Euphorie nach Niederlage gegen Italien

us
21. August 2003, 13:46 Uhr

Die deutsche Fußballwelt ist voll des Lobes nach der 0:1-Niederlage der Nationalelf gegen Italien. Lediglich die Spieler kritisieren die eigene Chancenverwertung und trauern den verpassten Möglichkeiten nach.

Zum siebten Mal in Folge hat die deutsche Nationalmannschaft gegen einen der "großen" Gegner verloren, dennoch war von schlechter Stimmung nichts zu spüren. Franz Beckenbauer lächelte gütig und sprach von "einem sehr guten Zeichen", DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder lobte die "positive Grundeinstellung" im Team des Vize-Weltmeisters und Rudi Völler dachte schon voller Zuversicht an die kommenden Aufgaben in der EM-Qualifikation. Lediglich aus der Mannschaft um Kapitän Oliver Kahn wurden keine euphorischen Stimmen laut, sondern eher Selbstkritik nach den verpassten Chancen.

"Das war wirklich toll", schwärmte der Teamchef nach dem unglücklichen 0:1 (0:1) im Test-Länderspiel gegen Italien mit Blick auf die Vorstellung seiner Schützlinge in der zweiten Halbzeit: "Natürlich ist es ärgerlich, dass wir unsere Chancen nicht genutzt haben. Aber alles andere war in Ordnung. Wenn wir in den nächsten Spielen so auftreten, sehe ich keine Probleme."

Beckenbauer sieht "Schritt nach vorne"

Zwar setzte es für Völler in seinem 40. Spiel die 9. Pleite, zudem muss die DFB-Auswahl nun schon seit knapp zwei Jahren auf einen Sieg gegen einen Großen warten - doch das interessierte am Ende eines spannenden Fußball-Abends vor 49.000 Zuschauern im Stuttgarter Daimler-Stadion ebenso wenig wie die verlorene Tabellenführung in der EM-Qualifikation durch den gleichzeitigen 2:1-Sieg Islands über die Färöer. "Es war Spielfreude da, alles war in Bewegung. Ich habe noch nie erlebt, dass Deutschland gegen eine Mannschaft aus Italien so viele Chancen hatte. Das ist ein Schritt nach vorne", meinte selbst Chefkritiker Beckenbauer in seiner neuen Eigenschaft als ZDF-Experte überschwänglich.

Trotz deutlicher Defizite, die das erheblich ersatzgeschwächte Mittelfeld ohne die Spielmacher Michael Ballack und Dietmar Hamann offenbarte, kannte der Optimismus kaum Grenzen. "Ein Remis wäre verdient gewesen. Die Rückkehr von Ballack und Hamann wird dieser Mannschaft noch einmal einen Push geben", meinte Verbandsboss Mayer-Vorfelder, nachdem Christian Vieri mit seinem Treffer (17.) die deutsche Hoffnung auf den ersten Sieg über ein "großes Team" seit dem 1:0-Triumph über England am 7. Oktober 2001 zunichte gemacht hatte.

"Wir brauchen 300 Torchancen"

Kritischer äußerten sich da schon die Spieler selbst. "Bei den Italienern macht es zack-zack. Dann ist der Ball im Tor. Und wir brauchen 300 Torchancen. Eigentlich spiele ich Fußball, um zu gewinnen. Das ist langsam schon sehr, sehr bitter", klagte Kahn, nachdem vor allem Miroslav Klose und Benjamin Lauth in der zweiten Halbzeit nicht den Ball im italienischen Gehäuse unterbringen konnten. Jens Jeremies, der in der 72. Minute mit einem Distanzschuss den Pfosten traf, gab die Stimmung der Mannschaft treffend wieder: "Ganz klar überwiegt die Enttäuschung. Wir hatten die Möglichkeit Italien zu schlagen, haben sie aber nicht genutzt."

Viel Zeit zum Sinnieren bleibt allerdings nicht. Schon am 6. September können die DFB-Kicker mit einem Sieg in Island die Tabellenführung in der EM-Qualifikationsgruppe fünf zurückerobern. Nur vier Tage später kommt es zum möglicherweise vorentscheidenden Prestigeduell in Dortmund gegen die von Berti Vogts trainierten Schotten. "Wir haben alles noch selbst in der Hand", meinte Völler und wollte den Rückstand von derzeit einem Zähler auf Island nicht überbewerten. Und Mayer-Vorfelder machte dem Teamchef zusätzlich Mut: "Nach diesem Spiel kann man hoffnungsvoll auf die EM-Qualifikation schauen."

Hoffnung verbreitete auch die starke Vorstellung des Bochumers Paul Freier. "Grundsätzich haben wir gesehen, dass wir auf junge Spieler wie beispielsweise Paul Freier, der eine starke Leistung gezeigt hat, bauen können", meinte "MV". Und Beckenbauer stellte fest: "Jetzt ist der Name Freier auch in Italien ein Begriff." Doch der kleine Mittelfeldspieler blieb bescheiden wie immer: "Mir hat es Spaß gemacht. Ich kann nur versuchen, mich aufzudrängen. Es ist klar, dass nächstes Mal wieder Michael Ballack spielt. Der ist ein Weltklasse-Spieler."

Autor: us

Kommentieren