Bahn frei für Weltenbummler Kaczmarek

04.04.2015

Viktoria Köln

Bahn frei für Weltenbummler Kaczmarek

Auf einen der bekanntesten Trainer der Regionalliga folgte ein unbeschriebenes Blatt.

Nachdem sich der ewige Aufstiegsfavorit Viktoria Köln von Claus-Dieter Wollitz getrennt hatte, waren viele, teils sehr bekannte Namen für einen Nachfolger im Gespräch. Das Rennen machte aber Tomasz Kaczmarek, der wohl nur eingefleischten Viktorianern ein Begriff war. „Tomek“ kehrte durch das Engagement nach einer langen Weltreise zurück ins Rheinland, in dem er aufwuchs, und stellt sich nun einem weiteren großen Abenteuer.

„Ein Hausmeister?“, fragten sich viele, als sie zum ersten Mal vom neuen Trainer des FC Viktoria Köln hörten. Der Name Kaczmarek war den meisten nur aus dem Hit der Bläck Fööss von 1984 bekannt. Dass Tomasz Kaczmarek genauso alt ist wie diese Single der kölschen Musikgruppe, nämlich erst 30 Jahre, ist dabei nur einer von vielen Gründen, sich verwundert die Augen zu reiben. Darüber hinaus kann er in einem für Trainer noch zarten Alter einen außergewöhnlichen Lebenslauf vorweisen. Bonner SC, ägyptische Nationalmannschaft und der norwegische Erstligist Stabaek IF sind die drei Stationen im Seniorenbereich, bevor er im Januar die Regionalliga-Mannschaft des FC Viktoria übernahm, wo er bereits erfolgreich als U19-Trainer fungiert hatte.

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Die ungewöhnlichen Orte seiner bisherigen Stationen sind dabei kein Zufall. Im polnischen Breslau geboren, wurden ihm schon von seinen Eltern Weltenbummler-Gene in die Wiege gelegt. Diese zogen mit ihm nach Gummersbach, als er neun Jahre alt war, wohnten außerdem schon in China und waren auch sonst viel in der Welt unterwegs. „Meine Eltern sagten mir und meinen vier Geschwistern, wir sollen neugierig sein und möglichst viel von der Welt kennenlernen“, erinnert sich Kaczmarek. Und das tat er nicht nur als Tourist, sondern auch beruflich. Durch einen Schüleraustausch ging er in der 11. Klasse für ein Jahr nach New York, während des Studiums an der Sporthochschule Köln für acht Monate nach Los Angeles. Dort bekam er die Möglichkeit, bei Fitness-Guru Mark Verstegen (in Deutschland vor allem als Assistent des damaligen Bundestrainers Jürgen Klinsmann bekannt) ein Praktikum zu absolvieren. Dadurch lernte Kaczmarek den damaligen US-Nationaltrainer Bob Bradley kennen, was sich als eine schicksalhafte Begegnung entpuppte.

Als Spieler durch den Mittelrhein, mit Bradley um die Welt

Tomasz Kaczmarek verstand sich gut mit Bradley, wurde von ihm mehrfach in den Trainerstab des US-Teams eingeladen, durfte zuschauen und mitwirken. Als Bradley 2011 schließlich die Nationalmannschaft Ägyptens übernahm, engagierte er Kaczmarek als seinen Assistenten. Über zwei Jahre arbeiteten beide dort zusammen, und auch als Bradley in der norwegischen „Tippeligaen“ anheuerte, lud er seinen Co-Trainer ein, mitzukommen. „Ich wollte unter ihm auch die tägliche Arbeit in einem Verein kennenlernen und habe zugesagt“, erzählt der 30-Jährige, der nach einer aktiven Karriere, unter anderem bei Germania Windeck und der SpVg. Porz, schon mit 22 die Schuhe an den Nagel gehängt hatte („Jede Zeile über meine aktive Karriere wäre Papierverschwendung“). Sein Gefühl, ein besserer Trainer als Spieler zu sein, trügte ihn nicht. In Nullkommanix hatte er als Übungsleiter Ligen erreicht, die ihm als Aktiver verwehrt blieben.

