Lieber steigt Wolfsburg ab als der Hamburger SV: Ein Kommentar zum Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga.

Kommentar

Lieber steigt Wolfsburg ab als der Hamburger SV

Pit Gottschalk
27. Februar 2017, 19:31 Uhr
Foto: firo

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Lieber steigt Wolfsburg ab als der Hamburger SV: Ein Kommentar zum Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga.

Müssen Fußballfans einen Klub nennen, dem sie den Abstieg gönnen, antworten sie fast immer: Hamburger SV. Der Liga-Dino quält nicht nur die eigene Anhängerschaft seit Jahren mit einer Spielweise, die mit Hauruck freundlich umschrieben ist. Dabei wird übersehen: Andere Mannschaften haben weit weniger den Klassenerhalt verdient. Der VfL Wolfsburg zum Beispiel. Und hier geht es nicht um sportliche Kritierien.

Der frühere Hecking-Verein wird schon seit ewigen Zeiten mit den Millionen von Volkswagen gefüttert. Weder zu Hause noch auswärts aber kann das Team aus eigener Strahlkraft Stadien füllen. Eine Müdigkeit macht sich breit. Zwei Weltmeister kommen und flüchten vorzeitig (Schürrle und Draxler), weil die Vereinsführung schwach ist und die Realität nicht alle Erwartungen erfüllt. Wenn Fans unbedingt einen Marketing-Klub brandmarken wollen, dann den VfL Wolfsburg: Kaum schmälert VW, geschüttelt vom Abgasskandal, den Finanzfluss, geht’s bergab. Die Ambitionen im Profifußball: im Standgas. Der Sportchef (Allofs) ist schon länger weg. Jetzt versucht der dritte Trainer in der Saison die Wiederbelebung einer toten Mannschaft: ein Holländer mit Namen Andries Jonker wird im Abstiegskampf der Nachfolger von Ismael und Hecking.

Den Meister von 2009 würde die Bundesliga weniger vermissen als die Darmstädter und Ingolstädter, die nicht immer gut spielen, aber meist leidenschaftlich, obwohl sie mit viel weniger Geld ausgestattet sind. Und noch weniger als den Hamburger SV, der auch viel Murks macht. Aber immerhin mit Fans und Tradition punkten können. So wie Werder Bremen.

Und darum geht es ja bei den Diskussionen um Traditionsvereine. Man wirft RB Leipzig vor, dass die Konstruktion von Red Bull keine Tradition hat. Aber immerhin: Die Leidenschaft der Leipziger für den Bundesliga-Fußball ist erstens in der eigenen Stadt greifbar, wo der deutsche Fußball seine Geburtsstunde hatte, und ist zweitens bei jedem Auswärtsspiel spürbar. Beim VfL Wolfsburg jedoch war schon legendär, wie das Stadion sogar in der Champions League gähnende Leere auf den Tribünen offenbarte. Ganz ehrlich: Sowas braucht man nicht. Und wie gesagt: Hier geht es nicht um sportliche Kritierien -- womöglich schafft Wolfsburg mit dieser Qualität im Kader (Gomez! Rodriguez! Gustavo!) den Umschwung.

Beim Hamburger SV macht man sich natürlich lustig, dass die Fans, wenn ihr Vereine zwei Spiele ordentlich bestreitet, sofort vom Europapokal träumen. Ja, aber auch das: ein Ausdruck von Leidenschaft und Stolz in der Hansestadt, dass der HSV der einzige Klub ist, der seit Bundesliga-Gründung immer erstklassig war (das können noch nicht einmal die Bayern von sich behaupten). Diese Leidenschaft würde man sich manchmal von Wolfsburg wünschen.

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Autor: Pit Gottschalk

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