Bayer Leverkusen ist entsetzt, Trabzonspor verspottet Hakan Calhanoglu sogar noch für die viermonatige Sperre. Der Spieler selbst zieht sich

Fall Calhanoglu

Häme aus Trabzon

sid
03. Februar 2017, 19:06 Uhr
Foto: firo

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Bayer Leverkusen ist entsetzt, Trabzonspor verspottet Hakan Calhanoglu sogar noch für die viermonatige Sperre. Der Spieler selbst zieht sich

Hakan Calhanoglu ersparte sich den Spießrutenlauf. Nach der niederschmetternden Bestätigung seiner Viermonatssperre auch noch auf der Tribüne des Hamburger SV zu sitzen, wo er seit seinem fragwürdigen Abschied verhasst ist - dafür hatte er verständlicherweise keinen Nerv. Der Bayer-Profi reiste umgehend nach Leverkusen ab, um dort sein temporäres Berufsverbot zu verdauen.

Der 22-Jährige ließ vor dem Bundesligaduell am Freitag erboste Funktionäre zurück, die harte Vorwürfe gegen den Internationalen Sportgerichtshof CAS erhoben. "Man hat uns der Möglichkeit beraubt, noch einmal auf dem Transfermarkt tätig zu werden. Ich habe gehört, das CAS-Urteil stand schon einige Tage, es ist uns aber erst am Donnerstag zugestellt worden", sagte Bayer-Geschäftsführer Michael Schade dem SID am Freitag.

"Wir als völlig Unbeteiligte tragen den schwerwiegenden Teil der Strafe."
Michael Schade, Geschäftsführer Bayer Leverkusen

Nach Ablauf des Transferfensters, wohlgemerkt: Reaktion unmöglich. "Ganz besonders befremdlich" nennt Schade das, "wir baden die Sache von damals aus. Wir als völlig Unbeteiligte tragen den schwerwiegenden Teil der Strafe." Auch Sportdirektor Rudi Völler ("Ein schwerer Schlag") ist erzürnt, er verkniff sich jedoch am Freitag zunächst womöglich noch härtere Aussagen.

Für den Rest der Saison fehlt den Leverkusenern ein eigentlich unverzichtbarer Stammspieler, der gefährlichste Offensivmann (6 Tore, 5 Vorlagen), der beste Standardschütze. Bayer sieht sich doppelt gestraft: "Es ist unbestritten, dass man uns sportlich extrem schwächt. Aber man schwächt uns auch wirtschaftlich", betonte Schade: "Der Marktwert eines Spielers steigt nicht, wenn dieser vier Monate lang auf der Tribüne sitzt."

Genau das steht Calhanoglu bevor. Der Mittelfeldspieler wird hilflos zusehen müssen, wie Bayer um die Europapokal-Qualifikation und das Weiterkommen in der Champions League gegen Atlético Madrid kämpft. Der türkischen Nationalmannschaft fehlt er in der WM-Qualifikation.

Das alles, glaubt man ihm, wegen einer Dummheit mit 17. Eine überhastete Vertragsunterschrift bei Trabzonspor kommt ihn sechs Jahre später teuer zu stehen. "Mein Vater kam und sagte: Hakan, du musst den Vertrag unterschreiben", berichtete Calhanoglu dem Express. "Ich hatte doch nur Fußball im Kopf. Ich habe meinem Vater vertraut." Dieser werde sich "nie mehr in meine Karriere einmischen".

Gutgläubigkeit allerdings schützt vor Strafe nicht. Calhanoglu hätte 2012 vor seiner Vertragsunterschrift beim Karlsruher SC durchaus stutzig werden können: War da nicht was? Zumindest in den vergangenen Monaten habe er "manchmal abends im Bett gelegen und gedacht: Mein Gott, warum ist das passiert?"

Sein Handeln begründet er mit Unwissenheit. "Für mich war klar, dass der Vertrag mit Trabzon nur gilt, wenn der Vertrag beim KSC nicht verlängert wird bzw. beide Vereine sich über einen Wechsel einigen", schrieb er am Freitag bei Twitter und Facebook. Informiert hat er den KSC damals nicht, wie Präsident Ingo Wellenreuther dem SID bestätigte.

"Die Strafe gegen Calhanoglu ist noch milde ausgefallen"
Nevzat Aydin, Vize-Präsident von Trabzonspor

Aus Trabzon kam nichts als Häme. "Du unterschreibst bei Trabzonspor, nimmst das Geld und verschwindest!", schimpfte Vize-Präsident Nevzat Aydin via Twitter: "Als wir dann unser Recht suchen, heißt es auf einmal: Aber er ist Nationalspieler."

Trabzonspor hatte bei der FIFA wegen Vertragsbruchs geklagt - trotz Aufforderungen in der Heimat, den Schlüsselspieler der Türken zu verschonen. "Die Strafe gegen Calhanoglu ist noch milde ausgefallen", schrieb Aydin.

Sportrechte-Anwalt Christoph Schickhardt kann das Urteil derweil nicht nachvollziehen. "Schuld ist der türkische Verein, der sich über alles hinweggesetzt hat, was geregelt ist im Weltfußball. Er hat mit einem 17-Jährigen einen Fünf-Jahres-Vertrag abgeschlossen. Das ist verboten", sagte Schickhardt im Sport1-Interview und ergänzte: "Er hätte mit Calhanoglu gar nicht verhandeln dürfen, ohne den Karlsruher SC zu informieren. Der Vertrag hätte gar nicht geschlossen werden dürfen."

Auf seiner Homepage überraschte Trabzonspor unterdessen mit der Mitteilung, die "Calhanoglu-Seite" habe "den Handschlag, den wir für eine Einigung angeboten haben, verweigert". Nur deshalb sei es zur Klage gekommen.

Michael Schade weiß davon nichts. Mit viel Galgenhumor kommentierte er aus Hamburg: "Immerhin hat der CAS den HSV-Fans ihr Feindbild genommen."

Autor: sid

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