SCHALKE - Assauer: „Schlafen nicht an der Wand!“

hb
16. September 2004, 12:28 Uhr

Nach der plötzlichen und zumindest vom Zeitpunk überraschenden Entlassung von Trainer Jupp Heynckes erklärt Manager Rudi Assauer die Hintergründe eines hektischen Tages auf Schalke.

Am Dienstag-Mittag hatten sie noch gemeinsam an einem Tisch gesessen, in der turnusgemäßen Pressekonferenz vor dem nächsten Spiel die sportlichen Ziele bekannt gegeben. 21 Stunden später war Jupp Heynckes nach einem kurzen, aber folgenreichen Gespräch mit Rudi Assauer als Trainer des FC Schalke gefeuert. Am Nachmittag zuvor hatte der Manager die Stimmung innerhalb der Mannschaft ausgelotet und war nach dem Gedanken-Austausch mit Heynckes zu dem Entschluss gekommen, dass es mit ihm nicht mehr weiter gehen könne. Die Hintergründe der plötzlichen und überraschenden Entlassung erklärt Assauer im folgenden Interview.

Rudi Assauer, warum musste Jupp Heynckes gehen?
Trotz intensiver Gespräche mit allen Beteiligten, Mannschaft und Trainer, ist es nicht gelungen, den Trainer davon zu überzeugen, dass man gewisse Dinge anders macht. Er war nicht dazu bereit und hat ganz klar gesagt, dass er an seinem Stil nichts ändern werde. Er bleibt so, wie er ist.

Ist er an seiner Sturheit gescheitert?
Was heißt stur? Jupp hat seine Philosophie über Fußball, die zieht er durch. Ab und zu könnte man in dieser Philosophie mal einen Schlenker machen. Er ist ein Trainer der alten Schule, das wollte er unbedingt so fortführen. Mehr als Hilfe anbieten können wir nicht. Er muss sich aber auch helfen lassen. Die Frage für uns im Vorstand war: Sind wir als Verein mit der Vorgehensweise so zufrieden, dass man Erfolg hat?

In wie fern hatte Ihre Unterredung mit der Mannschaft Einfluss auf die Entscheidung, sich von Heynckes zu trennen?
Überhaupt keinen! Das waren meine eigenen Erkenntnisse und die des Vorstands. Das Gespräch hatte einen anderen Titel als das mit Jupp Heynckes. Das Gespräch mit ihm hätte auch so statt gefunden. Der Trainer war darüber informiert, dass ich mit der Mannschaft sprechen werde, er war nicht dabei, das ist ja auch normal. Die Spieler haben nicht drauf gehauen, wenn dieser Eindruck entsteht, haue ich dazwischen. Ich habe an die Mannschaft appelliert, das sie Leistung bringen muss. Was dabei heraus kommt, werden wir heute sehen.

Am Sonntag sagten Sie in der Sendung ‚Sport im Westen’, dass Sie nach dem zehnten Spieltag einen Strich ziehen würden. Warum also der hektische Aktionismus?
Das hat sich aufgrund gewisser Gespräche so entwickelt, dass man nicht bis zum zehnten Spieltag warten muss. Das hat sich angehäuft, wir mussten ein klärendes Gespräch führen. Das haben wir getan. Wir waren uns nicht sicher, denn Jupp Heynckes ist nach wie vor ein guter Trainer. Man schmeißt so einen Mann nicht aus Spaß raus, sondern überlegt, ob es Sinn macht.

War der jetzige Zeitpunkt, es stehen sechs wichtige Spiele in 18 Tagen an, nicht denkbar ungünstig?
Ein Zeitpunkt ist nie günstig, um einen Trainer zu entlassen. Es war auch nicht unbedingt zu erwarten, sich von ihm zu trennen. Das Ziel des gestrigen Gesprächs war, mit ihm weiter zu arbeiten, aber einige Dinge zu verändern. Das ist die Kluft! Wir arbeiten für den FC Schalke 04, für einen Fußball-Club. Es ist unser Recht, ja unsere Pflicht zu prüfen, ob man das Ganze weiter macht oder nicht.

Auch die Chemie zwischen Mannschaft und Trainer soll nicht gestimmt haben!
Jupp Heynckes ist ein sehr guter Fachmann, aber wir haben es mit einer Generation von Fußballern zu tun, die nicht mehr in die 60er/70er Jahre passen. Wir haben eine zwei vor der Jahreszahl. Er hat sehr großen Wert auf Disziplin gelegt. Es gibt Dinge, die wir an ihm schätzen gelernt haben. Es gibt absolut keinen Vorwurf an seine Arbeitsmoral, außerdem ist er als Mensch von einer im Fußball-Geschäft selten gewordenen Integrität. Es ist kein böses Wort gefallen, es gab keinen Hass, keinen Streit.

Ist die Entlassung Ihres Wunsch-Trainers auch für Sie eine persönliche Niederlage?
Es ist für mich immer eine persönliche Niederlage, einen Trainer aus einem laufenden Vertrag zu beurlauben. Da ist der Spaßfaktor nicht gerade groß! Man kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen, aber es reicht noch nicht, um die Brocken hinzuschmeißen.

Nach der Ära Stevens kamen und gingen bisher drei Trainer. Was macht für einen Coach die Arbeit auf Schalke so schwierig?
Warum schwierig? Huub Stevens war fast sechs Jahre hier, das war ein glücklicher Umstand, das hat gepasst. Mit ihm hat es aber auch Diskussionen gegeben, was die Mannschaft betrifft. Da ist dann auch das eine oder andere umgesetzt worden. Wir schlafen doch nicht an der Wand, wir haben doch auch mal gekickt. Im Kerngeschäft Fußball gibt es gewisse Dinge, die du als Trainer in der Hektik vielleicht nicht erkennst, wofür wir aber da sind.

Werden Sie sich jetzt verstärkt einschalten, wieder auf der Bank Platz nehmen?
Auf die Bank gehe ich nicht, ich bleibe da oben. Unten sitzen Eddy, Olli und, wie gehabt, der Andy. Es wird aber ein Vierer-Gespann geben, das die Entscheidungen, auch über Aufstellungen, trifft. Auch das Zusammenspiel zwischen Chef- und Assistenz-Trainer stimmte nicht immer hundertprozentig überein. Bei Jupp war das so, dass er viele Entscheidungen ganz allein getroffen hat. Weder Andy noch ich haben vor dem Spiel die Aufstellung erhalten.

Wann gibt es eine Entscheidung bezüglich eines neuen Trainers?
Mit absoluter Sicherheit nicht in den nächsten Tagen, eineinhalb Wochen. Das würde bedeuten, dass wir vorher schon spekuliert hätten. Nein, ich habe mir noch keine Gedanken um den Trainer gemacht. Ich muss erst einmal verarbeiten, was gestern passiert ist. Es ist schwer genug, sich von einem alten Kumpel, mit dem man gut reden konnte, zu trennen. Das ist nicht wie in Regentropfen auf der Jacke, den man so einfach abschüttelt.

Welche Chancen hat Eddy Achterberg, gemeinsam mit Oliver Reck, die Truppe länger als nur ein paar Tage zu betreuen?
Vielleicht gibt es die Möglichkeit, dass wir uns überhaupt keine Gedanken machen müssen und es auf einmal fluppt. Aber, wie gesagt, ich habe mir noch keinen Kopf um die Trainerfrage gemacht, wir haben jetzt erst einmal ein paar wichtige Spiele vor der Brust.

Autor: hb

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