Die Kilometer wurden im Wintertrainingslager gemacht, jetzt geht es für Tomasz Wylenzek um Ergebnisse. Der Kanute will die Norm packen und mit seinem Partner im Zweiercanadier Christian Gille das Ticket für die Olympischen Spiele in Peking buchen. Eine Goldmedaille kann der 25-Jährige schon sein Eigen nennen:

Kanu: Tomasz Wylenzek greift erneut nach Gold

„Boykott wäre Katastrophe“

Sarah Landsiedel
19. April 2008, 09:23 Uhr

Die Kilometer wurden im Wintertrainingslager gemacht, jetzt geht es für Tomasz Wylenzek um Ergebnisse. Der Kanute will die Norm packen und mit seinem Partner im Zweiercanadier Christian Gille das Ticket für die Olympischen Spiele in Peking buchen. Eine Goldmedaille kann der 25-Jährige schon sein Eigen nennen:

Vor vier Jahren in Athen landete sein Boot über 1000 Meter ganz vorne. Mit RevierSport sprach der Athlet der KG Essen über seine sportlichen Ziele, seinen schwierigen Karrierestart und einen möglichen Olympia-Boykott.

Tomasz Wylenzek, dass Sie mit dem Sport mal Medaillen und Titel gewinnen würden, stand bei Ihren Anfängen gar nicht im Mittelpunkt. Da gab es andere Gründe!
Das Leben in Polen hat sich zum Großteil auf der Straße abgespielt und durch den Sport konnte ich aus diesem Umfeld entfliehen. Viele geraten auf die falsche Bahn einfach aus Langeweile, auch mein Onkel hat gesehen, dass so etwas schnell in die falsche Richtung führen kann und hat mich motiviert, im Verein aktiv zu werden. Außerdem haben mich die älteren Kanuten vor allem durch ihren Körper sehr beeindruckt. Ich wollte auch so aussehen, obwohl ich erst 14, 15 Jahre alt war.

Sporadisch haben Sie schon mit acht Jahren mit dem Kanusport angefangen…
…aber ich habe auch andere Sachen wie Fußball ausprobiert. Als mir klar wurde, dass ich beim Kanu bleiben würde, habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, die mir alle Chancen bietet. Da bin ich auf die Sportschule in der Nähe von Stetin, 400 Kilometer von meinem zuhause entfernt, gegangen. Dort war eine Verbindung von Schule und Sport möglich, alles war aufeinander abgestimmt.

Wie kam es dann mit 17 Jahren zur Auswanderung nach Deutschland?
Meine Mutter lebte schon lange in Duisburg. Ich wollte sie erstens besser kennenlernen und außerdem weiter meinen Sport ausüben. Außerdem gab es auf dem Internet in Polen Probleme. Ich lebte dort in meiner eigenen Welt, habe mich voll auf den Sport konzentriert und alle Anweisungen des Trainers voll umgesetzt. Schnell konnte ich mit den älteren Schülern mithalten oder sie sogar übertrumpfen, das kam nicht überall gut an. Dadurch schafft man sich auch Feinde. Hinzu kam, dass ich nicht zur Junioren-WM mitgenommen wurde, obwohl ich gute Trainingsleistungen gezeigt habe. Da wollte ich weg und mein Glück woanders versuchen.

Haben Sie nach Ihrem Umzug nach Duisburg gleich Kontakt zur KG Essen aufgenommen?
Meine Mutter hatte zunächst in Duisburg angefragt, aber dort hat man auf die KG Essen verwiesen, weil der Verein in Duisburg nicht wirklich Erfahrung mit Canadiern hatte.
Das war aber in Essen nicht viel anders!
Mein Trainer Robert Berger musste sich auch viel aneignen, mit anderen Athleten sprechen, sich Informationen über Trainingsinhalte und Techniken anlesen. Das war auch für ihn eine Herausforderung. Der Verein hat mich von Beginn an super unterstützt und hervorragend aufgenommen.

Um weiterzukommen haben Sie ein Jahr lang in einem Wohnwagen direkt am Regattahaus gewohnt.
Die Fahrten von Duisburg nach Essen waren einfach zu anstrengend und aufwändig als Schüler, da gingen jeden Tag vier Stunden drauf. Der Wohnwagen war die billigste Variante und da ich in dieser Hinsicht keine Ansprüche hatte, war das eine gute Lösung.
Wie schnell sind Sie in Ihrer neuen Heimat zurecht gekommen, zunächst konnten Sie kein einziges Wort deutsch!
Da ich eher schüchtern bin, hat es schon einige Zeit gedauert, bis ich mich eingelebt hatte. Aber durch meine Kontakte im Verein und am Helmholtz-Gymnasium habe ich die Sprache schnell gelernt. Das ist oft ein Problem von ausländischen Mitbürgern, die schotten sich ab und sind nur unter ihresgleichen. So kann man sich nicht voll integrieren, weil man es auch nicht muss.

Am Anfang war der Kanusport also eine Alternative zu Jugendbanden und eine Möglichkeit was für den Körper zu tun. Was bedeutet Ihnen der Sport heute?
Eine Zeit lang habe ich viel darüber gejammert, dass man im Vergleich zu Schwimmern oder Leichtathleten, von Fußballern natürlich ganz zu schweigen, nichts mit unserem Sport verdienen können. Aber wenn man nur an das Geld denkt, dann geht die sportliche Leistung zurück. Ich nehme es, wie es ist. Ich versuche mich und meinem Sport populärer zu machen und das Bestmögliche zu erreichen.
Einen ganz besonderen Medientermin haben Sie erst in der vergangenen Woche gehabt. Da kam ein Kamera-Team aus China nach Essen.

