Dienstagabend im Sportzentrum an der Seumannstraße: Der Atem beschlägt bei Temperaturen knapp unter Null. Wer kann, bleibt im Warmen.

Kreisliga C

Bei RWE werden aus „Bösen Jungs“ Fairplay-Fans

RS
08. Dezember 2016, 10:47 Uhr
Foto: Socrates Tassos

Foto: Socrates Tassos

Dienstagabend im Sportzentrum an der Seumannstraße: Der Atem beschlägt bei Temperaturen knapp unter Null. Wer kann, bleibt im Warmen.

Die 14 Fußballer im Alter zwischen 19 und 41 Jahren, die im Training dem Ball nachjagen, könnten es auch, wollen es aber nicht. „Für einen C-Ligisten ist die Trainingsbeteiligung bei uns immer sehr gut. Die Jungs kommen bei jedem Wetter“, sagt Trainer Benjamin de Biasi. Rot-Weiss Essen III ist aber auch kein gewöhnlicher C-Ligist, er ist die einzige inklusive Mannschaft in Essen.

Da sind die gesunden Spieler. Die Mehrheit der Fußballer von RWE III haben aber Probleme. Das können Drogen – und auch die damit verbundene Kriminalität – oder psychische Erkrankungen wie Persönlichkeitsstörungen sein. Handicapspieler nennen sie sie. Benjamin de Biasi ist kein gewöhnlicher Trainer. Er hat ebenso wie Teammanager Siegfried Liebing (66) den Trainerschein. De Biasi ist im Hauptberuf Krankenpfleger mit Psychiatrie-Erfahrung bei der Eggers-Stiftung.

„Wir hatten ganz schön mit Vorurteilen zu kämpfen, als wir 2013/14 in der Liga starteten“, erinnert sich der 38-Jährige. „Geht doch richtig rein, dass sind doch alles nur Knackis und Alkoholiker“, müssen sich die RWE-Spieler nicht nur einmal anhören. Sie bekommen den Stempel „Bad Boys“ aufgedrückt. Das bestätigt Marcel Oostland, den alle nur Teddy rufen. Der bullige Abwehrspieler mit dem Vollbart ist der erste, der sich RWE III anschließt. „Die haben uns am Anfang ganz schön gepiesackt“, sagt der 27-Jährige, der an einer Psychose erkrankt ist und dem wichtig ist, über den Sport mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen. Auch die Schiedsrichter hätten anfangs eher gegen Rot-Weiss entschieden.

Rekord-Nationalspieler mit 149 Länderspielen

„Es gab am Anfang pro Saison mindestens eine Rote Karte und massenhaft gelbe“, erinnert sich Benjamin de Biasi. „Wenn sich einer der Jungs total daneben benimmt, fliegt er raus“, betont Teammanager Siegfried Liebing (66). Disziplin gehöre dazu.„Für einen Suchtpatienten heißt es schon etwas, zweimal in der Woche zum Training und am Wochenende zum Spiel zu kommen“, sagt de Biasi. Und auch über die Trainingsbeteiligung könne er sich nicht beschweren. Zum einen habe sich die Mannschaft rumgesprochen. Zum anderen schicke – wie an diesem Abend – auch das Jugendamt mal einen Spieler vorbei.

Der sportliche Erfolg, im Moment rangiert das Team auf Rang acht, stehe an zweiter Stelle, erklärt der Trainer. An oberster Stelle stehe die Inklusion, das Zusammenleben von gesunden und kranken Menschen. Gegen Inklusion hat Andreas Timm, mit 41 Jahren ältester Spieler im Kader, natürlich nichts. Wie auch, er ist „intellektuell beeinträchtigt“ – so heißt es im Verwaltungsdeutsch. Das mit dem sportlichen Erfolg sieht er anders als sein Trainer. „Für die Jungs sind Siege wichtig. Mit jedem Sieg werden sie mehr wertgeschätzt“, sagt er. Und er muss es wissen. Mit 149 Spielen ist er der Rekordspieler der Nationalmannschaft für Menschen mit intellektueller Behinderung. Dabei hat er 148 Tore erzielt. Bei jeweils vier Europa- und Weltmeisterschaften war er am Ball und hat durch den Fußball die ganze Welt gesehen. Am kommenden Wochenende beendet Andreas Timm („Ich mache den Altersschnitt kaputt“) seine Laufbahn bei RWE III. Der Job hat Vorrang. Bei den Alten Herren der Rot-Weissen will er aber weiter machen, „denn für mich ist es eine Ehre, mit diesem Logo auf der Brust zu spielen“.

Ruf der „Bad Boys“ abgelegt
Den Ruf der „Bad Boys“ hat das Team von Benjamin de Biasi abgelegt. Und wer das nicht glauben will, dem zeigt er die Fairplay-Wertung der Kreisliga C1. Da steht die „Dritte“ der Rot-Weissen auf Platz zwei. „Lange Zeit haben wir die Fairplay-Tabelle sogar angeführt“, sagt er. Und dabei schwingt dann schon ein bisschen Stolz auf seine Arbeit mit.

Eggers-Cup war die Keimzelle
Vor sieben Jahren wurde in der Eggers-Stiftung, die sich psychisch erkrankten Jugendlichen widmet, ein internes Fußballturnier gespielt. Der Eggers-Cup wurde letztlich zur Keimzelle der heutigen inklusiven Mannschaft. Die besten Spieler des Eggers-Cups spielten danach eine Partie gegen eine Auswahl der Geschäftsstelle von Rot-Weiss.

Gedanklich war der Schritt in die Kreisliga C, die unterste Amateurliga, nicht mehr groß. Praktisch waren aber noch einige Hürden zu überwinden. „Die meisten Vereine haben abgeblockt. Sie fürchteten Ausschreitungen auf den Plätzen oder, dass die Mannschaft nach kurzer Zeit auseinanderfallen würde und somit fürs Nicht-Antreten Strafen gezahlt werden müssten“, sagt Trainer Benjamin de Biasi. Nach vier Abfuhren stieß die Idee bei Rot-Weiss-Chef Michael Welling auf offene Ohren. Und nachdem die Freddie-Fischer-Stiftung noch mit ins Boot kam, stand dem ersten Meisterschaftsspiel der dritten Mannschaft von Rot-Weiss Essen nichts mehr im Wege. Und die vierte Saison – da sind sich alle einig – soll nicht die letzte sein.

Autor: RS

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