17.06.2018

Nach 0:1 gegen Mexiko

Boateng und Hummels schimpfen

Foto: dpa

Jerome Boateng war so sauer, dass er beim Schimpfen keine Miene verzog.

„Die laufen vier, fünf Mal auf uns allein zu, dabei hatten wir das doch im Vorfeld angesprochen“, ärgerte sich der Innenverteidiger. Die 0:1-Auftaktniederlage gegen Mexiko für die deutsche Nationalmannschaft lag da schon eine Stunde zurück. Boateng hatte mittlerweile geduscht. Aber er kochte immer noch innerlich. Die Pleite gegen Mexiko wird im Rückblick als eine Niederlage der deutschen Defensive gewertet werden. Denkt man irgendwann an dieses Spiel zurück, dann wird man sich daran erinnern, wie die quirligen mexikanischen Angreifer Chicharito und Hirving Lozano immer wieder die deutsche Defensive überfielen – und wie Boateng dabei keine gute Figur machte. Er und sein Abwehrnachbar Mats Hummels.

Wir müssen beide Spiele Gewinnen, sonst war es das
Mats Hummels

Boateng aber wollte das nicht so stehen lassen. Er sah keine Alleinschuld an dieser Schmach zum Auftakt, sondern viel mehr ein strukturelles Abwehrproblem des Weltmeisters, das sich ja schon bei den Vorbereitungsspielen gegen Österreich (0:1) und Saudi-Arabien (2:1) gezeigt hatte. Und er hatte Recht: Deutschland ist deutlich zu konteranfällig, um den Titel zu verteidigen. „Wir haben das in den letzten Tagen oft genug angesprochen. Es kann nicht sein, dass wir so viele Abstimmungsfehler machen“, schimpfe Boateng. Ähnlich aufgebracht war Hummels: „Wenn sieben oder acht Spieler von uns offensiv spielen, ist klar, dass die offensive Wucht größer ist als die defensive Stabilität“, sagte der Münchner. Ob er sich Sorgen mache, dass Deutschland schon nach der Vorrunde wieder nach Hause fahren wird müssen, wurde Hummels gefragt: „Wenn wir so weiter spielen, ja! Wir müssen beide Spiele gewinnen, sonst war es das.“

Als Oliver Bierhoff aus dem Innenraum des Moskauer Luschniki-Stadions trat, wirkte der Nationalelf-Direktor desillusioniert. „Wir haben völlig unsere Linie verloren. Warum? Das weiß ich auch nicht“, sagte Bierhoff und ließ keinen Zweifel daran, wie die Dinge jetzt stehen: „Das nächste Spiel gegen Schweden wird ein Endspiel“, sagte der 50-Jährige. Auch Bierhoff hatte gesehen, dass da Räume in der deutschen Defensive geboten wurden, die da nicht hingehören, wenn man Weltmeister werden will. „Wir wollten eigentlich von unserer Kompaktheit leben“, sagte er. Der WM-Triumph von 2014 lag auch an einer herausragenden Abwehrstärke. Nun könnten die Träume von einer Wiederholung daran platzen, dass die Mannschaft keine Balance zwischen Offensive und Defensive herstellen kann. Und weil das ja nicht zum ersten Mal Probleme der deutschen Mannschaft waren, wirkte Bierhoff nachdenklich: „Wenn sich Muster wiederholen, muss man tiefer gehen. Die Trainer müssen jetzt beantworten, wie sie das lösen wollen“, sagte er.

Sami Khedira übrigens verließ wortlos die Moskauer Arena. Der 31-Jährige hatte ein schlechtes Spiel gemacht und mit seinen Ballverlusten erheblich zur Destabilisierung beigetragen. So fiel auch das 0:1. Statt Khedira, immerhin ja Ersatzkapitän, sprachen andere: „Unsere Konteranfälligkeit hat jeder gesehen“, sagte etwa Angreifer Thomas Müller und wurde grundsätzlich: „Die Krux an Ballbesitzfußball ist, dass man gegen konterstarke Gegner immer wieder mal Probleme bekommt“, so Müller – vor allem, wenn man den Ballbesitz nicht gut ausspielt. „Es ist schwer, jetzt die richtigen Worte zu finden, die alle Gemüter beruhigen, aber das Spiel auch richtig analysieren“, sagte Müller.

Zur Aufarbeitung der Niederlage gehört aber auch die Frage, wie es sein kann, dass die Mexikaner völlig anders spielten, als sie das beim DFB erwartet hatten. Das gab Bierhoff offen zu: „Wir hatten zu Mexiko eine andere Vorhersage. Bei keinem Spiel vorher haben wir sie so gesehen. Sie haben uns auf eine andere Art gelockt, als wir das dachten“, sagte Bierhoff und meinte eine preisgegebene linke mexikanische Seite, in die Joshua Kimmich dann immer wieder hineinstieß. Aber dadurch ließ der deutsche Rechtsverteidiger hinten riesige Lücken. Auch deshalb standen Boateng und Hummels allein da.

Müller berichtete Ähnliches: „Mexiko spielt normalerweise aggressiv nach vorn und wollen Ballbesitz, aber diesmal haben sie sich nur auf Konter verlassen“, sagte er. Es könnte also sein, dass der mexikanische Trainer Juan Carlos Osorio am Ende den Bundestrainer Joachim Löw ausgecoacht hat.

Boateng übrigens wollte bei allem Ärger keine Kritik an seinen Vorderleute stehen lassen: „Es geht nicht um Schuld, sondern darum, die richtigen Schlüsse zu ziehen“, sagte der 30-Jährige. Sonst ist das Abenteuer Russland schneller beendet, als man sich das in Deutschland hätte je vorstellen können.

Autor: Jörn Meyn und Daniel Berg

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