Wie konnte der MSV Duisburg im Mai 2013 an der Lizenzierung für die 2. Fußball-Bundesliga derart scheitern, dass man nach Einreichen der Lizenzunterlagen einen zwölfseitigen Fragenkatalog aus Frankfurt bekam?

Prozess

Der MSV und die vollen Taschen seiner Gönner

Hermann Kewitz
15. September 2016, 20:25 Uhr
Foto: firo

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Wie konnte der MSV Duisburg im Mai 2013 an der Lizenzierung für die 2. Fußball-Bundesliga derart scheitern, dass man nach Einreichen der Lizenzunterlagen einen zwölfseitigen Fragenkatalog aus Frankfurt bekam?

Der Prozess zwischen Roland Kentsch und dem MSV in dem zum Schwitzkasten umfunktionierten großen Verhandlungssaal am Landgericht lässt ahnen, an Geld hat es nicht gefehlt. An Kommunikation und Teamgeist durchaus.

Die Vorsitzende Richterin Antje Reim wird mit ihren zwei Beisitzern in den nächsten Tagen und Wochen die Aussagen der 17 Zeugen bewerten. Dann wird sie zum einen feststellen, ob solche Mängel gerichtsverwertbar sind. Es geht darum, ob Roland Kentsch Schadensersatz für den Absturz in die Drittklassigkeit leisten muss. Wie hoch der Schaden zu bewerten ist, das kommt erst viel später auf einen Richtertisch. Von 4,5 Millionen Euro ist die Rede. Zudem ist zu klären, ob der MSV formvollendet seinem Geschäftsführer Kentsch fristlos gekündigt hat. Bis 30. November können alle Beteiligten nochmal Stellung nehmen. Am 12. Januar soll ein Urteil oder ein Beschluss bekanntgegeben werden.

Hellmich war letzter Zeuge

Der zweite Verhandlungstag am Donnerstag war den „Elefanten“ vorbehalten. Walter Hellmich genoss das Recht der letzten Zeugenaussage. Gerald Kassner, Boss des Hauptsponsors Schauinsland-Reisen, sagte aus. Jürgen Marbach, der jetzige Aufsichtsratsvorsitzende der MSV GmbH, saß ebenfalls als Zeuge im Mittelpunkt. Was dabei auffiel: Rechnet man nur die Summen zusammen, die diese drei gestern bedingungslos bereit waren, zur Rettung zu geben, es wäre eine schlanke Millionen Euro mehr gewesen. Angefragt hatte Roland Kentsch nach Aussagen von Hellmich und weiterer Zeugen aber nur 600 000 Euro.

Einer der Streitpunkte ist: Was hatte es mit den Bedingungen auf sich, die Walter Hellmich an die Stundungsvereinbarung geknüpft hatte. Hellmich bestätigte, dass er weitreichende Rechte, darunter zwei Sitze im Aufsichtsrat, die Mitsprache über die Entscheidung über den Geschäftsführer, Spielertransfers und den Trainer gefordert hatte. Er sagte auch gleich warum: Hellmich hielt die Vereinsführung damals für „gemeingefährlich“ und den Aufsichtsrat für nicht vertrauenswürdig. Da wollte er korrigierend eingreifen. Aber, und diese Aussage tat Kentsch nicht besonders gut, er stellte auch sehr glaubhaft klar: Er habe nicht gewusst, das solche Bedingungen die Lizenz gefährden. Und er fügte hinzu: „Ich hätte sie sonst rausgenommen. Alles andere macht ja keinen Sinn. Warum soll ich Geld geben, dass dem MSV bei der Lizenzierung nichts nützt.“ Experte für diese Fragen aber ist der Geschäftsführer.

Hellmich legte noch zu: Auf Nachfrage der Richterin sagte er, dass er mehr als den Last-Minute-Kredit über 600 000 Euro gegeben hätte. Die Summe von insgesamt 850 000 Euro fiel. Aber danach sei er eben nicht gefragt worden. Gerald Kassner wollte in seiner Aussage ebenfalls nichts von Bedingungen wissen. Allerdings hatte sein Marketing-Leiter Andreas Rüttgers vorhergesagt, dass man für die Bürgschaft in Höhe zwei Millionen Euro eine Lösung für die Stadionfrage angestrebt habe. Der Widerspruch löste sich nicht auf.

Auf Nachfrage von Antje Reim signalisierte Kassner jedoch, dass er einen mittleren sechsstelligen Betrag für jedwede Lösung des Lizenzproblems gegeben hätte. Also auch mit Hellmich. Nur gefragt wurde er nicht. Jürgen Marbach ließ wissen, dass er für 350 000 Euro Kredit gut gewesen sei, wenn Kassner mitgemacht hätte. Der jetzige MSV-Vorsitzende Ingo Wald berichtete bereits am Mittwoch, dass er 100 000 Euro aus seinem Privatvermögen geliehen hätte. Nun gilt es zu bewerten: Wusste Kentsch von diesem reichen Segen nichts oder hatte er sich mit seinem Team zum Schluss ganz auf die Deckungslücke von 600 000 Euro konzentriert. Gebraucht wurde aber deutlich mehr. Unter anderem, weil in den Unterlagen offenbar auch Rechenfehler waren.

Autor: Hermann Kewitz

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