Einmal Nationalspieler und zurück: Wie zwei Amateurfußballer aus der Oberliga Hessen für ein langes Wochenende zu Volkshelden in Afghanistan wurden. Die Geschichte eines Fußballertraums, der wahr wurde.

Wie zwei hessische Amateurfußballer zu Nationalspielern wurden

Helden wie wir

RS
28. November 2007, 13:21 Uhr

Einmal Nationalspieler und zurück: Wie zwei Amateurfußballer aus der Oberliga Hessen für ein langes Wochenende zu Volkshelden in Afghanistan wurden. Die Geschichte eines Fußballertraums, der wahr wurde.

E-Mails können ein Leben verändern. Am Morgen des 15. Oktober war Harez Habib nur ein fleißiger Politikstudent an der Uni Göttingen. Als er an diesem Tag jedoch seine Mails checkte, traute er seinen Augen nicht: Im Anhang an eine freundliche Nachricht des Nationaltrainers fand er dort in Englisch die offizielle Einladung des afghanischen Fußballverbandes als Spieler zum WM-Qualifikationsspiel gegen Syrien zu kommen. Der 25-jährige Mittelfeldregisseur des wenig erfolgreichen Kasseler Oberligisten FSC Lohfelden war soeben zum Michael Ballack eines Landes mit fast viermal soviel Einwohnern wie EM-Gastgeber Österreich befördert worden, fast zweimal so groß wie Deutschland.[box_11freunde]

Nur ein paar Kilometer entfernt in seiner Kasseler Bude starrte auch Yusuf Barak etwas ungläubig auf den Bildschirm seines Rechners. Der 22-jährige Lohfelden-Verteidiger wurde ebenfalls per Mail zum afghanischen Nationalspieler hoch gelobt – und zum Länderspiel elf Tage später in Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe gebeten. Seit er als Sechsjähriger mit seiner Familie aus dem afghanischen Kriegsgebiet flüchtete, war er nicht mehr in der Heimat gewesen. Nun sollte der Volkswagen-Azubi als Nationalspieler dorthin zurückkehren.

Was war passiert? Kurt Felix, der seine Späße jetzt in zynische Spam-Mails verpackt? Ein aggressiver Killer-Virus? Im Gegenteil. Die Einladung war ein Hilferuf von Klaus Stärk, dem vom DFB entsandten Nationalcoach im afghanischen Krisengebiet. Der Deutsche war mit seinem Kader bereits im Trainingslager in Tadschikistan eingetroffen, doch jede sinnvolle Verstärkung war ihm recht. Schließlich war mit einem hohen Rückspielsieg im K.O.-Match gegen Syrien die Teilnahme an der WM-Vorrunde in der Asien-Gruppe möglich.

Bei der 3:0-Hinspiel-Niederlage in Syrien hatte Stärk auch Ata Yamrali vom ASV Bergedorf berufen. Dem Exil-Afghanen aus dem Hamburger Vorort wiederum waren Habib und Barak beim »Ariana-Cup« aufgefallen, einem Freizeitturnier in der Hansestadt, zu dem 15 Städteteams bestehend aus Exil-Afghanen aus dem gesamten Bundesgebiet anreisten. In ihren Mannschaften – Barak trat für Paderborn an, Habib für die Kasseler Auswahl – entpuppten sich beide als Führungsspieler. Yamrali fragte, ob er den Kontakt zum Nationalcoach Stärk herstellen solle. Die beiden Oberliga-Kicker aus Hessen willigten erfreut ein. Es folgten ein paar kurze Telefonate mit Stärk, der durch seine Tätigkeit als Entwicklungshelfer in Sachen Fußball das Improvisieren gelernt hat. Bevor er im September 2003 in Afghanistan anfing, arbeitete er im Libanon, in der Mongolei und in Kasachstan.

Nun aber war schnelles Handeln gefragt. Die beiden Exil-Afghanen mussten sich die Flüge nach Duschanbe selbst buchen. 24 Stunden vor dem Anpfiff setzte die Maschine mit den Kickern aus Hessen, Ata Yamrali und einem weiteren Amateurspieler, Obaidullah Karimi von Eintracht Norderstedt, auf dem Flughafen der tadschikischen Hauptstadt auf. Das syrische Team hatte aufgrund der unsicheren Situation und der ständigen Gefahr von Anschlägen darum gebeten, das Spiel nicht in Afghanistan auszutragen. Da die Flutlichtanlage im Nationalstadion in Duschanbe nicht den FIFA-Auflagen entsprach, hatte der Weltverband zudem entschieden, den Anpfiff von 20 Uhr auf 13 Uhr vorzuverlegen.

Es blieb also exakt eine Trainingseinheit mit dem Kader, um sich für einen Einsatz zu empfehlen. Habib, der 1985 als Dreijähriger nach Deutschland kam, machte sich wenig Hoffnungen: »Es war schon genug der Ehre, überhaupt dabei sein zu dürfen.« Doch das taktische Verständnis, das die beiden Oberliga-Spieler aus Deutschland offenbarten, überzeugte den Nationaltrainer und seinen Assistenten Ali Askar Lali, der lange in Paderborn gelebt hat. Stärk beorderte Habib und Barak in die Startelf. Murrend nahmen dafür zwei Profis vom afghanischen Meister FC Kabul Bank auf der Ersatzbank Platz.

Autor: RS

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