02.01.2009

VfL-Legende Lothar Woelk im Gespräch

Der unbedingte Wille, nicht absteigen zu wollen

Im hinteren Teil des Cafés Kristall in Recklinghausen-Süd hält eine Damenriege ihr munteres Kaffeekränzchen ab, während ich mit Lothar Woelk an der großen Fensterfront sitze. Unser Blick geht direkt auf den gegenüberliegenden katholischen Friedhof.

Nein, winkt die VfL-Legende ab, dieser Treffpunkt sei kein Kommentar zur aktuellen Bundesligasituation seiner Bochumer, sondern hier in Hillerheide zwischen Trabrennbahn und Leusberg habe er seine Kindheit und Jugend verbracht. Angesichts des grau melierten hippiesken Aussehens des 54jährigen bewegte „RevierSport“- Feuilletonist Ralf Piorr eine ganz und gar Fußball-untypische Frage.

[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/010/059-10454_preview.jpeg „Die Aufbruchstimmung der 1970er Jahre hat mich geprägt!“ [/imgbox]
Lothar Woelk, sind Sie eigentlich ein Alt-Achtundsechziger?

Politisch nicht, aber „Woodstock“ und der Kultfilm „Easy Rider“ waren damals absolute Pflichtnummern und haben mich auch beeindruckt. Selbst wenn man sich nicht mit den demonstrierenden Studenten identifizierte, so gab es doch eine merkliche Aufbruchstimmung unter uns Jugendlichen hier im Ruhrgebiet. „Easy going“ war angesagt, cool und lässig sein hatte oberste Priorität. „Es wird schon werden!“, hieß es, aber so war es auch. Wenn man sich etwas vorgenommen hatte, konnte man es erreichen – auch ohne ‚Vitamin B’. Natürlich spielte die Musik eine außerordentliche Rolle. Hier wurde ich von meinem Bruder geprägt, der fünf Jahre älter ist und schon damals die wichtigsten Scheiben von den Rolling Stones oder den Beatles hatte.

[imgbox-right]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/010/063-10458_preview.jpeg Kuscheln statt Hardrock. [/imgbox]Ihre erste Platte, die Sie gekauft haben?

Dazu muss ich etwas sagen: Normalerweise war ich Led Zeppelin-Fan, aber als erste Single habe ich mir „Lamplight“ von den Bee Gees gekauft. Die Musik war konträr gegenüber dem Hardrock von Ten Years After oder Deep Purple, aber wenn man die Scheibe auflegte, war das richtig relaxt. Außerdem konnte man dazu gut schmusen. Versuch das mal bei „Whole lotta love“ von Led Zeppelin!

[imgbox-left]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/010/064-10459_preview.jpeg Born to be Woelk.[/imgbox]Bezugspunkt war der Freundeskreis?

Wir waren eine feste Clique und haben eine Menge gemacht. Mit und ohne Mädels. Und ich hatte den Vorteil, da meine Eltern sich getrennt hatten und ich bei meiner Mutter lebte, hat sie mir so ein bisschen die lange Leine gelassen. Wenn die anderen um elf nach Hause mussten, konnte ich noch eine Stunde länger. Das war natürlich cool. Wir sind im Baggersee nackend schwimmen gewesen oder mal am Wochenende nach Amsterdam getrampt. Irgendwann sind wir nach Katwijk oder Noordwijk, weil dort Procol Harum gespielt hat. Da hieß es nur: „Kommt, da müssen wir hin!“ Anfang der 1970er gab es dieses Feeling, vieles ausprobieren zu wollen. Die Verhältnisse wurden offener, und wir wollten als Generation etwas bewegen.

Hat sich dieser Drang nach Freiheit mit dem Fußballtraining vertragen?

Das ging schon zusammen. Anfangs habe ich beim FC Leusberg gespielt, der hier in Recklinghausen-Süd von ein paar Taubenzüchtern gegründet worden war. Das war ein Verein, bei dem nur die Leute aus den umliegenden Straßen spielten. In der A-Jugend wechselte ich zu Eintracht Recklinghausen, der wesentlich ambitionierter geführt wurde. Für mich war das ein Quantensprung. Ich spielte Stürmer und konnte mir dort meine ersten Lorbeeren verdienen. Im Seniorenalter ging ich allerdings wieder zu meinem Heimatverein zurück, da ich dort mit meinem Bruder zusammen spielen konnte und bei Eintracht mit dem Trainer nicht zu Recht kam.

[imgbox-right]http://static.reviersport.de/include/images/imagedb/000/010/060-10455_preview.jpeg „Die Medien gehörten und gehören zum Geschäft. Fragen Sie einen Gerd Müller. Der konnte in kein Mikro sprechen, während Franz Beckenbauer schon früher ‚La Paloma’ gesungen hat.“ [/imgbox]Sie sind erst mit 23 Jahren Profi geworden. War es für Sie der Traumberuf?

Natürlich habe ich die Bundesliga immer samstags im Fernsehen gesehen und irgendwie gedacht, das würdest du dir auch zutrauen. Ich spielte in der Junioren-Westfalenauswahl, und da stand man bereits etwas im Rampenlicht. Leute fragten mich nach meinen Zielen. Was sollte ich antworten? Ich malochte bei Blaupunkt, später im Schichtsystem bei Opel, verdiente bereits gutes Geld, aber den Fußball zum Job zu machen? Das war das Größte! Wenn es nicht so gekommen wäre, wäre das auch okay gewesen. Fußballer wäre ich so oder so gewesen.

Es heißt, der VfL hätte Sie in der Betriebsmannschaft von Opel entdeckt.

Das ist Quatsch. Der Trainer Fips Schulte fing bei Eintracht Recklinghausen an und holte mich nach meiner Bundeswehrzeit wieder zurück. Und Schulte hatte gute Kontakte zu Heinz Höher, der damals den VfL trainierte. So stand ich schon unter Beobachtung. Tatsächlich habe ich zu der Zeit als Werkzeugmacher ein halbes Jahr bei Opel in Bochum gearbeitet und irgendwann einmal auf Drängen der Kollegen bei einem Pfingstturnier in der Betriebsmannschaft gespielt, aber da war mein Einstieg beim VfL bereits geregelt.

Autor: RS

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