„Er war einer wie Libuda!“, findet der Schauspieler Peter Lohmeyer. Der Fan von Schalke 04 ist auch ein begeisterter Anhänger von Garrincha, der in den 60er und 70er Jahren als der beste Flügelstürmer der Welt galt. Seine Finten, Flanken und Flügelläufe ähnelten sehr denen der königsblauen Legende – und auch sonst gibt es einigen Parallelen. Vergöttert für ihre Leistungen auf dem Rasen wurden doch beide im Leben nie so wirklich glücklich.

Am vergangenen Sonntag jährte sich Garrinchas Todestag zum 25. Mal

Der Stan Libuda vom Zuckerhut

Tibor Meingast
24. Januar 2008, 16:03 Uhr

„Er war einer wie Libuda!“, findet der Schauspieler Peter Lohmeyer. Der Fan von Schalke 04 ist auch ein begeisterter Anhänger von Garrincha, der in den 60er und 70er Jahren als der beste Flügelstürmer der Welt galt. Seine Finten, Flanken und Flügelläufe ähnelten sehr denen der königsblauen Legende – und auch sonst gibt es einigen Parallelen. Vergöttert für ihre Leistungen auf dem Rasen wurden doch beide im Leben nie so wirklich glücklich.

Sowohl Libuda als auch Garrincha litten unter schweren Krankheiten, gescheiterten Ehen und trotz guter Verdienste am Ende auch unter Geldsorgen. Beide starben früh: Reinhard Libuda mit 52, Mane Garrincha mit 49 – am 20. Januar 1983.
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Die Alkoholkrankheit, die ihn letztlich zu Grunde richtete, hat der brasilianische Flügelflitzer, den sie „Alegria de Povo“ (Freude des Volkes) nannten, von seinem Vater Amaro geerbt. Schon seit seiner Kindheit in einem ländlichen, waldreichen Kaff Pau Grande am Rande des Großraums um Rio de Janeiro trank Garrincha regelmäßig und reichlich von dem klebrig süßen Cachimbo, vergorenem Zuckerrohr mit Honig und Zimt, angeblich um die Schmerzen körperlicher Fehlbildungen zu ertragen, wie sein Biograf Ruy Castro („Garrincha. Titel, Tore und Tragödien“) recherchiert hat.
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Der Junge hatte rechts ein X und links ein O-Bein, das auch noch wesentlich kürzer war. Die meisten schreiben von sechs Zentimetern, andere von drei, schon als Kind wurde er deswegen operiert. Er hatte wahrscheinlich acht Geschwister – auch hier differieren die alten Angaben –, war ein stilles, liebenswertes Kind und nicht besonders groß. Seine Schwester Rosa erinnerte er an ein Vögelchen, deshalb gab sie ihm den Namen des schönsten brasilianischen Urwaldvogels: „Garrincha“. So wurde er dann sein Leben lang gerufen.

Arbeitsmoral wie Kuzorra

Manoel Francisco dos Santos, wie er richtig hieß, lernte nie vernünftig lesen und schreiben und landete früh in der einzigen Fabrik der Gegend, wo er allerdings nicht gerade zu den tragenden Stützen des Unternehmens aufstieg. Während der Arbeit schlief er oft hinter den lauten Maschinen in der extrem heißen Halle, in der die Baumwolle von den Samenkörnern getrennt wurde, ohne dass die Kollegen daran Anstoß genommen hätten. Schließlich zauberte er dafür auf dem holprigen Fußballplatz. Vergleichbares kennt sonst nur die Schalker Vereinsgeschichte, wo die Kumpel einst für Ernst Kuzorra die Kohle aus der Erde kloppten, damit der am Sonntag ausgeruht aufs Fußballfeld laufen konnte.

Der kleine Garrincha, mit einer Statur wie später Littbarski, Thon und Häßler, Weltmeister mit Brasilien 1958 und ’62, hatte lange vor Maradona oder dem Bremer Diego einen sehr tiefen Körperschwerpunkt und war daher besonders wendig. Schnelle Drehungen waren seine Spezialität, gerne spitzelte er den Ball mit Effet um den Gegner und rannte auf der anderen Seite an ihm vorbei. „Er war wie ein Kind, das sein Spielzeug verteidigt“, schrieb Eduardo Galeano, einer der vielen Schriftsteller, die sich mit ihm beschäftigt haben. „Das Leder und er trieben Schabernack, dass sich die Zuschauer vor Lachen bogen.“

Verteidiger wie Mehlsäcke

Fast genauso prosaisch äußerte sich auch ein beinharter Bochumer Abwehrspieler, der aus der Union Günningfeld hervorging, später für Schalke und den HSV spielte und der sonst nicht unbedingt für große Zitate bekannt ist. „Wie Mehlsäcke ließ er die besten Verteidiger der Welt aussehen“, sagte einst Willi Schulz über Garrincha.
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Zu bremsen war er selten, im Weltmeisterschaftsfinale 1958 spielte er seinen Widersacher Axbom derart schwindelig, dass dem schwedischen Verteidiger eine ganz besondere Fehlleistung unterlief. Einmal ließ Garrincha den Ball einfach liegen und sprintete weiter – Axbom verfolgte ihn, statt sich den Ball zu schnappen. Garrincha, der die meiste Zeit seiner Karriere für Botafogo Rio de Janeiro spielte, war Vorbereiter und Vollstrecker, mit vier Treffern wurde er bei der WM in Chile 1962 gemeinsam mit fünf weiteren Spielern sogar Torschützenkönig. „Von welchem Planeten kommt Garrincha?“, rätselte damals die chilenische Zeitung „Mercurio“.

Selbst im Revier hinterließ der wunderbare Brasilianer seine Spuren. Im Mai 1956, an einem Werktagnachmittag, gastierte er mit Botafogo an der Essener Hafenstraße, als es dort noch kein Flutlicht gab. Die Brasilianer „zauberten nicht nur mit dem Ball, sondern schossen auch, dass sich die Balken bogen“, berichtete damals der Kollege vom Bruck im Magazin „Fußball-Sport“. Auch die Westdeutsche Allgemeine Zeitung notierte ein „glänzendes Spiel“ und außerdem „einen glücklichen 4:3- (3:1-) Erfolg“ der Brasilianer. Rot-Weiss Essen, verstärkt durch Koll und Broden vom Duisburger SV, hatte in Vordenbäumen, Röhrig und Koll per Handelfmeter seine Torschützen, den auffälligsten Treffer aber markierte nach 32 Minuten Garrincha – laut „Fußball- Sport“ – „halbhoch mit unheimlicher Wucht aus halbrechter Position“. Noch größeres Aufsehen jedoch erregte ein Halbstürmer, der einen Spitznamen in den Ruhrpott trug, der bis heute fortwirkt. Schlagzeile im „Fußball-Sport“: „Kobra“ Didi glitt durch Essens Reihen. Jürgen Wegmann war also nicht die erste Schlange im Strafraum.

Autor: Tibor Meingast

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