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"Zaubern kann ich nicht!"

30. Oktober 2015, 09:07 Uhr
Foto: Tillmann

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Rot-Weiss Essens Sportlicher Leiter Andreas Winkler spricht im großen Interview über Druck, Kritik und Hafenstraßen-Fußball.

Andreas Winkler, ein Drittel der Saison ist rum. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?
Punktemäßig hätten wir uns mehr vorgestellt, das ist keine Frage. Mancher Prozess wäre dadurch leichter geworden, wie etwa der Mannschaftsfindungsprozess, den jedes Team durchmacht, das sich neu aufstellt. Die beste Teambuildingmaßnahme sind Punkte. Man kann gemeinsam feiern, der Trainer gibt vielleicht mal frei oder man geht sogar auch mal zusammen auf die Piste. Wenn das nicht passiert, weil die Ergebnisse nicht stimmen, dann dauert es etwas länger.

Bis hierhin war es eine enttäuschende Saison. Sehen Sie das auch so?
Es gibt auch Dinge, die gut gelaufen sind. Es ist nicht immer alles schwarz und weiß. Es gab auch Spiele, da hatten wir zwölf Torchancen, haben aber trotzdem unglücklich verloren. Über die Saison hinweg wird sich aber alles ausgleichen. Die Spieler haben bereits – und damit meine ich auch im Training und in der Vorbereitung – gezeigt, dass sie zurecht bei uns im Kader sind. Aber jeder Spieler, der hier nach Essen kommt, muss sich mit der speziellen Situation arrangieren, dass der Druck hier schnell größer wird als anderswo.

Spüren Sie, dass auch der Druck auf den Trainer und Ihre Person wächst?
Es ist nicht so, dass Jan Siewert und ich blauäugig waren und gesagt haben: 'Wir machen den Job nur, wenn es sportlich super läuft.' Man merkt uns glaube ich an, dass wir uns der Situation stellen. Mein Fußballerleben habe ich nicht nur auf der Sonnenseite verbracht. Genau wie die Fans hier seit Jahren alles durchmachen müssen und die Situation annehmen, so machen wir das auch.

Vom Weg, den Sie eingeschlagen haben, sind Sie nach wie vor überzeugt?
Ich kann in meinem Job nicht immer spontan reagieren. Im Fußballlehrer-Lehrgang wurde uns beigebracht: Man muss seinen Plan weiterführen, auch wenn es nicht direkt so läuft, wie vorgestellt. Man darf ihn nicht sofort ad acta legen, aber man kann ihn modifizieren. Natürlich werden wir im Winter eine große Analyse vornehmen, aber wir stehen auch jetzt schon im ständigen Austausch und überlegen uns, woran es liegt, dass es nicht so läuft.

Warum bekommen die Fans den versprochenen Hafenstraßen-Fußball bisher so selten zu sehen?
Es wird viel über Hafenstraßen-Fußball geredet. Ich habe das Gefühl, da versteht jeder drunter, was er selber gerne möchte (lacht). Im Plan, den wir verschriftlicht haben, steht nicht drin, dass wir den Fußball immer zelebrieren wollen. Da steht schon drin, dass wir kompakt und aktiv auftreten wollen und dass es letztendlich natürlich darum geht, Spiele zu gewinnen. Natürlich hat man nicht immer die Möglichkeit dazu. Das alles klappt nur, wenn das Selbstvertrauen stimmt und es der Gegner zulässt. Im Training ist jedes Mal zu sehen, was der Trainer für eine Philosophie hat. Es kann aber nicht immer im Spiel umgesetzt werden. Wenn das jeder könnte, dann würden alle spielen wie Bayern München.

Der 1. Vorsitzende Michael Welling hat erklärt, er sei entspannt, obwohl die Ergebnisse noch nicht stimmen. Sind Sie es auch?
Entspannt zu sein ist nicht unbedingt meine Stärke, gerade in Bezug auf Fußball, weil ich auch nach Siegen immer noch etwas finde, was nicht so gut ist. Das entspricht einfach nicht meinem Naturell. Sonst hätte ich früher auch eine andere Position gespielt, vielleicht etwas mehr in der Zentrale (lacht). Ich war auf außen immer unter Druck. Ich weiß, mit welchem Auftrag ich angetreten bin und ich weiß, dass ich diesen sehr transparent und ehrlich angetreten habe. Alles, was ich hier gemacht habe, ist nachvollziehbar für die entscheidenden Leute, die meine Arbeit kontrollieren. Ich kann sagen: Ich habe es nicht für mich getan, sondern für den Verein. Vielleicht wird man nach einem Jahr feststellen, dass ich nicht alles richtig gemacht habe, aber mal ehrlich: Zaubern kann ich nicht! Ich habe meinen Job so akribisch gemacht wie vorher zehn Jahre lang in der Nachwuchsabteilung.

Wie groß ist der Unterschied zwischen Ihrem alten Job als Nachwuchsleiter und Ihrem neuen als Sportlicher Leiter des Regionalligateams?
Im Nachwuchs mussten wir immer gegen den Abstieg aus der Bundesliga, oder um den Aufstieg aus der Niederrheinliga spielen. Ich glaube, dass es mich ausgezeichnet hat, dass ich auch in schwierigen Situationen ruhig geblieben bin. Ich habe immer konsequent und akribisch gearbeitet, bin nicht ausgetickt oder habe mich zu irgendwelchen Aktionen verleiten lassen. Ich habe immer genau hingeschaut und analysiert, wo die Schwachstellen sind, an denen man ansetzen muss. Ich kann sehr methodisch und konzeptionell vorgehen und bin auch die Kaderplanung für die erste Mannschaft so angegangen.

Auf Seite 2 erklärt Andreas Winkler, wie er mit Fankritik umgeht und warum er vier Spieler vom gleichen Berater verpflichtet hat.

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