Wenn am 26. März Nord- und Südkorea im Rahmen der Qualifikation zur WM 2010 aufeinandertreffen, so ist dies eines der letzten verbliebenen Relikte im

Ortstermin: 26. März, Shanghai, China

WM-Qualifikation Nordkorea - Südkorea

hg
26. März 2008, 09:04 Uhr

Wenn am 26. März Nord- und Südkorea im Rahmen der Qualifikation zur WM 2010 aufeinandertreffen, so ist dies eines der letzten verbliebenen Relikte im "Kalten Krieg" zwischen Ost und West. Nach langen Diskussionen - Nordkorea weigerte sich, die südkoreanische Hymne in Pjöngjang zu spielen - ordnete die FIFA die Austragung im neutralen Singapur an.

Die Begegnung der beiden Koreas ist das dritte WM-Qualifikationsspiel zwischen den beiden Ländern, die sich erstmals im Dezember 1978 bei den Asienspielen in Thailand gegenüber standen.

Bis dahin waren ihre Beziehungen auch im Fußball von den politischen Spannungen überschattet. Als Nordkorea 1966 bei der WM in England sensationell Italien ausschaltete und zum Publikumsliebling avancierte, zeigte man sich in Seoul entsetzt über die weltweite Sympathiewelle, die den kommunistischen Brüdern aus dem Norden zuteil wurde. Südkoreas damaliger Machthaber General Park Chung-hee forderte umgehend Maßnahmen, mit denen die "Überlegenheit des Südens", dessen WM-Debüt 1954 gegen Ungarn (0:9) und die Türkei (0:7) weniger glamourös ausgefallen war, wieder hergestellt werden würde.

Ausgerechnet der gefürchtete Geheimdienstchef Kim Hyung-wook wurde mit der Problemlösung beauftragt. Er rief daraufhin im Februar 1967 eine "Yangzee" genannte Mannschaft ins Leben, die Südkoreas Fußball revolutionieren sollte. "Yangzee" stand für "sonnenbeschienenes Land" und entsprach dem Geheimdienst-Motto "Wir arbeiten im Dunkeln, um das sonnenbeschienene Land zu beschützen".

Die Elf wurde mit diversen nationalen Fußballgrößen bestückt und unter die Trainingsleitung von Choi Jung-min gestellt, der 1954 bei der WM in der Schweiz noch für Südkorea gestürmt hatte. Für einen monatlichen Obolus von 25.000 Won und der Aussicht auf weitere lukrative Prämien im Erfolgsfalle quälten sich die Akteure anschließend monatelang in hermetisch abgeriegelten Trainingslagern, wobei sie beste Verköstigung und intensive medizinische Betreuung genossen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Während Yangzee den von Schul- und Betriebsmannschaften geprägten nationalen Fußball bald nach Belieben dominierte, gelang es dem Team auch international, Südkoreas Renommee tüchtig aufzupolieren.

Im Januar 1969 erreichte die Geschichte ihren Höhepunkt. Bei der zweiten Asienmeisterschaft gab das Geheimdienstteam in sämtlichen vier Gruppenspielen keinen einzigen Punkt ab und zog mit beeindruckenden 17:1-Toren ins Halbfinale ein. Dort traf man auf die japanische Elf von Toyo Kogyo (heute Sanfreece Hiroshima), was insofern Brisanz besaß, als Ex-Kolonialmacht Japan sowohl in Nord- als auch Südkorea verhasst war. Yangzees 2:0-Erfolg wurde entsprechend auf beiden Seiten des "Eisernen Vorhangs" bejubelt, und dass die Geheimdienstkicker im Finale gegen Maccabi Tel Aviv verloren, fiel nicht weiter ins Gewicht.

Mit dem frischerworbenen Ruhm im Gepäck machte sich Yangzee anschließend auf eine 105tägige Europatournee durch die DDR, Frankreich, die Schweiz und Griechenland, während der man in 26 Spielen stolze 18 Siege feierte. Die nächste Herausforderung stand im Oktober 1969 an: Im Rahmen der WM-Qualifikation 1970 traf Südkorea auf Erzrivale Japan. Eine Aufgabe für die Geheimdienstelf, die sie zwar mit einem 2:2 bzw. einem 2:0 brillant löste, in der Endabrechung allerdings Australien den Gruppensieg überlassen musste und damit das anvisierte WM-Turnier in Mexiko vorzeitig verpasste.

Ohnehin neigte sich Yangzees Ära dem Ende zu, denn als Geheimdienstchef Kim Hyung-wook 1970 im Zuge politischer Umwälzungen seinen Posten verlor, stand die Mannschaft plötzlich ohne Protektor dar. Am 17. März 1970 wurde sie nach nur drei Jahren aufgelöst und zu einer Anekdote in der Fußballweltgeschichte.

Die Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea indes blieben angespannt. Ganze zwei Hoffnungsschimmer gab es bislang: 1991 reiste eine gemeinsame Juniorenauswahl zur WM nach Portugal, und 2002 ging ein gesamtkoreanisches Team bei den Asienspielen in Seoul an den Start. Die Querelen im Zusammenhang mit der WM-2010-Qualifikationspartie belegten indes, dass der "Kalte Krieg" zwischen Ost und West in Korea noch immer nicht beendet ist.

Autor: hg

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