Ex-Fortune

Albertz leistete zwei Jahre Pionierarbeit in China

Thomas Tartemann
15. Juni 2017, 09:41 Uhr
Foto: firo

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Jörg Albertz, der als erster deutscher Profi Pionierarbeit in China leistete und von 2003 bis 2005 bei Shenhua Shanghai spielte, begrüßt den Wechsel von Trainer Roger Schmidt zum chinesischen Erstligisten Beijing Guoan.

Schmidt unterzeichnete dort einen Zwei-Jahres-Vertrag. „Finanziell dürfte das Engagement sehr lukrativ sein. Ich würde ihm das niemals vorhalten, sondern freue mich, dass Roger Schmidt nach China geht. Wenn ich ein Angebot bekommen würde, dort als Trainer oder Assistent zu arbeiten, würde ich darüber nachdenken – auch wenn es als dreifacher Familienvater etwas problematisch wäre. Aber ich habe das Land lieben gelernt“, so Albertz gegenüber Funke Sport.

Als ich mit meiner Frau in Shanghai gelandet bin, wollte ich direkt wieder umdrehen und zurückfliegen
Jörg Albertz

Im Januar 2003 bracht Albertz seine Zelte beim Hamburger SV ab. „Ich bin mit dem damaligen Trainer Kurt Jara nicht mehr klar gekommen. Er meinte: Unter ihm würde ich kein Spiel mehr machen. Da alle anderen Möglichkeiten verstrichen waren, blieb mir nur noch China als Option übrig. Als ich mit meiner Frau in Shanghai gelandet bin, wollte ich direkt wieder umdrehen und zurückfliegen.“

Albertz blickte in ein Meer von Wolkenkratzern, wurde von der Wucht der Metropole fast erdrückt. „Das erschlägt einen förmlich. Aber nach einer Übernachtung ging es dann. Ich bin zunächst für elf Monate bei Shenhua Shanghai geblieben und habe noch eine Saison drangehängt.“ In seinem Premieren-Jahr wurde Albertz chinesischer Meister, in der zweiten Saison reichte es nur für das untere Mittelfeld. „Fußballerisch musste ich Abstriche machen, aber die Erfahrung, in China zu spielen, habe ich nicht bereut. Man muss sich kulturell auf etwas einlassen.“

Albertz kamen allerdings einige Vorkommnisse auf dem Rasen seltsam vor. „Zu meiner Zeit herrschte Korruption im Fußball. Die Meisterschaft im ersten Jahr war wahrscheinlich gekauft. Es gab Situationen in Spielen, bei denen ich dachte: Das geht gar nicht, das kann nicht sein. Aber als ausländischer Spieler hast du in solchen Fällen gar keine Chance. Ich wollte einfach vernünftig arbeiten, aber das war dann nicht mehr gewährleistet“, sagt der ehemalige Profi von Fortuna Düsseldorf.

Obwohl sein Engagement in China schon über zehn Jahre zurückliegt, sieht Albertz keine entscheidenden fußballerischen Fortschritte im Reich der Mitte. „Bei so einer Masse von 1,2 Milliarden Einwohnern kann mir keiner erzählen, dass es nicht möglich ist, Talente auszubilden und hervorzubringen. In China gibt es im Gegensatz zu Deutschland oder anderen europäischen Ligen keinen Unterbau. Man will jetzt wohl mit der Gründung einer Schüler-Liga beginnen“, so Albertz, der nachschiebt: „Ohne entsprechende Förderung der Jugend wird man auch in den nächsten 20, 30 Jahren nichts von einem Fortkommen im chinesischen Fußball hören.“

Dass Bundesliga-Vereine wie Schalke 04 oder Borussia Dortmund während der Sommer-Zeit ihre Trainingscamps auch in China aufschlagen, um Kunden auf dem asiatischen Markt zu gewinnen, hält Albertz für richtig. Der Ex-Nationalspieler: „Real Madrid oder Manchester United haben einen Vorsprung. Sie sind früher auf den Zug aufgesprungen. Aber dass deutsche Klubs sich in China präsentieren, ist der richtige Weg. Ich glaube, dass der Chinese an sich fußballverrückt ist. Man muss diese Kontakte pflegen und intensivieren.“

Autor: Thomas Tartemann

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