Während Tomek zu seiner Zeit in Ägypten noch mit seiner Frau eine Wohnung in Köln behalten hatte und häufig gependelt war, wurde mit dem Umzug nach Norwegen dem Rheinland Lebewohl gesagt. Während eines Urlaubs in Köln Ende des vergangenen Jahres erfuhr Kaczmarek von der Beurlaubung von Wollitz bei Viktoria Köln. Ein Kontakt war schnell hergestellt, schließlich kannte er den heutigen Sportvorstand Franz Wunderlich noch aus seiner Zeit als Jugendtrainer in Höhenberg.

„Die Verantwortlichen haben aus den Erfahrungen gelernt“

Das Vertrauen des Vorstands, ihn aus einer Vielzahl von Bewerbern als neuen Trainer des Regionalliga-Spitzenklubs auszuwählen, macht Kaczmarek sehr glücklich. „Schon in Norwegen wusste ich, dass meine nächste Station eine Cheftrainer-Position sein sollte. Ob Deutschland, Portugal oder Polen war mir dabei egal. Ich kenne noch einige Viktorianer aus meiner früheren Zeit, auch wenn sich sehr viel geändert hat. Damals war Viktoria in einer schwierigen Phase. Es gab Schimmel in den Kabinen, wir hatten beim Training keine Bälle und die Spieler mussten die Jugendherberge im Trainingslager selber bezahlen. Es ist alles so viel professioneller geworden“, so Kaczmarek. Eine so große erste Station als Chefcoach, und dazu eine, die in den vergangenen Jahren einige Trainer den Kopf kostete, macht ihm keine Angst. „Es ist deutlich anders als das Amt des Co-Trainers. Der Respekt der Spieler ist größer, man hat viel mehr Verantwortung und muss globaler denken. Aber ich empfinde nur Vorfreude für diese Aufgabe und mache mir keinen Kopf um möglichen Druck oder meinen Ruf als Trainer in Deutschland. Und ich bin mir sicher, dass die Verantwortlichen hier aus ihren Erfahrungen der letzten Jahre gelernt haben und mir die nötige Zeit geben, hier etwas Großes aufzubauen“, sagt er.

Sein Ziel für diese Saison geht über einen bloßen Tabellenplatz hinaus. „Ich will, dass man auf dem Rasen eine echte Mannschaft sieht, die mit maximalem Einsatz spielt und die in ihr schlummernde Qualität auch zeigt. Daraus soll eine möglichst gute Rückrunde resultieren und man soll eine Mentalität und die Handschrift des Trainers erkennen.“ Als erste Maßnahme verkleinerte er den Kader. Marcel Deelen, Alessandro Riedle, Stefan Hickl, Malte Nieweler und auch Eigengewächs Dennis Brock mussten den Verein verlassen und Platz schaffen für zwei Punkte, die Tomek sehr wichtig sind: „Nur mit einem kleineren Kader kann man vernünftig trainieren und die Spieler einzeln betreuen und nur mit einem kleinen Kader kann man Talente aus dem eigenen Nachwuchs eng an die Regionalliga-Mannschaft heranführen. Sie sollen die Chance haben, mitzutrainieren und auch mal im Kader zu stehen.“

Heiko Scholz, Wolfgang Jerat, Ralf Aussem, Claus-Dieter Wollitz. Tomasz Kaczmarek passt so gar nicht in die Reihe der vergangenen Trainer an der Merheimer Heide. Ein Schnitt ist dem Triumvirat Franz-Josef Wernze, Franz Wunderlich und Stephan Küsters gelungen, genauso wie eine faustdicke Überraschung. Genau dort steckt auch die Chance für die aufstrebende Viktoria und den umtriebigen Tomek. Und vielleicht wird ja schon bald aus dem unbekannten Hausmeister ein gefeierter Regionalliga-Meister.

Autor: Daniel Sobolewski

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