Das Stimmungsbarometer rund um die Essener Hafenstraße sinkt immer tiefer in den Keller. RWE-Präsident Michael Welling wehrt sich gegen die Kritik aus dem Umfeld.

RWE

"Warum Spieler aus aller Welt?"

Martin Herms
07. Januar 2016, 17:48 Uhr
Foto: Michael Ketzer

Foto: Michael Ketzer

Das Stimmungsbarometer rund um die Essener Hafenstraße sinkt immer tiefer in den Keller. RWE-Präsident Michael Welling wehrt sich gegen die Kritik aus dem Umfeld.

Fünf Spieler aus aller Welt begrüßte der abstiegsbedrohte Regionalligist am Mittwoch beim Training der ersten Mannschaft. Was zunächst nach einer unspektakulären Meldung aussah, ließ die Gemüter in der Fanszene mal wieder hochkochen. Zahlreiche Leser echauffierten sich darüber, dass Akteure aus Slowenien, Finnland oder Kroatien zum Probetraining eingeladen wurden, während junge Talente aus der unmittelbaren Umgebung offenbar keine Berücksichtung finden würden. "Warum Spieler aus aller Welt? Integration, sprachliche Barrieren, andere Kulturen, muss das sein? Die Fans sollen und wollen sich wieder mit RWE identifizieren können, also holt Spieler aus NRW und der näheren Umgebung", sagte etwa User Klaus Donner.

Es ist aus meiner Sicht äußerst fragwürdig, dass Spieler aus Finnland oder Norwegen von RWE zum Training eingeladen werden
Kai von der Gathen

Dass der sportliche Leiter Andreas Winkler nach einer katastrophalen Hinrunde ohnehin in der Kritik steht, ist kein Geheimnis. Neben der sportlichen Talfahrt stößt dem Anhang die Personalpolitik negativ auf. Sieben der bisher 13 von Winkler verpflichteten Spieler wurden von Vereinen außerhalb Nordrhein-Westfalens geholt. Dieser Umstand missfällt auch talentierten Spielern aus der näheren Umgebung. Via Facebook eröffnete Kai von der Gathen, Abwehrspieler des Oberligisten SpVg Schonnebeck eine Diskussion, an der sich in Essen bekannte Akteure wie seine Schonnebecker Teamkollegen Matthias Bloch, Berkay Öz oder die ehemaligen RWE-Spieler Vincent Wagner und Leon Enzmann beteiligten.

Von der Gathen stammt aus der Essener Jugend und absolvierte zwei Senioren-Jahre an der Hafenstraße. In der abgelaufenen Hinrunde zählte der 25-Jährige zu den überragenden Innenverteidigern der Liga. In der Winterpause lehnte er eine konkrete Anfrage eines Regionalligisten ab. Die Entwicklung seines Ex-Vereins kritisiert der gebürtige Essener scharf. "Es ist aus meiner Sicht äußerst fragwürdig, dass Spieler aus Finnland oder Norwegen von RWE zum Training eingeladen werden. Es gibt in der Region so viele gute Spieler, die es verdient hätten, eine Chance zu bekommen. Aber der Verein setzt auf andere Leute und geht damit einen falschen Weg", meint von der Gathen und fügt hinzu: "Zu NRW-Liga-Zeiten hat RWE auch mal ein Spiel verloren. Aber damals hat niemand gemeckert, weil sich die Fans mit der Mannschaft identifizieren konnten. Diese Spieler haben alles gegeben und wären wie ich zur Not mit dem Fahrrad zum Training gekommen. Heute ist das leider nicht mehr der Fall und deshalb regen sich die Leute auch zurecht auf."

Einer, der von den Fans immer wieder beispielhaft genannt wird, ist von der Gathens Teamkollege Matthias Bloch. Der 24-jährige Abwehrspieler zählt seit Jahren zu den Leistungsträgern der "Schwalben" und wurde kürzlich zu einem Probetraining der U23 von Borussia Dortmund eingeladen. Eine Anfrage von Rot-Weiss Essen hat es bisher noch nicht gegeben. "Es wäre natürlich ein Traum für mich, nur einmal ein Probetraining bei RWE absolvieren zu dürfen. Es gab aber keine Anfrage, von daher muss ich mich damit nicht beschäftigen", erklärt Bloch.

Vincent Wagner, aktuell in Diensten des Ligarivalen FC Kray und zuvor sieben Jahre für RWE am Ball, bewertet die jüngste Entwicklung ebenfalls kritisch. "Probespieler sind in dieser Spielklasse das normalste der Welt. Allerdings finde ich diese internationale Auswahl mehr als unglücklich. Ich hoffe, dass es lieber einer aus der A-Jugend schafft. Die hat sich wirklich sehr gut entwickelt."

Michael Welling hält die Aufregung hingegen für komplett übertrieben. Der 1. Vorsitzende von Rot-Weiss Essen erklärte auf Anfrage: „Jungs aus der Region müssen wir nicht zum Probetraining einladen. Sie können sich sicher sein, dass wir die bereits kennen. Jürgen Lucas und Dirk Hellmig kennen sich da bestens aus. Außerdem – mal ehrlich – sollen wir denn wirklich einen 25-Jährigen, den wir bereits kennen, weil er schon bei uns gespielt hat, noch einmal zum Probetraining einladen? Das halte ich für verzerrt.“

Grundsätzlich hält Welling das aktuelle Vorgehen der Sportlichen Leitung sogar für gut: „Ich bin froh, dass bei uns niemand blind aufgrund eines Tipps verpflichtet wird. Wir schauen uns die Spieler erst einmal an und machen uns Gedanken.“

Auf der Seite 2 ein Kommentar zur Situation rund um die Hafenstraße

Autor: Martin Herms

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