Die Sporthalle Essen-Margaretenhöhe, ein Sonntagnachmittag mitten in der öden Winterpause: Von einem feinfühligen Schiedsrichter-Fuß getreten, hoppelt der Ball in die Spitze. Torhüter und Stürmer eilen zum Ball, kurz vor dem Strafraum prallen sie aufeinander. Ein Schmerzensschrei, dann das übliche Szenario: Spieler geraten sich an die Wäsche, von irgendwoher kommt ein Trainer wutschnaubend auf den Platz gelaufen. „Ey, Schiri“, ruft einer, der sonst selbst die Pfeife in der Hand hat.

Ortstermin: Schiedsrichter-Hallenmasters des FVN

Essen-Margarethenhöhe Sonntag, 20. Januar 2008

fg
30. Januar 2008, 08:43 Uhr

Die Sporthalle Essen-Margaretenhöhe, ein Sonntagnachmittag mitten in der öden Winterpause: Von einem feinfühligen Schiedsrichter-Fuß getreten, hoppelt der Ball in die Spitze. Torhüter und Stürmer eilen zum Ball, kurz vor dem Strafraum prallen sie aufeinander. Ein Schmerzensschrei, dann das übliche Szenario: Spieler geraten sich an die Wäsche, von irgendwoher kommt ein Trainer wutschnaubend auf den Platz gelaufen. „Ey, Schiri“, ruft einer, der sonst selbst die Pfeife in der Hand hat.

Denn an diesem Nachmittag, beim „Schiedsrichter-Hallenmasters“ des Fußballverbandes Niederrhein (FVN), sind die Akteure auf dem Platz ausnahmsweise mal nicht unparteiisch. Sie sind einfach nur Fußballer, die für ihren Kreis um den begehrten und traditionsreichen Hallen-Titel kämpfen.
Keine Frage: Auch die Schiedsrichter können es „aufm Platz“.

Das erste Viertelfinale zwischen dem Kreis Essen Süd/Ost und dem Rivalen aus Remscheid: Die Kugel landet nach einer perfekten Kombination bei Thomas Söllenböhmer. Das bunte Trikot der Essener Schiri-Auswahl spannt sich über einen für seine 43 Jahre angemessen fülligen Fußballerkörper, als der ehemalige RWE-Verbandsligakicker abzieht und den Kreis 12 eine Runde weiterschießt. In der rechten Ecke der Sporthalle nahe des Margarethenhöher Waldes tobt der schwarz-rote Essener Fan-Block. Die Schiris, die nicht auf dem Platz dabei sind, haben sich für ein Wochenende in „Ultras Kreis 12“ umgetauft.

„Oh, wie ist das schön“ singen sie aus gut 30 Kehlen, unterstützt von Megafon, Trommeln und Fanfaren. Als die Angefeuerten Remscheid aus dem Turnier geworfen haben, startet die „Humba“. Hallenfußball-Stimmung aller erster Güte also, die sich bis zur letzten Sekunde dieses Turniers fortsetzt.
Die vom ehemaligen Krayer Verbandsliga-Coach Norbert Hillebrand trainierten Essener unterliegen im Finale letztlich der Auswahl aus Solingen nach Neunmeterschießen mit 5:6. Enttäuschte Gesichter bei den „Zwölfern“, aber keine Trauer. „Wir waren jahrelang das Dornröschen bei diesem Turnier. Jetzt konnten wir als Ausrichter endlich mal feiern“, sagt Hillebrand, dessen Bruder Hans in den Siebziger Jahren Bundesliga-Schiedsrichter war.

Im Foyer der Halle stehen Funktionäre, Nachwuchsschiris und Frauen zusammen, hier und da huschen Kinder umher - das „Hallenmasters“ hat auch etwas von einem Familientreffen der Unparteiischen vom Niederrhein. „Man kennt sich und diskutiert natürlich auch über aktuelle Entwicklungen“, sagt Thomas Weiz, Schiedsrichter-Obmann im Kreis Essen Süd/Ost.
Die Mannschaften der 14 Kreise im FVN könnten nicht bunter gemischt sein. Grauhaarige „Ü 50er“ kicken an der Seite von 16-Jährigen, in vielen Teams sind Frauen dabei.

