Fahrlässig, Frechheit, totaler Quatsch: Die Drohungen des IOC-Präsidenten Jacques Rogge und des Weltverbandes FIFA in der Diskussion um Olympia-Abstellungen sorgen in der Fußball-Bundesliga für einen Sturm der Entrüstung.

Bundesliga läuft Sturm - Müller: "Frechheit"

Streit um Olympia-Freigabe eskaliert

Thomas Nowag (sid)
20. Juli 2008, 16:55 Uhr

Fahrlässig, Frechheit, totaler Quatsch: Die Drohungen des IOC-Präsidenten Jacques Rogge und des Weltverbandes FIFA in der Diskussion um Olympia-Abstellungen sorgen in der Fußball-Bundesliga für einen Sturm der Entrüstung.

"Es ist fast eine Frechheit, dass ein Mann, der eigentlich für Olympia zuständig ist, dermaßen Druck auf die Vereine ausübt. Das ärgert mich", sagte Andreas Müller von Schalke 04 in einer sid-Umfrage. Rogge hatte mit Bezug auf die FIFA-Regularien erklärt, dass Spieler unter 23 Jahren, denen der Klub die Freigabe für Olympia verweigert, während der Spiele in Peking für die Liga gesperrt werden. Als Reaktion darauf fährt nun auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) schweres Geschütz auf: Die DFL prüft derzeit laut ihres stellvertretenden Vorsitzenden Holger Hieronymus, "ob Spieler, die ohne Zustimmung der Klubs nach Peking anreisen, für das olympische Turnier gesperrt werden können".[imgbox-left]http://www.reviersport.de/include/images/imagedb/preview_3040-3079.jpeg Ist genervt: Andreas Müller. (Foto: firo)[/imgbox]

Dies hat offenbar der Schalker Rafinha vor. Die Aussagen Rogges haben mehrere Bundesliga-Manager auf die Barrikaden gebracht. Rogge könne "vielleicht irgendeinen Leichtathleten sperren, aber keinen Fußballer", erklärte Dieter Hoeneß von Hertha BSC Berlin spöttisch: "Er geht weit über seine Kompetenzen hinaus."

IOC-Vize und DOSB-Präsident Thomas Bach versuchte, der Auseinandersetzung die Schärfe zu nehmen, und forderte die Vereine drei Wochen vor den Sommerspielen zum Einlenken auf. "Ich würde mir wünschen, dass die Einsicht um sich greift, dass man keinem jungen Sportler seinen Traum von der Olympiateilnahme verbauen sollte", sagte Bach dem sid.

Dafür haben die Arbeitgeber allerdings kein Verständnis, sie wollen ihre eigenen Interessen geschützt sehen. Andreas Müller sieht "keine Handhabe" für eine Sperre, und Jan Schindelmeiser von Aufsteiger 1899 Hoffenheim, der Chinedu Obasi (Nigeria) bislang die Freigabe verweigert, geht mit IOC-Boss Rogge hart ins Gericht. "Ich wusste gar nicht, dass er eine Funktion bei der FIFA hat. Bei der FIFA muss man mit Überraschungen rechnen, aber bislang hat sie sich immer noch an die eigenen Statuten gehalten."

Der Weltverband pocht beim Thema Abstellungen in schwammigen Formulierungen weiter auf ein Gewohnheitsrecht, was die Funktionäre der Bundesliga-Klubs auf die Palme bringt. "Wie die FIFA handelt, ist fahrlässig und völlig unzureichend", sagte Klaus Allofs von Werder Bremen: "Die FIFA ist schließlich unser Verband. Sie ist da, um die Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten." Dies tue die FIFA in keineswegs ausreichendem Maße. "Ich bin überhaupt nicht zufrieden damit, wie die Sache gehandhabt wird." Es gebe nach Olympia deswegen sicherlich Gesprächsbedarf zwischen Klubs und dem Verband: "Das wird aufgearbeitet werden müssen." Die Bitte der FIFA sei "völlig unwichtig", fügte Werder-Trainer Thomas Schaaf an: "Und wer ist Herr Rogge?"

Von Drohgebärden will sich die Bundesliga jedenfalls nicht unter Druck setzen lassen. Werder Bremen beharrt im Fall Diego auf seinem Standpunkt, auch der Hamburger SV bekräftigte am Sonntag nochmals, den Belgier Vincent Kompany für die Spiele nicht freizustellen.

Die Profis aber werden rebellisch. Diego schlurfte auf Norderney lustlos durch den Sand, bei Schalke sorgte Rafinha für Aufregung. Der kleine Brasilianer droht mit einem Alleingang. "Ich glaube nicht, dass ich am Montag mit Schalke ins Trainingslager fliege. Sondern am Dienstag mit Brasilien zu Olympia", meinte der Verteidiger. Müller lässt dies kalt. "Wir haben uns eindeutig geäußert. Rafinha bleibt. Wir brauchen ihn in der Vorbereitung, in der Meisterschaft sowie in den Qualifikationsspielen zur Champions League. Das ist unser letztes Wort." [imgbox-right]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/006/512-6669_preview.jpeg Darf nach Peking: Chinedu Obasi. (Foto: firo)[/imgbox]

Der Schalke-Manager ist von der scheinbar endlosen Diskussion reichlich genervt. Die FIFA habe in ihren eigenen Statuten einen "totalen Widerspruch. Bei Länderspielen werden Spieler gesperrt, wenn sie aus persönlichen Gründen absagen. Bei Olympia aber soll der freiwillige Verzicht nun die einzige Möglichkeit sein, nicht gesperrt zu werden. Das ist paradox. Fest steht, dass wir Rafinha nicht freigeben werden", sagt Müller.

1899 Hoffenheim hat dagegen im Konflikt mit dem nigerianischen Fußball-Verband um die Olympia-Teilnahme von Chinedu Obasi nachgegeben und dem Stürmer die Freigabe für Peking erteilt. "Der Druck auf den Spieler und seine Familie in Nigeria hat in den letzten Tagen ein Ausmaß angenommen, das wir bei verantwortungsbewusstem Umgang mit diesem Thema nicht ignorieren können", sagte Manager Jan Schindelmeiser. Die Freigabe knüpft der Klub jedoch an strikte Bedingungen. "1899 Hoffenheim wird Chinedu Obasi erst nach Beendigung unseres Trainingslagers in Leogang freistellen. Außerdem erwartet der Klub den Spieler einen Tag nach dem letzten Spiel der nigerianischen Auswahl wieder in Deutschland", hieß es in einer Pressemitteilung.

Der Forderung des nigerianischen Verbandes, Obasi sofort nach Südkorea reisen zu lassen, wo sich die Olympia-Auswahl zur Zeit in der Vorbereitung befindet, wird Hoffenheim somit nicht nachkommen. Obasi zeigte sich dennoch erleichtert. "Ich finde es großartig, dass mir der Verein die Möglichkeit gibt, an Olympia teilzunehmen und sich die für mich sehr komplizierte Situation damit entspannt", sagte der 22-Jährige. Obasi war am Montag verspätet zum Training in Hoffenheim erschienen. Er hatte seit Mitte Juli an der Vorbereitung der Nationalmannschaft teilgenommen. Der Verein bezeichnete das Verhalten des Verbandes in dieser Angelegenheit als "dubios". Offenbar hatte der Verband Obasi zunächst nicht abreisen lassen.

Autor: Thomas Nowag (sid)

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