Die haben mich bei meinem Trainingsalltag begleitet und stundenweise Filmmaterial gedreht. Wenn ich die Olympia-Quali packe, dann werden die Szenen Teil einer Dokumentation, die auch im Kino laufen wird. Insgesamt werden sechs Athleten aus aller Welt porträtiert. Es ist eine große Ehre für mich, dass ich der einzige Deutsche bin. Das ist ein tolles Gefühl.
Um in Peking dabei zu sein, läuft seit dem vergangenen Winter die harte Phase der Vorbereitung. Wie sieht eine typische Woche aus?
Ich trainiere sechs Mal die Woche, insgesamt sind das um die 20 Stunden. Im Winter waren wir in den USA zum Warmwassertraining oder beim Skilanglauf. Da geht es nur um die Kondition, Kilometer müssen gemacht werden. Jetzt im Frühjahr verlegt sich die Konzentration auch mehr auf die Strecke und Technik.

Ihr Zweierpartner Christian Gille trainiert in Leipzig, wie ist da eine Abstimmung möglich?
Im Winter trainiert jeder für sich! Wenn die Leistung der Einzelperson stimmt, dann ist das schon eine sehr gute Voraussetzung für den Erfolg. Da wir uns auch schon länger kennen, gibt es keine Probleme, sich wieder an den anderen zu gewöhnen. Wenn nichts gravierendes dazwischen kommt, dann dürfte es für das Peking-Ticket reichen.

Zurzeit konzentrieren Sie sich ganz auf den Sport. Wie sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?
Ich habe bei der damaligen RAG eine Ausbildung zum Bürokaufmann für Sport und Fitness gemacht, und habe durch den Konzern sehr große Unterstützung erfahren. Im Mai steht der Eignungstest für die Bundespolizei an, das muss ich abwarten.
Und Ihre Zukunft im Boot? Ihr Partner hört nach den olympischen Spielen auf.
Ich habe viele Möglichkeiten, entweder weiter im Zweier-Canadier oder im Einer zu fahren. Das lasse ich noch offen.
Ihr bisheriges Highlight war die Goldmedaille, die Sie 2004 in Athen geholt haben. Warum ist gerade dies für einen Athleten das Größte?
Das fängt schon am Flughafen an, wenn man die anderen Sportler trifft. Egal, ob Judoka, Leichtathleten oder Schwimmer, alle tragen die gleichen Klamotten, alle sind ein Team. Man grüßt sich im Dorf, kann sich andere Sportarten angucken, wozu man sonst keine Gelegenheit hat. Und alles konzentriert sich auf einen, Zuschauer, Zeitungen, Fernsehen. Für diesen einen Tag im Mittelpunkt zu stehen, dafür lohnt sich auch die vierjährige Vorbereitung.

Zurzeit gibt es Diskussionen über einen Boykott der Peking-Spiele. Wie stehen Sie dazu?
Ich bin sehr verärgert über das ganze Gerede, das scheint mir eine Art Modeerscheinung der Politiker zu sein, die sich jetzt in den Vordergrund spielen wollen. Es hat doch 50 Jahre lang keinen interessiert, was in Tibet passiert. Als die Spiele nach Peking vergeben wurden, wusste man auch schon, was dort los ist. Ein Boykott wäre eine Katastrophe und kommt einem Berufsverbot gleich. Für manche sind es vielleicht die letzten Spiele, alle haben sich darauf vorbereitet. Es sollte um den Sport gehen, die Politik darf diesen nicht ausnutzen.
Was halten Sie von Maßnahmen wie eine Nicht-Teilnahme an der Eröffnungsfeier oder Protesten während der Wettbewerbe?

Ich als Sportler habe nicht die Macht, etwas an der Situation zu ändern.

Ein weiteres leidiges Thema ist Doping. Bei den Kanuten hört man im Vergleich zu anderen Sportarten eher wenig über Vergehen.
Auch bei uns gibt es schwarze Schafe. Wenn ich dopen wollte, müsste ich zehn Mal Olympiasieger werden und zusätzlich noch einen Kredit aufnehmen, um überhaupt das Geld dafür zu haben.
Dennoch war Ihnen die reine Teilnahme noch nie genug!
Dabei sein ist alles, ist nicht mein Motto. Aber ein Rennen ist auch abhängig von der Tagesform. Alle, die in Peking an den Start gehen werden, sind körperlich genauso fit wie Christian und ich. Da entscheidet, wie man die letzte Nacht geschlafen hat und vor allem Psyche. Ich hoffe, dass wir unter die ersten drei Boote kommen. Aber ich werde lieber Fünfter als Vierter.

Für diese Erfolge mussten Sie auf viel verzichten.
In der Jugend hatte ich nur die Schule und den Sport. Meine Freunde hatten andere Interessen als ich, dann ist das auseinander gegangen. Heute ist es wichtig, dass man Leute und einen Partner um sich hat, der Verständnis dafür aufbringt, dass man so selten zuhause ist. Ich habe des Öfteren über meine Entscheidung nachgedacht, aber ich bereue absolut nichts.

Autor: Sarah Landsiedel

Kommentieren