg aus den ersten drei Monaten keine schöne Momentaufnahme bleiben soll, erklärt Rangnick im RS-Interview.

Herr Rangnick, wie oft waren Sie schon im Kino?
Noch gar nicht. Ich hatte leider überhaut keine Zeit dazu, obwohl jeder weiß, dass das Kino eine große Leidenschaft von mir ist.

‚Toni’ Ailton hat vor seinem Wechsel von Bremen nach Schalke mit seiner legendären Aussage, Gelsenkirchen sei ein Desaster, einen Sturm der Entrüstung rund um die Aren ausgelöst. Welchen Eindruck haben Sie von der Stadt?
Auch dafür hatte ich noch nicht genug Zeit, um mir ein Urteil über Gelsenkirchen zu erlauben. Im Januar beziehe ich meine neue Wohnung in Buer. Sie ist nur vier Minuten vom Arbeitsplatz entfernt, was optimal ist. Dann werde ich sicherlich auch die Möglichkeit bekommen, etwas von Gelsenkirchen zu sehen. Buer kenne ich aber schon ganz gut, da ich dort auch die ersten drei Monate schon gewohnt habe.

Wie lautet ihr sportliches Fazit nach 100 Tagen Schalke?
Es ging alles rasend schnell. Da wir fast alle drei Tage ein Spiel hatten, blieb nur wenig Gelegenheit für einen Rückblick und eine ruhige Minute. Ich bin von allen sehr gut aufgenommen worden. Insgesamt ist das Arbeiten aber unheimlich angenehm, da hochprofessionell, ich kann mich voll und ganz um die Mannschaft kümmern, habe keine organisatorischen Aufgaben. Zudem ist das Arbeiten mit den Medien hier angenehmer als etwa in Hannover, was sicherlich auch an unserem Erfolg liegt. Der Umgang ist besser und das Privatleben wird respektiert.

Müssen Sie sich angesichts der Entwicklung in den letzten Wochen nicht manchmal selbst kneifen?
Ich habe schon bei meinem Antritt gesagt, dass es schnell nach oben gehen kann mit der Drei-Punkte-Regel. Mit dieser Rasanz habe ich aber auch nicht gerechnet. Wir müssen uns jedes Mal vor Augen führen, was uns nach oben gebracht hat: harte Arbeit und Konzentration.

Das hat auch Ihr Vorgänger Jupp Heynckes vorgelebt, dennoch ist er auf Schalke gescheitert. Was machen Sie anders als er?
Das kann ich nicht beurteilen, da ich seine Arbeit zu wenig kenne. Ich habe zu ihm aber ein sehr kollegiales Verhältnis, respektiere seine Arbeit und seinen Erfolg.

Welchen Anteil hatte und hat Eddy Achterberg am Höhenflug?
Die Spieler haben anscheinend an sich gezweifelt. Als Eddy im September kurzfristig den Job übernommen hatte, war immer von Spaß-Fußball die Rede. Eddy, Mirko Slomka sind in der Philosophie, wie wir diesen Sport verstehen, nicht so weit auseinander. Bei aller Professionalität bedeutet Fußball Spaß. Wir sind doch alle teilweise wie Kinder, die Freude am Spiel haben und diese nach außen hin vermitteln sollen.

Können Sie dann die Einstellung Niels Oude Kamphuis verstehen, dem anscheinend eine Fixierung auf genau eine Position wichtiger ist als ein Verbleib auf Schalke?
Er hat in den Gesprächen mit Rudi Assauer und mir relativ klar Position bezogen. Wichtig ist, dass der Spieler ehrlich ist und sich korrekt verhält. Niels sieht sich im Mittelfeld, das ist legitim. Das Gerangel dort wird aber größer. Wir haben Lincoln, Poulsen, Levan Kobiashvilli, Altintop, im nächsten Jahr kommt noch Ernst dazu. Aber für Oude Kamphuis und Altintop wird es dort nicht leicht, Stammspieler zu werden. Entweder muss er sich der Konkurrenz stellen oder sich eben anders orientieren.

Apropos Kobiashvilli. Ich glaube, Sie sehen es nicht gern, dass von Fans und Presse immer Spieler wie Lincoln und Ailton abfeiert werden, aber ein ruhiger Typ wie Kobi außen vor bleibt!
Er ist für mich der beste offensive Defensiv-Mittelfeldspieler der Liga und spielt eine überragende Runde. Leider steht er in den Medien nicht so im Mittelpunkt. Die Boulevard-Presse in Deutschland sucht sich lieber Helden wie Lincoln oder Ailton, wie man zuletzt an der Rodeo-Geschichte sieht. Da kommen ruhige Vertreter wie Levan natürlich etwas ins Hintertreffen. Aber er ist ein absoluter Leistungsträger und wird nur nicht von den Boulevard-Medien gepusht.

