EM-Tagebuch: Günther Pohl berichet aus Österreich/Schweiz (Freitag, 20. Juni):

Der wahre Durchblick

20. Juni 2008, 14:44 Uhr

Seit gestern hat auch für mich persönlich die EM begonnen. Zweieinhalb Wochen lang war ich „blind“ durch die Schweiz und Österreich getappt und hatte mich was die Einschätzung über die Leistungsstärke der deutschen Mannschaft betrifft, ganz auf meine beiden Kollegen Ansgar und Ralf verlassen. Die beiden bildeten vom ersten Tag an mit mir eine EM-Fahrgemeinschaft. Und sie haben mir gnadenlos die Fehler des DFB-Teams aufgezeigt.

Warum? Weil ich mir selbst kein rechtes Bild machen konnte. Denn ausgerechnet am Tag vor der Abreise nach Ascona stellte der Optiker meines Vertrauens fest, dass ich mit Brille quasi blind bin. Die Crux: Im hohen Alter hat sich meine Sehstärke so stark verbessert, dass meine alte Sehhilfe nichts mehr taugt, sondern zu Kopfschmerzen führt. Ganz ohne Brille allerdings fehlte mir zumindest im Wiener Ernst-Happel-Stadion (letzte Reihe) das wahre Durchblickvermögen und ich erwischte mich, wie ich immer wieder verstohlen auf den Fernsehmonitor blickte, um wenigstens zu erkennen, welche Teams da kickten.

Ein Paket aus Deutschland von einem Herrn Fielmann setzte mich noch vor der Abreise nach Basel in Verzückung. Brille und Ersatzbrille waren angekommen und ich hatte die Chance die Löw-Buben endlich nicht nur zu erleben, sondern auch zu sehen.

Und seitdem mag ich mit Ralf und Ansgar gar nicht mehr reden. Denn die Mannschaft, die die starken Portugiesen aus dem Turnier warf, kann nicht das Team sein, das zuvor als eine Gemeinschaft von Losern eingestuft worden war.

Jetzt weiß ich es besser, habe einen starken Lehmann gesehen, einen überragenden „Schweini“ und auch die Kritik an Klose kann ich nicht nachvollziehen.

Bleibt zu hoffen, dass mir bis zum Finale in Wien kein Malheur passiert. Denn ein Turnier ohne Durchblick ist nur halb so schön.

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