Motivationsrituale sind zu beobachten. Eine Mannschaft klatscht sich rhythmisch in Stimmung, es gibt Leitwölfe und Ersatzspieler, obwohl die meisten Mannschaften nur zweimal im Jahr zusammenkommen. Die Ehrgeizigen ärgern sich über jedes Gegentor. Für die meisten ist das Turnier aber ein gemütlicher Wochenendausflug mit allem was dazu gehört. „Man kommt einfach, um ein bisschen zu kicken, der eine besser, der andere schlechter. Aber es geht hier vor allem um den Spaß“, sagt ein Referee aus Oberhausen.

Zwischen den beiden Hallenfußball-Tagen steht traditionsgemäß die „Players Party“ im noblen Hotel Bredeney. Bis tief in die Nacht dauert die „dritte Halbzeit“ der Schiedsrichter. Der ehemalige FIFA-Schiedsrichter Hans-Jürgen Weber, früher selbst beim „Hallenmasters“ am Ball, mischt sich unter die Party-Gäste. „Das war wie in jedem Jahr eine klasse Sache, für die es sich immer wieder lohnt vorbei zu schauen“, gibt ein kickender Schiri aus Bottrop am nächsten Tage mit belegter Stimme zu Protokoll. Dann muss er weiter - die Familie ist gerade gekommen, um ihn bei den anstehenden K.O.-Spielen zu unterstützen.

Einen speziellen Job haben die zehn FVN-Schiedsrichter, die manche ihrer Kollegen bei den zwölfminütigen Spielen mit Freistoß- und Neunmeterpfiffen zur Weißglut treiben. „Ich bin froh, dass ich nicht spielen muss“, sagt der Bocholter Marcel Pelgrim, als Assistent in der 2. Liga aktiv. Mit Bundesliga-Mann Marc Seemann, dem international erfahrenen Marc Borsch, Pelgrim oder der Frauen-Top-Schiedsrichterin Marija Kurtes setzt der Ausrichter auf seine „erste Reihe“. Hier und da ein strenger Blick, vielleicht mal eine Ermahnung - die Top-Schiris vom Niederrhein verleben überwiegend ruhige Partien. „Man geht da schon mit viel Respekt heran. Von diesen Leuten kann man ja selbst noch etwas lernen“, sagt der Essener Thomas Sollenböhmer. Generell gehe es unter Schiedsrichtern weniger hart zur Sache als bei „normalen“ Fußballspielen.

Beim 43-Jährigen steht bald der komplette Karrierewechsel an. Noch bis zum Ende der Saison hält er in der Kreisliga A für die Reserve des FC Kray die Knochen hin. Ab Sommer widmet er sich nur noch dem Job an der Pfeife. „Ich will nicht ganz mit dem Fußball aufhören. Das tut so schon weh genug“, meint Sollenböhmer. Ein ungewöhnlicher Schritt sei dies keineswegs. „Ich kenne viele, die nach ihrer aktiven Zeit als Schiedsrichter weitermachen“, berichtet er.

Das Hallenturnier auf der Margarethenhöhe machte deutlich, dass hinter jeder Schiedsrichterbiografie letztlich auch die eines reinen Fußballers steht. Manche, wie der Essener Zweitliga-Schiri Christian Bandurski, sahen sich durchaus mit der Wahl zwischen zwei Sport-Karrieren konfrontiert. „Letztlich entscheiden sich viele, die Erfolg haben, für die Schiedsrichterei. Schließlich gibt es dort gute Perspektiven“, meint Obmann Thomas Weiz.

Vor der Halle ist es längst dunkel, als die Solinger Schiedsrichter nach dem dramatischen Endspiel den funkelnden Siegerpokal in die Höhe heben. Bürgermeister Rolf Fliß ist gekommen, hätte aber wohl lieber „seinen“ Essenern zum Erfolg gratuliert. Und auch wenn es wieder ein ganzes Jahr dauert, bis das „Schiedsrichter Hallen-Masters“ zum 21. Mal angepfiffen wird, weiß man jetzt schon: Auch im Januar 2009 erwartet die Pfeifenmänner in Mönchengladbach ein ganz spezielles Wochenende, an dem sie einfach nur ihrem Fußballer-Instinkt folgen können.

Autor: fg

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