Der Winterurlaub, den Sie Ihren Spielern gewährt haben, ist mit dreieinhalb Wochen Pause relativ lang, die Vorbereitung dagegen nur 18 Tage kurz. Reicht das, um gegen Bremen auf den Punkt genau da zu sein?
Ja. Die Jungs hatten ein unglaubliches Programm mit 32 Pflichtspielen von Juli bis Dezember, dazu kamen noch die Länderspiele. Selbst wenn wir nach der Partie gegen Freiburg noch drei, vier Begegnungen mehr vor der Brust gehabt hätten oder wie in England durchspielen würden, hätte es die Mannschaft geschafft. Für die Gesundheit der Spieler aber ist es wichtig, dass sie ausreichend Ruhe bekommen. Deshalb habe ich ihnen auch etwas mehr frei gegeben, als es in anderen Vereinen der Fall war.

Gehen Sie davon aus, dass alle Spieler den Plan befolgen, den Christos Papadopoulos für die Pause ausgearbeitet hat?
Die Spieler schaden sich auch nur selbst, wenn sie diesen Plan nicht befolgen. Daher glaube ich nicht, dass der Urlaub zu lang und die Vorbereitung auf die Rückrunde zu kurz ist. Christos hat die Uhren so programmiert, dass da keiner schummeln kann. Wichtig ist eine aktive Erholung, gerade bei der heutigen Belastung.

Im Gegensatz zu Rotations-Freund Heynckes haben Sie nur einen Kern von 14,15 Kräften eingesetzt. Denken Sie, dass von Ihnen bisher wenig berücksichtigte Spieler wie Thomas Kläsener, Michael Delura oder die beiden Urus Gustavo Varela noch einmal echte Alternativen zum Stammpersonal avancieren können?
Ich denke, ein Thomas Kläsener oder Gustavo Varela wird nach der Pause wieder richtig angreifen. Dass wir vor dem Urlaub alle noch einmal haben durchchecken lassen, damit sie ohne unerkannte Probleme zum Wiederauftakt zurückkehren, ist auch einer meiner Lehren aus der Vergangenheit. In Hannover kamen damals ein, zwei Spieler mit den gleichen Problemen aus der Winterpause zurück. Die Laktatwerte, die wir genommen haben, dienten zur Erstellung des individuellen Trainingsplans. Daran werden sich hoffentlich alle gehalten haben.

Gar keine Pause hat Rudi Assauer gemacht. Der Manager war sogar wieder beim Biathlon aktiv. Wie ist Ihr Verhältnis zum Manager, dem angeblich allgewaltigen Macher auf Schalke?
Die Arbeit mit Rudi ist sehr konstruktiv, die Gespräche mit ihm sind nie langweilig. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass dies je passiert. Wir sprechen fast jeden Tag eine Stunde lang. Das Verhältnis und die Zusammenarbeit mit ihm und auch mit Andreas Müller ist absolut gut.

Empfinden Sie ihn als den starken Mann, wie er immer beschrieben wird?
Rudi ist zwar Schalke, mischt sich aber ins Sportliche nicht ein. Die ganzen Berichte, Assauer würde Einfluss auf meine Arbeit nehmen wollen, ist Quatsch. Und über die Geschichte, ob es mit „Kopfmensch“ Rangnick und „Bauchmensch“ Assauer gut geht, konnte ich eh nur schmunzeln. Die Sache mit „Kopfmensch“ Rangnick ist doch schon Jahre her und wurde jetzt dafür wieder ausgegraben. Ich habe kein Problem mit diesem Klischee und habe, als ich hierher kam gesagt: Macht euch selbst ein Bild, aber nicht durch Bild.

In wie weit sind Verpflichtungen wie die von Fabian Ernst schon auf Ihren Mist gewachsen?
Wie gesagt, wird bei uns alles in Teamwork erarbeitet. Auch zu Saisonbeginn hat der Verein schon mit den Verpflichtungen von Ailton, Krstajic, Lincoln und Bordon Zeichen gesetzt. Wir wollen das Team peu à peu verstärken. Die Bedeutung von Schalke ist europaweit gestiegen, schließlich soll auch der FC Barcelona an Fabian interessiert gewesen sein. Ich denke, die Verpflichtung von Ernst hat weitere Signalwirkung und unterstreicht unsere Ambitionen, daher auch der Vertrag bis 2010. Er ist ein weiteres Mosaiksteinchen auf den Weg nach oben.

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