ARD und ZDF ziehen nach den jüngsten Dopingfällen im Radsport die Reißleine und steigen aus der Live-Berichterstattung von der Tour de France aus. Das beschlossen zunächst die ARD-Intendanten auf ihrer Klausurtagung am Donnerstag in Köln, das ZDF zog knapp zwei Stunden später nach.

Tour de France: ARD und ZDF steigen aus der Berichterstattung aus

"Schlag gegen die Wertigkeit"

sid
16. Oktober 2008, 14:25 Uhr

ARD und ZDF ziehen nach den jüngsten Dopingfällen im Radsport die Reißleine und steigen aus der Live-Berichterstattung von der Tour de France aus. Das beschlossen zunächst die ARD-Intendanten auf ihrer Klausurtagung am Donnerstag in Köln, das ZDF zog knapp zwei Stunden später nach.

"Der sportliche Wert der Tour de France hat sich aufgrund der gehäuften Dopingfälle und der daraus gewonnenen Erkenntnisse erheblich reduziert", sagte der ARD-Vorsitzende Fritz Raff. Damit sei laut Raff auch der programmliche Wert gesunken und eine breitflächige Übertragung auf absehbare Zeit nicht mehr zu rechtfertigen. Eine alleinige Übertragung auf dem ZDF stand nach dem Ausstieg der ARD nicht zur Debatte. "Das ZDF wird die Tour nicht ohne die ARD übertragen", sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender.

Er hatte bereits zuvor den geplanten Start des siebenmaligen Toursiegers Lance Armstrong sowie dessen Astana-Teams kritisiert. Das Aus des Radsports in ARD und ZDF betrifft grundsätzlich nur die Live-Berichte. In Nachrichten oder anderen Sendungen wird von der Tour nach wie vor berichtet. Die öffentlich-rechtlichen Sender wollen sich nun zeitnah treffen und laut Brender "Gespräche über die Konsequenzen führen". Rudolf Scharping, Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, "will sich die Sache erstmal genauer angucken", bevor er einen Kommentar abgibt.

Von den Sportpolitikern des Deutschen Bundestages wurde die Entscheidung dagegen begrüßt. Bei den Verhandlungen mit der Europäischen Rundfunk Union (EBU) könnten derweil Probleme auftauchen. Der Senderzusammenschluss, dem auch ARD und ZDF angehören, hatte offenbar ohne Einverständnis der ARD bereits im Juli den Vertrag mit dem Tour-Veranstalter ASO bis 2011 verlängert. "Wir haben immer gesagt, dass wir erst Ende der Saison entscheiden. Warum die EBU trotzdem vorher gehandelt hat, wissen wir nicht", sagte Meyer.

Nun müsse man sich einigen. ARD und ZDF waren bereits im vergangenen Jahr am ersten Ruhetag der Frankreich-Rundfahrt wegen der positiven Dopingprobe von Patrik Sinkewitz aus der Liveberichterstattung ausgestiegen. Damals sprang Sat.1 ein, betonte jedoch danach, Radsport nicht wieder übertragen zu wollen. Deutsche Radsport-Fans werden künftig wohl nur auf Eurosport Live-Bilder von der Tour sehen. Hans-Michael Holczer, Teamchef des Gerolsteiner-Rennstalls, prophezeit dem Profiradsport in Deutschland nach dem Rückzug der Sender eine düstere Zukunft. "Das versetzt der Wertigkeit des Produkts einen heftigen und wohl entscheidenden Schlag. Der Radsport konnte bisher die umfassenden TV-Berichte in die Waagschale werfen", sagte Holczer.

Auch bei Milram, das den letzten verbliebenen deutschen Profi-Rennstall unterstützt, wird man sich nun Gedanken machen. Marketing-Vorstand Mischel hatte bereits am Mittwoch erklärt, dass man bestimmte Exit-Strategien habe. "Wenn sich die Verhältnisse ändern, wird es eine neue Gesamtbeurteilung geben", meinte Mischel. Neben den Radsportlern müssen nun auch Renn-Organisatoren um ihre Existenz fürchten. Kai Rapp, Chef der Deutschland-Tour, sprach in einer ersten Reaktion von "verschiedenen Optionen", die man nach dem TV-Ausstieg habe.

Eine Entscheidung der ARD über die Berichterstattung von dem deutschen Vorzeige-Rennen ist zwar noch nicht gefallen, aber der Tour-Ausstieg dürfte dafür ein wegweisendes Signal sein. Erst am Mittwoch hatte der langjährige Sponsor Tirol-Werbung laut über ein Ende des Engagements bei der Deutschland-Tour nachgedacht.

Autor: sid

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